1936 gilt die Bezwingung der Eiger-Nordwand als das Maß der Dinge in der Bergsteigerwelt. Neben vielen anderen europäischen Alpinisten machen sich die Berchtesgadener Asse Toni und Andi ebenfalls an die Besteigung. Unten im Tal sitzen die Reporter und hoffen auf Sensationen jedweder Art. Darunter auch Tonis alte Flamme Luise, die mit ansehen muss, wie der Berg wieder Opfer verlangt. Philipp Stölzl inszeniert ein packendes und episches Bergsteigerdrama mit großen Schauwerten, Drama und Action. Sein Starensemble aus Benno Fürmann, Johanna Wokalek, Florian Lukas, Simon Schwarz, Georg Friedrich und Ulrich Tukur unterstützt ihn dabei.
Es gibt sie immer öfter, diese aufwändigen, für ein internationales Publikum gedachten deutschen Großprojekte. Noch klappt es nicht immer mit der Perfektion (siehe Der rote Baron), aber man hat sich schon an einen Qualitätsstandard herangepirscht, der an guten Tagen auch aus Hollywood kommen könnte. Nun hat Philipp Stölzl ein Bergsteigerdrama gedreht, das über eine selbstmörderische Besteigungswut im Jahre 1936 berichtet. Zwar ist der Bergfilm seit Jahrzehnten ein selten beackertes Genre, weil dieses doch zu sehr für faschistische Ideen missbraucht wurde. Stölzl und sein Autorenheer sind sich dieser Gefahr bewusst und betonen deshalb eine anti-nationalsozialistische Grundhaltung. Sie glauben, dass es in diesen sportbegeisterten Zeiten bei all der Faszination für Extrem- und Free-Climbing wohl auch für das "ordinäre Kraxeln" ein Publikum finden wird. Die vielen erfolgreichen Dokus wie Am Limit oder Sturz ins Leere bestätigen dies.
Um sicher zu gehen, setzte man die Weltpremiere von Nordwand für das Open-Air-Kino auf dem Piazza Grande bei den renommierten Filmfestspielen von Locarno an. Es konnte keinen besseren Ort dafür geben. Umrandet von den Gipfeln des Tessins in einem noblen italienischen Ambiente unter dem sommerlichen Sternenhimmel, bezeugten Tausende von Filmfans die deutschen Erfolgsträume - und waren begeistert.
Im Frühjahr 1936 läuft die Propagandamaschinerie für die Olympischen Sommerspiele bereits auf Hochtouren. Die Nazi-Führung hat den Wettstreit der Völker ausgerufen, um die Dominanz der "eigenen Rasse" zu dokumentieren. Wild wird nach Helden gesucht und Chefredakteur einer Berliner Zeitung, Henry Arau (Ulrich Tukur), glaubt endlich zwei gefunden zu haben. Die Berchtesgadener Bergsteiger Toni Kurz (Benno Fürmann) und Andi Hinterstoisser (Florian Lukas) haben alles, was man für die propagandistische Berichterstattung braucht. Der Hinweis kam von der schüchternen neuen Redakteurin Luise Fellner (Johanna Wokalek), die die beiden bestens kennt.
Und tatsächlich bereiten sich Toni und Andi intensiv auf die Besteigung der Eiger Nordwand vor. Allerdings ganz ohne einen nationalsozialistischen Größenwahn, sondern mit der Professionalität von Männern, die glauben, dass das bislang Unmögliche eben doch möglich ist. Die Durchsteigung der Wand hat bisher noch niemand geschafft. Beim Versuch sind hier schon mehr Menschen umgekommen als an irgendeinem anderen Berg. Unwirtliches Gelände ohne Halt, fast senkrechte Wände, vereistes und poröses Gestein, dazu die völlig unvorhersehbaren Wetterumschwünge - Die "Nordwand" besitzt einen mörderischen Ruf! Trotzdem fahren in diesem Sommer nicht nur die beiden Deutschen vom schweizerischen Grindelwald mit der Zahnradbahn zur Kleinen Scheidegg hinauf, wo die Touristen in großen Hotels die Bergluft um das Eiger-Jungfrau-Mönch-Massiv genießen. Während sich Arau mit Louise im Nobelhotel einquartiert, zelten Toni und Andi draußen auf der Wiese neben Österreichern, Italienern und anderen Gruppen. Doch die Annäherung an den Berg geht zäh von statten. Den Beobachtern wird bald langweilig, denn keines der Teams macht Anstalten zur ernsthaften Besteigung. Das Wetter macht den Männern einen Strich durch die Rechnung. Da bleibt Zeit, alte Freundschaften und mehr wieder aufleben zu lassen, denn Louise und Toni verbindet weit mehr, als nur die gleiche Heimat und die Liebe zum Bergsport. Doch bevor sich die beiden zu ihren Gefühlen bekennen können, klart es auf. Noch im Dunkeln starten Toni und Andi den Angriff auf der gewagtesten Route durch die Wand. Bald hören sie die höhnischen Rufe ihrer erbitterten, österreichischen Konkurrenten Willy Angerer (Simon Schwarz) und Edi Rainer (Georg Friedrich) hinter sich. Doch der Wettstreit um die Lorbeeren einer Erstbezwingung der "Nordwand" wird bald abgelöst von einem verzweifelten Kampf ums Überleben. Während unten im warmen Hotel die Touristen das sensationelle Ereignis mit ihren Ferngläsern verfolgen, zeigt der Berg sein furchtbarstes Gesicht...
Philip Stölzl präsentiert mit "Nordwand" ein hochkommerzielles und packendes Bergsteigerdrama, das mit Action, Drama und Gefühlen sein Publikum im Sturm erobert. Die spannende und mitreißende Handlung lässt die Zuschauer, wie jene Touristen im Hotel, dem Ausgang der Ereignisse entgegenfiebern. In 126 Minuten wechselt sich die eisige und unerbittliche Steinwelt des Berges immer wieder mit der wohligen Wärme der Hotelsäle ab. Hier nahezu schwarzweiße Bilder von Verzweiflung und Tod, dort eine mondäne Farbenfröhlichkeit, die fast Partystimmung erzeugt. Ein knallharter Kontrast!
Getragen von starken und engagierten Darstellern, allen voran Führmann, Schwarz und dem genialischen Tukur, gelingt es den Machern, der Geschichte jene Faszination zu verleihen, die man für einen großen Kassenerfolg braucht. Dabei sind Kostüme und Ausrüstung ebenso aufwändig wie das Panorama der Berner Alpen. Der Aufwand ist groß und die Bilder großartig. Vieles ist im Studio gedreht, aber auch dort gab man sich alle Mühe, Grausamkeiten wie beim Renny Harlin-Actionkracher Cliffhanger (1993 mit Sylvester Stallone) tunlichst zu vermeiden. Zwar winden sich echte Alpinisten angesichts der "einfallsreichen" Steigtechnik, aber auch sie können nicht verhehlen, dass das Werk seinem Unterhaltungsanspruch gerecht wird. Für Otto Normalverbraucher ist hier mehr Klettern drin, wird mehr von der Faszination des Bergsteigens erzählt als in vielen anderen Bergfilmen. Der einzige wirkliche Wermutstropfen ist der Dialekt. Was einem internationalen Publikum im Tessiner Locarno nicht auffällt, ruft vor allem in Bayern Bestürzung hervor. Nachdem schon Vilsmaier für seinen Die Geschichte vom Brandner Kaspar den Erzengel Michael mit dem Preuß'n Knaup besetzte, muss sich Stölzl für die Wahl der beiden Berliner Fürmann und Lukas für die Rollen der bajuwarischen Pfundskerle regelrecht Anfeindungen gefallen lassen. Fürmann und Lukas sprechen nämlich feinstes Theaterdeutsch. Was besonders auffällt, wenn sie sich dann doch an einigen eingefügten Dialektbrocken versuchen und dabei kräftig verschlucken. Alles wäre nicht so tragisch, hätte Stölzl auch sonst auf Dialekt verzichtet. Aber die anderen bayrischen Schauspieler, der Österreicher Schwarz, sowie die Schweizer Darsteller im Hintergrund flöten fröhlich in ihrer Mundart. Manchmal hat man das Gefühl, dass nur der Rosenmüller in der Lage ist, mit dem bayrischen Dialekt umzugehen.
Jenseits des Weißwurscht-Äquators dürfen die Kinogänger dieses Problem gerne bagatellisieren. Schließlich sind sie so besser in der Lage, der Handlung problemlos zu folgen. Tatsächlich vermeidet es Stölzl erfolgreich, dass Nordwand auch noch in die Heimatfilm-Schublade gesteckt wird. Ihm geht es vornehmlich im Hintergrund um Authentizität und im Vordergrund um eine außerordentlich spannende und ergreifende Unterhaltung. Nordwand erweist sich als Gipfel einer Kette erfolgreicher deutscher Kinostarts mit großen modernen Unterhaltungsfilmen: Nach dem Der Baader Meinhof Komplex erobern Krabat, Die Geschichte vom Brandner Kaspar und nun Nordwand die hiesigen Leinwände. Damit ist der Kinomonat Oktober fest in deutscher Hand. Das darf ruhig mal öfter passieren.