Grenzen können allgegenwärtig sein. Selbst wenn Menschen die geografischen überwinden, um eine neue Heimat zu finden, bleiben noch die der Kulturen, der Gesetze und die in den Köpfen. Crossing Over beschreibt in Episoden die Schicksale illegaler Einwanderer und Staatsdiener, die in den Migration Offices arbeiten und nicht immer dem Recht folgen. Die angestrebte Selbstkritik aber geht in der Beweihräucherung amerikanischer Ideale unter. Trotz guter Ansätze, kann sich der Film nicht aus Pathos und Patriotismus emanzipieren. Da wäre mehr drin gewesen.
Die Perspektive zwischen "Richtig" und "Falsch" verschwimmt gelegentlich, wenn Staatsdiener täglich mit den Schicksalen von illegalen Einwanderern konfrontiert sind. Los Angeles ist der Ort zu den es die meisten Einwanderer in den USA zieht - legale, wie illegale. Die illegalen ausfindig zu machen und zurück in ihre Heimat zu schicken, ist der Job der Agents vom Immigration and Customs Enforcement (ICE). Der in die Jahre gekommene Agent Max Brogan (Harrison Ford) hat während seiner Dienstzeit einiges gesehen und erlebt. Langsam, scheint es, sehnt er sich nur noch seiner Pensionierung entgegen.
Als er einer jungen Mexikanerin hilft, die bei einer Razzia verhaftet wurde und sich um ihren Sohn kümmert, überquert auch er die (unsichtbare) Grenze zur Illegalität. Und schon verschwimmen die Perspektiven und die "Guten" begehen mehr als fragwürdige Taten: Max' Partner, der persisch-stämmige Hamid Baraheri (Cliff Curtis), dessen Eltern kurz vor ihrer Einbürgerung stehen, fürchtet um die Konflikte, die entstehen könnten, wenn die traditionell-islamisch geprägte Welt seiner Familie mit den amerikanischen Werten kollidiert. Seine Schwester Zahra lebt ohnehin ein sehr freizügiges Leben, das vielen Familienmitgliedern gegen den Strich geht. Eines Nachts wird sie ermordet; ein "Ehrenmord"? Und der Täter Hamid, der ICE-Agent?
Andere Staatsdiener haben ganz eindeutig Dreck am Stecken: Der Verwaltungsbeamte Cole Frankel (Ray Liotta), der für die Ausgabe von Green Cards verantwortlich ist, nutzt seine Position mehr als aus: Er verspricht der jungen Australierin Claire Shepard (Alice Eve), die in der Traumfabrik Hollywoods Karriere machen möchte, eine Aufenthaltserlaubnis, wenn sie ihm im Gegenzug einige Monate sexuell gefällig ist. Währenddessen streitet Denise Frankel (Ashley Judd), seine Frau, als Anwältin um die Rechte von Einwanderern, die abgeschoben werden sollen. Das sind nur einige der Episoden, die locker zusammenhängen und die Schicksale der Menschen skizzieren, die ein Leben im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" anstreben. Und ebenso derer, die dem Recht dienen und dabei nicht nur in Gewissenskonflikte geraten, sondern selber manche Grenze überschreiten.
Auf den ersten Blick vermeint man endlich wieder einen kritischen amerikanischen Film vor sich zu haben; vergleichbar mit Von Löwen und Lämmern. Der Eindruck ist trügerisch: Zwar gibt es allgegenwärtig kritische Untertöne und zu Beginn scheint es, als würde die amerikanische Einwanderungs- und Bleiberechtspolitik zumindest teilweise an den Pranger gestellt, doch ist dies nicht viel mehr, als Mittel zum Zweck, die Konflikte des Clash of Cultures zu versinnbildlichen. Die Selbstkritik wird noch am deutlichsten in Punkto Islamparanoia und Staatswillkür: Eine junge Schülerin aus Bangladesh versucht in einem Schulreferat die Motive der 9-11-Täter etwas differenzierter darzustellen und die Frage aufzuwerfen, ob die USA mit ihrer Politik nicht solche Aktionen fördert. Wenig später führt das FBI bei ihr zu Hause eine Razzia durch, und danach wird sie, die nicht in den USA geboren wurde, aus dem Lande ausgewiesen. Ihre Geschwister dürfen bleiben; sie sind in der USA zur Welt gekommen; damit amerikanische Staatsbürger.
Liegt der Grundtenor bei Crossing Over eigentlich bei der Überschreitung von Grenzen und der Relativierung von Recht und Unrecht, oder besser Recht und Gerechtigkeit, thematisiert der Subtext ganz eindeutig das Streben all dieser Menschen, unterschiedlicher ethnischer Herkunft, Teil dieses "gelobten Landes" zu werden; ein Bleiberecht zu erhalten oder wenn das nicht gelingt: sein Glück als Illegaler zu versuchen. Alle Kritik an bürokratischen Regularien, dem Verhalten von Staatsorganen und der Politik im Allgemeinen, die ansatzweise in Motiven hineingeworfen wird, verpufft letzten Endes. Die faulen Äpfel im amerikanischen Obstsalat entpuppen sich als nichtrepräsentativ. Es sind Einzelfälle, die amerikanische Gerechtigkeit obsiegt und all jene, die wirklich einen Platz in diesem Land aus aufrichtigen Motiven haben wollen, werden auch einen erhalten. Die Vereidigung der "Aufrechten" während einer Einbürgerungszeremonie und die Beteuerung Das ist der spirituellste Augenblick in meinem Leben trieft von patriotischem Pathos und macht alle halbwegs guten Anätze vorher vergessen.
Crossing Over fährt sich gewollt oder nichtgewollt in seiner Aussage fest und überrascht im Verlauf nur noch durch Wendungen in den einzelnen Episoden. Das abschließende indirekte Fazit klingt regelrecht abgedroschen: Welcher Kultur du auch immer entstammst, du kannst Teil des Ganzen sein, wenn du dich dem Wertesystem anpasst. Schauspielerisch ist der Film ebenfalls keine ausgesprochene Offenbarung: Überwiegend routiniert agieren die Darsteller und Ray Liotta glänzt als "Dreckskerl vom Dienst". Harrison Ford sieht im Vergleich zu Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels wie um 15 Jahre gealtert aus. Dem Hollywood-Recken gelingt es zwar in der Rolle des etwas abgetakelten ICE-Agents zu überzeugen, aber der Figur mangelt es sowohl an Unterbau als auch an Substanz. Insgesamt ein (für den deutschen Raum) unnötiger Film, der nur ganz selten zu packen vermag.