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Epische Lebensgeschichte eines Mannes, dessen Alterungsprozess rückwärts abläuft. Die sich aus dieser Situation zwangsläufig ergebenden Konflikte und Situationen sind, wie die eines normalen Lebens auch, urkomisch bis tieftraurig, und regen den Zuschauer gerade wegen ihrer grundsätzlichen Normalität zum Nachdenken an. Die mehr als üppige Verfilmung einer Kurzgeschichte ist solide, bewegend und aufmunternd zugleich, ein echter Fincher-Film eben.
Es ist 1918, der erste Weltkrieg ist zu Ende, ein wohlhabendes Ehepaar in New Orleans bekommt an diesem Tag ein Kind. Die Mutter stirbt noch am Tage der Geburt, der nach Hause geeilte Vater schlägt die Tücher zurück, die das Neugeborene in seiner Wiege wärmen - und erschrickt zu Tode. Er packt das Kind und setzt es aus: Auf der Treppe eines Altersheims, wo es bald darauf gefunden wird. Queenie, eine liebevolle schwarze Wirtschafterin, nimmt es in ihr Zimmerchen und bittet den Arzt, der gerade auf Visite ist, sich das furchterregende kleine Wesen einmal näher anzusehen. Der Arzt diagnostiziert lauter Alterskrankheiten im Endstadium, und tatsächlich sieht der hässliche Säugling aus wie ein 95-jähriges Baby. Er habe nur noch wenige Tage zu leben, wenn überhaupt, sagt der Mediziner und empfiehlt sich flugs.
Doch was keiner weiß: Benjamin, so tauft Queenie das Kind, wächst und gedeiht, lebt weit länger als nur einige Tage und wird dabei auch noch immer jünger. Zunächst fällt dies nicht auf, denn wenn aus einem taubblinden Tattergreis ein seniler Alter mit grauem Star wird, freut man sich zwar ein wenig über die kleine Verbesserung, doch von langfristig heranrückender Jugend kann noch keine Rede sein. Von außen betrachtet scheint einfach nur ein kleiner alter Mann unter den anderen Senioren im Heim zu wohnen, doch erkennt die kleine Daisy schnell, dass Benjamin kein normaler Opi ist. Denn Benjamin ist zu genau den gleichen Späßen und Narreteien aufgelegt wie andere Kinder, denn innerlich lebt Benjamin vorwärts. Zwischen den beiden entspinnt sich die wohl seltsamste Freundschaft seit Harold und Maude.
Über die Jahre wird aus dem kleinen Greis ein großer, stolzer und aufrechter Mann, der in die Welt hinauszieht und mit dem scheinbaren Vorsprung der großen Lebenserfahrung damit gar nicht mal schlecht fährt. Ein Job auf dem Schlepper Chelsea führt ihn bis nach Russland, denn im großen Krieg der 1940er müssen schließlich die angeschossenen Schiffe der Alliierten geborgen werden. So erlebt der äußerlich rund 60 jährige Benjamin eines Nachts eine Seeschlacht mit einem U-Boot, sein Leben erfährt hier einen gewaltigen Wendepunkt. Auf seinen Reisen trifft Benjamin eine Menge interessanter Menschen, doch die größte Liebe wird immer Daisy bleiben. Die hat es mittlerweile an den Broadway geschafft und wird sogar als einzige US-amerikanische Ballerina ans Bolschoitheater nach Moskau geladen.
Unter der Regie von David Fincher (Sieben, Fight Club, Panic Room) wurde die gleichnamige Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald, die 1921 erschien, gewaltig umgeschrieben, um sie Hollywoodtauglich zu machen. Während Benjamin im Original, das auch noch rund 60 Jahre früher spielt, bei seinen leiblichen Eltern aufwächst und sich auch geistig von alt nach jung entwickelt, konzentrieren sich die Probleme der Kinogeschichte eher auf Alltagsprobleme, während Benjamin sich geistig von jung nach alt entwickelt. In der vorliegenden Verfilmung wurde so natürlich ordentlich emotionales Potential angehäuft, um den Film stärker auf das Publikum wirken lassen zu können.
Abgesehen von dieser Umgestaltung ist Benjamin Button ein absolut solider, bildgewaltiger und dramaturgisch perfekt durchdachter Blick auf einen Menschen, der gezwungen ist, gegen den Strom zu schwimmen, und der den Zeitpunkt seines natürlichen Todes mit einiger Gewissheit vorhersehen kann. Der Film erinnert streckenweise an Forrest Gump und Big Fish - Der Zauber, der ein Leben zur Legende macht, auch finden sich eine Menge erleichternder Momente voller Komik bis hin zum Slapstick.
Brad Pitt bestand darauf, Benjamin Button in allen Phasen seines Lebens selbst zu spielen, wenn man von den Säuglingen am Anfang und Ende absieht. Dies ist ihm glänzend gelungen. Während man Pitt hinter dem alten Benjamin Button mit Hilfe einer Menge guter Tricks nur vage vermuten kann, erinnert sein Aussehen "in den besten Jahren" eher an Tim Robbins, und sein scheinbar ungeschminktes Auftreten irritiert im aktuellen Brad-Pitt-Alter zunächst ein wenig.
Cate Blanchett, die die erwachsene Daisy spielt, erinnert in ihren jungen Jahren stark an die ebenmäßige Galadriel aus Der Herr der Ringe - Die Gefährten. Obwohl Blanchett mit ihren fast 40 Jahren noch lange keine digitale Nachbesserung ihres Aussehens bräuchte, wurde hier garantiert massiv nachbearbeitet, um die so ziemlich hübscheste, im Grunde jedoch nichtexistente Person des aktuellen Kinogeschehens zu erzeugen. Im Übergang zur älteren Daisy helfen Halbmondbrille und strenger Pferdeschwanz als einfache Tricks, um die Schauspielerin deutlich älter wirken zu lassen, als sie ohne große Effekte eigentlich wäre.
Benjamin Button ist ein ganz besonderer Film. Kein Drama, keine Biographie, sondern einfach nur ein leicht skurriles Szenario, eines von vielen, das mit der simplen Frage "Was wäre, wenn?" eingeläutet werden kann. Ausschlaggebend für die Geschichte könnte übrigens die allgemeingültige Erkenntnis "Youth is wasted on the Young" gewesen sein, die George Bernard Shaw zugeschrieben wird. |