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Unschuld

(Unschuld, 2008)

Dt.Start: 18. September 2008 Premiere: 05. März 2008 (Festival, Portugal)
FSK: ab 12 Genre: Drama
Länge: 94 min Land: Deutschland
Darsteller: Kai Wiesinger (Alexander), Nadeshda Brennicke (Simone), Young-Shin Kim (Kim), Jewgenij Sitochin (Peter), Jacob Matschenz (Matte), Leslie Malton (Julia), Tobias Oertel (Chris), Aylin Tezel (Derya), Ronald Kukulies (Raimo), Luise Berndt (Laura), Michael Kind (Christoph)
Regie: Andreas Morell
Drehbuch: Kai Hafemeister


Inhalt

Zehn Menschen, zehn Schicksale, die durch das gemeinsame Streben nach Geborgenheit und Liebe verbunden sind. Dabei könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Während ein Busfahrer sich in ein Mädchen verliebt, das er gerade gerettet hat, lässt sich eine junge Polizistin, die in ihrer Ehe mit einem Fotografen nicht mehr glücklich ist, auf eine Affäre mit einem Jüngling ein. Ein Produzent verfällt den Annäherungen eines minderjährigen Mädchens, während eine andere Frau mit unerfülltem Kinderwunsch in ihm ihre Chance sieht.
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Kritik

Unschuld hat eine Wertung von 65%
10 Geschichten und Schicksale kreuzen sich in der Berliner Nacht. Ein Busfahrer, der sich mit einer asiatischen Prostituierten angefreundet hat, kümmert sich um eine mysteriöse Schöne. Die Prostituierte liebt einen Bundestagsabgeordneten und wird von ihrem Zuhälter überwacht. Eine Polizistin trennt sich von ihrem voyeuristischen Mann und beginnt ein Verhältnis mit einem Jüngling. Andreas Morell dreht einen Berliner Reigen nach Arthur Schnitzlers berühmtem Theaterstück und lässt großartige Schauspieler nach ein bisschen Liebe und Geborgenheit in einer kalten Welt suchen.

Bild aus Unschuld Schade, dass Arthur Schnitzler und seine Werke in Theater und Film nicht mehr so präsent sind. Zuletzt hat Stanley Kubrick kurz vor seinem Tod noch Eyes Wide Shut nach Schnitzlers "Traumnovelle" gedreht. Das meistverfilmte Werk Schnitzlers ist allerdings "Reigen", ein Panoptikum um Sehnsüchte, Hoffnungen und Liebe in der bürgerlichen Gesellschaft. Ein Skandal bei seiner Uraufführung kurz vor Weihnachten 1920 am Kleinen Schauspiel in Berlin. Nach unter anderem Max Ophüls (1950) und Roger Vadim (1964) reiht sich Andreas Morell in die Liste der Schnitzler-Verfilmer ein und erzählt zehn ineinander verwobene Geschichten aus der Hauptstadt Berlin.

Den Beginn macht der einsame Busfahrer Raimo (Ronald Kukulies), der sich mit der koreanischen Prostituierten Kim (Young-Shin Kim) angefreundet hat. Ihm läuft die spärlich bekleidete, mysteriöse Laura (Luise Berndt) vor den Wagen und fortan ist sein verliebtes Helfersyndrom aktiviert. Kim kriegt derweil Ärger mit ihrem Zuhälter (Michael Kind), der sie nicht freigeben möchte. Dabei hat sie bereits Pläne mit dem Bundestagsabgeordneten Alex (Kai Wiesinger), den nichts mehr in Amt und Deutschland hält.

Zunächst gänzlich abgekoppelt entwickelt sich die Geschichte um Polizistin Simone (Nadeshda Brennicke), die ihre Beziehung zu ihrem Mann Peter (Jewgenij Sitochin) leid ist. So nimmt sie die Gelegenheit wahr und steigt mit einem selbstbewussten Teenager (Jacob Matschenz) ins Bett. Peter hingegen hat als Ladendetektiv die junge Türkin Derya (Aylin Tetzel) in flagranti ertappt und zwingt sie zu erotischen Photos. Die verängstigte Derya träumt davon, von Musikproduzent Chris (Tobias Oertel) entjungfert zu werden. Dieser versucht es gerade mal wieder mit der unmöglichen Treue, nachdem er mit Sängerin Julia (Leslie Malton) geschlafen hat. Diese will nach Jahren der Oberflächlichkeit ein Baby und trifft ihren alten Schulfreund Alex...

Von Unschuld kann in Andreas Morells stilbewusster Erzählung eigentlich keine Rede sein. Selbst Jungfrau Derya hat nichts Unschuldiges an sich. Allerdings ist von Erotik oder Frivolität ebenfalls wenig zu spüren. Beim Kampf ums alte, oder der Suche nach einem neuen Glück, sieht ein jeder nur die eigenen Sehnsüchte und Hoffnungen. Deren Erfüllung scheitert an egoistischen Einstellungen und anderen Kleinigkeiten. Die Menschen sind Einzelkämpfer, denen nur im Einzelfall Erfolg beschert ist. Morell inszeniert einen Abgesang an die Gemeinschaft, während die Welt immer kälter wird. Berlin erscheint nicht als heimeliger Ort, sondern als urbanes Labyrinth, in dem sich Schicksale kreuzen. Geborgenheit ist hier ein Fremdwort, und doch streben sie alle danach, denn selbst in ihren Beziehungen sind die Figuren einsam. Mit zahlreichen Motiven illustriert Morell das Streben nach Veränderung, so als wäre sie ein fernes Ideal, das keiner von ihnen erreichen kann. Zielte Schnitzler noch auf gesellschaftliche Schranken, den Bruch von Konventionen und die verlogene Heuchelei der Menschen untereinander, so zielt Morell auf die Isolation des Einzelnen ab. Seine Welt ist starr und leblos, sein Berlin keine Postkarten-Idylle sondern trauriger Platz, an dem man allenfalls Sex findet. Liebe hingegen wird sanktioniert.

Der Spielfilm-Erstling des Filmemachers nach dem Drehbuch von Kai Hafemeister deutet viel Potenzial an, so dass man sich den Namen Andreas Morell merken sollte. Dank der guten Schauspieler und guten szenischen Lösungen kann Morell nach konstruktionsbedingten Schwächen zu Beginn seine dramatischen Geschichten zu einem spannenden Finale hoch peitschen. Seine ambitionierte Versuchsanordnung über die plötzliche Chance, das persönliche Leben zu ändern, hinterlässt wenig Hoffnung. Weder für die Überwindung der Zersplitterung ihrer Seelen durch Egoismen und Sehnsüchte noch keine Garantie wie fürs Glück. Das erinnert ein wenig an die Techno-Ballade Berlin Calling, die ebenfalls die Suche nach Liebe in der urbanen Hauptstadt behandelt.

von Harald Witz


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