In einer etwas anders gelagerten Realität bevölkerten einst Superhelden die Städte Amerikas, doch ein Dekret hat die maskierten Gesetzeshüter in Pension geschickt. Nun, Mitte der 80er Jahre, macht ein Killer Jagd auf die alten Kämpfer und eine Gruppe unter der Führung von Nite Owl versucht hinter das Geheimnis der Verschwörung zu gelangen. Derweil treiben die USA unter der Führung des mehrfach wieder gewählten Präsident Nixon auf einen nuklearen Konflikt mit der UdSSR zu. Nach 300 erweist sich Zak Snyder auch im Falle der Comic-Verfilmung von Alan Moores preisgekrönten "Watchmen" als Glücksfall. Ein anspruchsvolles Superhelden-Epos, das seinesgleichen sucht!
Beinahe wäre Zak Snyders zweite Comic-Adaption einem Rechtsstreit zwischen Warner und Fox zum Opfer gefallen. Spätestens seit Mitte der Neunziger Jahre hatten verschiedene Produktionsteams um eine Verfilmung der legendären DC-Miniserie aus dem Jahre 1986/87 gerungen. Der Brite Alan Moore (From Hell, V wie Vendetta) hatte das Szenario geschrieben und Dave Gibbons hatte das Ganze in Bilder gegossen. Noch 2005 hatte Darren Aronofsky kurzzeitig das Projekt inne, doch als seine mehrteilige Vision abgelehnt wurde, widmete er sich lieber dem preisgekrönten Drama The Wrestler, das ironischerweise nur eine Woche früher am 26.2. in Deutschland anlief.
Erst Zak Snyder konnte die überaus komplexe Struktur so zähmen, dass sie in 163 Minuten filmisch umsetzbar wurde. Doch aufgrund der unklaren Rechtslage - Fox hatte ursprünglich die Filmrechte, gab sie jedoch wieder ab, weil man den Stoff für unverfilmbar hielt, und klagte kurz nach Fertigstellung des Films auf Schadensersatz - musste im Januar erst ein Gericht den Weg frei für den US-Start machen.
Watchmen - Die Wächter spielt Mitte der Achtziger Jahre in einem parallelen Amerika, in dem die Geschichte einige andere Wendungen genommen hat. Zum Beispiel existierten dort seit den 40er Jahren Superhelden und kämpften diese in verschiedenen Kriegen. Darüber hinaus haben die USA dank Mr. Manhattan den Vietnamkrieg gewonnen, steht Richard Nixon nach einer Gesetzesänderung vor seiner fünften Amtszeit und regiert ein Land, das seltsam militaristische Züge trägt.
Ein Dekret hat die Superhelden der ersten und zweiten Generation verboten. Nur wer für die Regierung arbeitet, erhält eine Sondergenehmigung. Derweil steuert der Ost-West-Konflikt auf einen Nuklearkrieg zu. Ein russischer Erstschlag wird nur durch die Allmacht von Dr. Manhattan (Billy Cudrup) verhindert. Der ehemalige Physiker hat seit einem Laborunfall geradezu göttliche Macht erlangt. Zeit und menschliche Existenz sind für ihn kaum mehr relevant, weshalb er sich zur Forschung auf ein Militärgelände zurückgezogen hat.
Da schreckt der Mord an dem raubeinigen Superhelden The Comedian (Jeffrey Dean Morgan) die pensionierte Heldengemeinde auf. Nun gibt es viele Leute, die den Comedian hassen, aber nur wenige, die die Macht besitzen, ihn derart zu vermöbeln und aus dem Fenster seines Apartments zu werfen. Der in den Untergrund abgetauchte, weiterhin aktive Rorschach (Jackie Earle Haley) glaubt an eine Verschwörung zur Beseitigung der kostümierten Gesetzeshüter. Doch sein ehemaliger Partner Nite Owl (Patrick Wilson) und Dr. Manhattans frustrierte Freundin Silk Spectre (Malin Akerman) bezweifeln dies.
Überhaupt hat Silk Spectre andere Probleme, die sie in die Arme von Nite Owl treiben. Kurz darauf wird ein Anschlag auf Ozymandias (Matthew Goode) verübt, dem der klügste und erfolgreichste aller ehemaligen Superhelden aber entgeht. Schließlich wird ein alter Superschurke exekutiert und die Tat Rorschach in die Schuhe geschoben. Nun sind auch Nite Owl und Silk Spectre von einem Komplott überzeugt. Doch was ist das Ziel der Verschwörer?
Derweil gehen die USA auf DEFCON 2, steht die Welt am nuklearen Abgrund. Fieberhaft ermitteln die eingerosteten Helden. Allerdings trennt sich Silk Spectre von Dr. Manhattan und dieser verlässt die Erde in Richtung Mars. Auch Ozymandias reist ab - in die Antarktis, um eine neue Energiequelle zu testen. Nite Owl und Silk Spectre befreien den inhaftierten Rorschach, der mittlerweile eine Ahnung vom Ausmaß der Verschwörung hat. Doch auch ihm ist noch nicht wirklich klar, dass es um buchstäblich das Ganze geht...
Kaum ein Comic hat je diese exquisite Komplexität und virtuose Erzählweise erreicht wie der von Preisen auch jenseits des Mediums überhäufte "Watchmen" (z.B. den Hugo Gernsback Award). In Deutschland außerhalb der Comic-Szene weitgehend unbekannt, wurde das Werk mit seiner emotionalen Tiefe und seiner gesellschaftspolitischen Kritik schnell zum Klassiker, weil die zahlreichen Figuren, Themen und Motive, die Kühnheit des Alternativwelt-Entwurfes sowie die überaus ernsthafte Spekulation, welche Auswirkungen Superhelden auf die reale Welt hätten, immer wieder zur Erkundung von "Watchmen" einladen. Der literarische Rang des Werkes steht außer Zweifel und lässt sich in seiner medialen Bedeutung für die Comics und seinen inhaltlichen Detailreichtum vielleicht am besten mit Marcel Prousts ausladendem Hauptwerk "Auf den Spuren der verlorenen Zeit" vergleichen.
Zak Snyders Umsetzung muss im Rahmen der komplexen Vorlage als kongenial bezeichnet werden. Ihm gelingt es, das Werk im Wesentlichen unverändert auf die Leinwand zu zaubern. Den virtuosen, oft filmesk wirkenden Panels setzt er fast identische Bilder entgegen. Zwar lässt er vor allem die Exkurse in die Frühzeit der Superhelden sowie viele der mannigfaltigen Hintergrundinformationen wegfallen. Aber auch so bleibt noch immer so viel Material übrig, dass die unvoreingenommenen Kinogänger ihr Popcorn und ihre Cola beiseite schieben müssen, damit sie dem Geschehen hochkonzentriert folgen können.
Wer banale Superheldenaction mit Tralala und Hopsasa erwartet, dürfte schon nach wenigen Minuten das Handtuch werfen. Wie schon Millers The Spirit ist Watchmen - Die Wächter nicht fürs banale Unterhaltungskino zu gebrauchen. Auch wenn es den Kinogängern in diesem Comic-verachtenden Land nicht gefällt, so erweist sich ausgerechnet diese Superhelden-Verfilmung als überaus anspruchsvoll, komplex und hintersinnig. Trotz aufwändiger Tricks und Effekte, Genre-typischer Action, Hommagen an die Schwarze Serie und atemberaubenden visuellen Eskapaden bleiben auch in der Leinwandversion von Watchmen - Die Wächter die spekulativen Fragen der Vorlage erhalten. Diese drehen sich im Kern um die Ungewissheit, ob die Menschheit zum Frieden wirklich bereit ist oder ob es einer äußerlichen Bedrohung/Macht bedarf, die den Krieg und Gewalt unmöglich macht.
Die Aktualität der erörterten Thesen ist ungebrochen, auch wenn das Szenario des Ost-West-Konfliktes mit fast 20 Jahren Abstand etwas mottig wirkt. Trotzdem sticht das Thema direkt in die veränderte Wahrnehmung von Macht und Politik und führt unweigerlich zum Nachdenken über den Zustand der Weltpolitik. Das im Titel und in verschiedenen Graffiti an Häuserwänden angedeutete Zitat des römischen Autors Juvenal (dt. "Wer wird die Wächter überwachen?"), der Ausgangspunkt aller Ereignisse, macht eine tiefere Auseinandersetzung mit dem bildgewaltigen Werk unumgänglich.
So lädt das Werk zu einem zweiten und dritten noch immer wuchtigen und beeindruckenden Erleben ein, bei dem man dann sein Augenmerk auch auf die zahllosen großartigen kleinen Details richten kann, wie den Einsatz von Songs wie Dylans "The Times They are a-changin", die aus den Zitaten der Kapitel-Überschriften entnommen wurden. Ob sich dies auch hierzulande in hohen Umsatzzahlen niederschlagen wird, bleibt angesichts der bereits erwähnten allgemeinen Abneigung der Deutschen gegen über der Neunten Kunst fraglich. Es wäre wünschenswert.