Noch nie war ein amerikanischer Präsident derart schimpflich aus dem Amt geschieden: Richard Nixon, der sein Amt missbraucht und das Recht gebrochen hatte, erklärte 1974 seinen Rücktritt, um einem Amtsenthebungsverfahren zu entgehen. Drei Jahre später stand ihm der Sinn nach Rehabilitierung. Und nichts beeinflusst schneller die öffentliche Meinung, als ein gelungener TV-Auftritt. Frost/Nixon bringt die vier großen TV-Duelle, die sich Nixon mit dem englischen Moderator Frost lieferte, auf die Kinoleinwand und macht ein Stück Geschichte greifbar - virtuos inszeniert und grandios geschauspielert.
Richard Nixon war kein besonders medientauglicher Typ: schrullig-kauzig bis öffentlichkeitsscheu. Trotzdem hatte er gelernt sich zu inszenieren. 1960 ging er noch sang und klanglos in der Kandidatur um das amerikanische Präsidentschaftsamt gegen John F. Kennedy unter. Vor lauter Aufregung schwitzte er vor laufender Kamera bei einem TV-Duell derart, dass ihm das Make-up verlief und übers Gesicht rann. Aus diesem Desaster hatte er gelernt und in den Folgejahren wusste er das Medium Fernsehen für seine Zwecke zu instrumentalisieren. 1977 war es an der Zeit sein Image wieder aufzupolieren.
Drei Jahre zuvor war er in Schimpf und Schande von seinem Amt als Präsident zurückgetreten. Als bekannt wurde, dass er die Partei-Zentrale der Demokraten hatte verwanzen und abhören lassen, gab es für ihn keine politische Zukunft mehr. In den Geschichtsbüchern findet sich das als Watergate-Affäre. Die amerikanischen Bürger sollten Nixon aber auf keinen Fall als Präsidenten in Erinnerung behalten, der außer Amtsmissbrauch und Rechtsbruch nichts zuwege gebracht hatte. Zur öffentlichen Rehabilitierungs-Inszenierung fehlten noch der richtige Rahmen und eine entsprechende Aufwandsentschädigung.
600.000 Dollar kratzte David Frost (Michael Sheen), ein englischer TV-Talkmaster, zum Teil aus eigenen Mitteln zusammen, um Richard Nixon (Frank Langela) vor die Kamera zu bekommen. Für Nixon schien dies ein tadelloser Deal: viel Geld für wenig Arbeit und einen Interviewer, der ihm rhetorisch wie intellektuell nicht gewachsen sein konnte. Frost galt als windiger, playboyhafter Typ, der bisher eher seichte Unterhaltungsshows moderierte. Nixon hingegen als brillanter Rhetoriker und als einer der fähigsten politischen Köpfe seiner Zeit. Ein ungleiches Duell scheinbar; in dem Nixon vermeintlich leichtes Spiel haben sollte.
Bevor es so weit war, musste Frost einen Sender finden, der ihm die Interviews abkaufen und über den Äther schicken sollte. Das erwies sich schwieriger als vermutet. Keiner verstand, warum man ausgerechnet einem Nichtamerikaner, der obendrein kein Politjournalist war, diese Chance geben sollte. Alle Welt wollte sehen, wie Nixon wegen seiner Vergehen an den Pranger gestellt wurde und keine Selbstinszenierung oder PR-Veranstaltung. Frost genoss weder die Akzeptanz noch die intellektuelle Anerkennung in den Kreisen seiner amerikanischen Kollegen. Kurzerhand gründet Frost eine eigene Produktionsfirma um die Interviews in eigener Regie zu vermarkten. Und was keiner, nicht einmal seine engsten Vertrauten zu hoffen wagten, passierte: 45 Millionen Menschen verfolgten gebannt diese Auseinandersetzung am Fernseher.
Wenn hierzulande Begriffe wie Watergate oder der Name des amerikanischen Ex-Präsidenten fallen, rührt sich allerhöchstens im hintersten Hinterstübchen der Erinnerung, sozusagen aus dem Schulspeicher im untersten Regal etwas. Dabei sind diese Ereignisse, welche die politischen und gesellschaftlichen Grundfesten Amerikas bedrohlich destabilisierten, erst wenige Jahrzehnte her. Denkt man an Richard Nixon und an die Zeit Mitte der 70er Jahre fällt einem nicht mehr als Vietnam und ein Präsident vom "Format" und der "Beliebtheit" eines G. W. Bush ein. Dass Richard Nixon kein Kandidat für den Sympathiepreis des Jahres war, steht außer Frage. Andererseits war er aber auch keine rhetorisch unterbelichtete Schlussleuchte mit dem politischen Sachverstand eines wild gewordenen Cowboys. Vielmehr war Nixon ein politischer Könner und brillanter Rhetoriker. Der indirekte Verdienst von Frost/Nixon könnte sein, das Bild dieser Persönlichkeit gerade zu rücken - und das ohne Relativierung oder Beschönigung seines Vergehens.
Nach Vorlage des gleichnamigen Theaterstücks, das am Broadway gespielt wurde und in dem die beiden Hauptakteure des Films auch die Hauptrollen hatten, liefert Regisseur Ron Howard, der für die Regiearbeit an A Beautiful Mind - Genie und Wahnsinn bereits mit dem Oscar prämiert wurde, seine Version der Wahrheit ab. Herauszuheben deshalb, da es nicht die eine Sicht auf die Ereignisse vor, während und um die Interviews herum gibt. Befragt man die beteiligten Anwesenden, liefert jeder seine ganz persönliche Version ab. Frost/Nixon ist nicht deshalb sehenswert, da er auf einen erwarteten und sich abzeichnenden Show-Down hinausläuft; schließlich ist das Ende bekannt. Die Dramatik und Spannung ist in den feinen Nuancen im Ringen der Egos, den menschlichen Charakterzeichnungen und den Subtönen der Rahmenhandlung festgehalten.
Es ist ein Duell, ein mentales Kräftemessen, in dem Vorbereitung, Strategie und Taktik, wie bei einer Schachpartie entscheidend sind und wie bei einem realen Boxkampf, Überraschung, die Härte der Treffer und ein "lucky punch" den Ausgang bestimmen können. Es liegt knisternde Elektrizität in der Luft, und zu verdanken ist dies den beiden herausragenden Hauptdarstellern, die ihren Figuren eine enorme authentische Kraft und fühlbare Präsenz verleihen. Und selbst wenn man weder politik- noch geschichtsinteressiert ist, kann man an diesem Klingenkreuzen sein Vergnügen haben.