Mutterglück ist das höchste Glück auf Erden - so sagt man. Nicht aber für alle Frauen. Als Rabenmütter verschrien, erkranken jedes Jahr in Deutschland Zehntausende an Postnataler Depression. Diese Störung im Gleichgewicht des Hormonhaushalts lässt diese Frauen keine Mutterliebe empfinden. Überfordert lassen sich in dieser Situation manche zu furchtbaren Handlungen hinreisen. Aber es existiert ein Weg hinaus, zurück zum Mutterglück. Das Fremde in mir zeichnet mit scharfen Psychogramelementen diesen Weg einer jungen Mutter nach. Teilweise verstörend, ein Tabuthema aufgreifend, werden Gefühlschaos und die sozialen Konsequenzen in ihrem Leben glaubwürdig inszeniert. Nicht schonungslos genug möglicherweise, aber sehenswert.
Tausend- und millionenfach kommt es im Tierreich vor. Auch bei uns Menschen? Oft nicht mehr als eine Schlagzeile in der Tagesschau. Wieder mal wurde ein Neugeborenes hinter einer Mülltonne gefunden. Welche Rabenmutter, welches Monster ist zu solch einer Tat fähig? Dass Weibchen ihre Jungen verstoßen, daran haben wir uns gewöhnt. Ohne diesen Umstand wäre Eisbär Knut nicht zum Medienstar avanciert. Das sind halt Tiere, die tun so was! Beim Menschen kann in punkto Mutterliebe ebenfalls einiges schief gehen. Für Biologen ist für das Entstehen von "Liebe" ohnehin nicht mehr als ein Hormoncocktail im Hirn verantwortlich: Dopamin, Serotonin und besonders wichtig Oxytocin.
Dieses "Bindungshormon" führt dazu, dass Mütter die stärkste menschliche Bindung aufbauen, die wir kennen: die Bindung zu ihren Kindern. Manchmal läuft hierbei etwas verkehrt. Während der Schwangerschaft wurde der weibliche Körper noch mit Glückshormonen überschüttet, und plötzlich nach der Endbindung fallen sie weg. Die Frauen stürzen in einen bodenlosen Abgrund und ihr eigenes Kind löst keinerlei Empfindung bei ihnen aus, wird zu etwas völlig Fremden.
Rebecca (Susanne Wolff) und Julian (Johann von Bülow) wünschten sich ein gemeinsames Kind. Nun ist es da, und die Freude sollte eigentlich groß sein. Aber Rebecca fühlt nichts. Kann mit diesem "etwas", dass ihrem Körper entsprossen ist, rein gar nichts anfangen. Julian muss jetzt noch mehr in seinem Job als Architekt arbeiten, und Rebecca soll zu Hause die Stellung halten - so war das abgemacht. Rebecca ist mit der Situation tagtäglich mehr und mehr überfordert. Nicht nur, dass sich keine erhofften Gefühlsregungen bei ihr einstellen. Julian nimmt sie und ihre Probleme überhaupt nicht wahr. Wenn sie einmal versucht mit ihm zu reden, hört sie nur: Stell dich nicht so an. Reis dich gefälligst zusammen! Ich muss den ganzen Tag hart arbeiten, um uns durchzubringen, da wirst du wohl das bisschen hier schaffen.
Früher war Rebecca selbständig, hatte einen eigenen Laden, ein eigenes Leben. Jetzt ist sie Putze, Köchin und Haushälterin. Alles wäre womöglich besser ohne dieses Balg! Die Gefühlskälte beginnt sich allmählich in Ablehnung und Aversion zu wandeln, und die Situation spitzt sich zu. So weit weg ist ihr manchmal gedanklich das Baby, dass sie es an einer Haltestelle vergisst. Fortwährend lebt sie in einem Versagenskomplex, gibt sich an allem Übel die Schuld, zermartert sich in Selbstvorwürfen. Am Ende weiß sie nur noch einen grausamen Ausweg. Die Tat misslingt und eine schwierige Reise der Annäherung und Endeckung der eigenen Emotionen beginnt.
Kein schockierender Streifen, nicht brutal und schonungslos. Aber sehr ehrlich. Szenenweise in körniger Bildregie und mit unruhiger Kamera. Zu Beginn mit assoziativen Rückblenden, anstrengend, asynchron geschnitten, zerrissen, wie die Protagonistin selber. Die gesellschaftliche Brandmarkung im nächsten sozialen Umfeld thematisierend, nie übertreibend, vor allem erzählend und nicht wertend. Eine ordentliche Leistung. Dieses Tabuthema wird gekonnt angegangen, aber es fehlt dennoch etwas die endgültige Zuspitzung.
Die Psychogramme der Charaktere sind wohl gezeichnet, aber nicht schroff genug. Offen und ehrlich werden psychologische Höhen und Tiefen durchschifft, doch wird kein großes Seelenkino daraus und die Geschichte letzten Endes zu sehr ins Positive gewendet. An Glaubwürdigkeit verliert das Drama dennoch nicht, und das liegt vor allem an einer bravourös agierenden Susanne Wolff, welche die Story mit Leben füllt. Um Mitleid für das Verhalten Rebeccas wird dabei nie geheischt. Und die Geister würden sich an diesem Punkt auch scheiden. Postnatale Depressionen sind in den Köpfen vieler nicht mehr als eingebildete Seelengespinste. Im Vordergrund steht die Erkenntnis, dass es mit solch einer Erkrankung nicht endet, dass es Hilfe gibt und auch die Mutterliebe sich trotz allem entwickeln kann.