Mit dem gleichen kühlen Blick für das Wesentliche, wie schon bei seinem Erstlingswerk We Feed The World, kratzt der österreichische Dokumentarfilmer an der Oberfläche der weltweiten finanziellen Verstrickungen. Das wenige, was er da in 110 Minuten zu beleuchten vermag, lässt einem bereits das Blut in den Adern gefrieren. Dieser Film sollte zum Grundwissen eines jeden gehören, der ein Bankkonto hat.
Erwin Wagenhofer macht erstmals im größeren Maße von sich Reden, als er 2005 seinen Dokumentarfilm We feed the World - Essen Global in die Kinos brachte. Dort ließ er seine Kamera einfach als neutralen Beobachter bei alltäglichen Vorgängen rund um die Nahrungsmittelmassenproduktion mitlaufen. Der Film feierte beinahe 750.000 Besucher, für eine Dokumentation ist das ein sehr gutes Ergebnis. Wagenhofers neuer Film, Let's make MONEY, fügt sich nahtlos an seinen Vorgänger an: Mit derselben unaufgeregten, geradezu passiven Berichterstattung und nur den allernötigsten Kommentaren, zeigt Wagenhofer, was passiert, wenn man "sein Geld arbeiten lässt": Die globalen Wirtschaftsmechanismen zeigen sich nicht nur dem westlichen Durchschnittsverdiener als eine erstrebenswerte, verführerische Glitzerwelt. Wer träumt nicht von der eigenen Immobilie, dem eigenen Traumauto? Wer wächst nicht mit der Grundregel auf, dass man für Geld immer schön fest arbeiten muss? Und wer hat noch nie einen Kredit genommen, um sich einen kleinen oder größeren Traum erfüllen zu können?
Doch hinter den glitzernden Kulissen der Wirtschaftsriesen, in den sogenannten "emerging Markets", sieht es ganz anders aus: Bettelarme, kranke Menschen arbeiten sich sprichwörtlich kaputt. Sie leben in ärmlichsten Hütten, schlafen am Strand oder sind für irgendeine winzige, schlecht gebaute Immobilie auf Lebenszeit verschuldet. Sie essen gemeinsam aus einem Topf, im Stehen, weil nicht genug Stühle da sind. Sie können nicht zum Arzt gehen, wenn sie krank sind, entweder, weil das Geld nicht reicht oder weil sie wegen der Fehlzeit den Arbeitsplatz verlieren. Den Arbeitsplatz, den unser Geld ihnen vermittelt hat. Durch das Outsourcing von Produktionsstätten in Billiglohnländer wird Arbeit in dieses Land gebracht, das ist natürlich richtig. Auch erhalten die Arbeiter und Arbeiterinnen dort ein Gehalt, das ist auch richtig. Doch ist das Ganze auch gut so? Outsourcing und andere Finanzgebaren sind nur dann ein Geschäft, solange die Gesamtkosten niedriger liegen als hierzulande, und solange die Anteilseigner des jeweiligen Unternehmens auch noch einen Kursgewinn abbekommen. Zu deutsch: Wir werden reicher, weil die anderen ärmer werden. Denn welcher Manager verzichtet schon auf ein Stück Wachstum, solange man die Arbeiter in einem fernen, armen Land noch ein wenig tiefer drücken kann, solange ganze Regierungen käuflich sind?
Die Perversität des globalen Geldmarkts liegt einzig in der lokalisierten Wahrnehmung der Beteiligten: Die westlichen Investoren (seien dies gerissene Spekulanten oder Otto Normalverbraucher, der bloß sein Geld auf dem Girokonto aufbewahrt) empfinden Wachstum, Dividende, Geldvermehrung, Steigerung und Ausschüttung als positive Begriffe. Dabei sind sie allesamt Indizien dafür, dass irgendein Manager es irgendwo geschafft hat, irgendein ohnehin schon armes Würstchen noch ein Stückchen runterzuhandeln. So besuchen wir in einem Kapitel eine ghanaische Baumwollfarm, die Baumwolle von allerhöchster Qualität herstellt. Doch da zum Beispiel die USA die eigene Baumwollproduktion subventioniert, möchte niemand die bessere Baumwolle aus Ghana kaufen. So sind die afrikanischen Farmer gezwungen, sie weit unter Wert abzugeben. Das führt dazu, dass der Westen beste Baumwolle zu konkurrenzlos günstigen Preisen erhält, und die Amerikanischen Baumwollfarmer dennoch leben können. Nur der Ghanaer bleibt arm, obwohl er eigentlich die beste Baumwolle hat.
In Interviews mit Wirtschaftsgrößen erfährt der Zuschauer nach und nach von den erschreckenden moralischen Zuständen im globalen Geldgeschäft, von den Steuerfluchtparadiesen, und von der wahren Situation im Ausland: Die Ausgebeuteten sind schon lange keine uninformierten Niemande mehr, sondern wissen ziemlich genau, was der Westen mit ihnen macht. Kein Wunder, wenn ihnen bald der Kragen platzt.
Seit dem Nokia-Trauma von Bochum hat die Praxis der Gewinnmaximierung um jeden Preis seinen Glanz hierzulande etwas verloren. Auch der Privatisierung von öffentlichem Eigentum durch die Bahn AG sehen viele mit gemischten Gefühlen entgegen. Die Liechtenstein-Steuerfluchtaffäre hat ebenfalls dazu beigetragen, das Image der Geldhändler ins rechte Licht zu rücken. Doch selbst für informierte, global sozial denkende, weltoffene Menschen gibt es keine andere Möglichkeit, als ihr Geld auf die Bank zu tragen und damit zu diesem weltweiten Teufelskreis beizutragen. Erwin Wagenhofer legt mit seinem neuen Film den Finger wahrlich in eine eitrige Wunde. Während der Zuschauer sich zu Beginn vielleicht noch auf eine interessante Doku über bildgewaltige Investitionsprodukte freut, schleicht sich schon recht bald ein kleines Schuldgefühl ein. Gegen Ende dürfte der bis dahin völlig entsetzte Zuschauer nicht mehr sicher sein, auf welcher Seite der Geldmaschinerie er selbst steht. Denn Billiglohn und Ausbeutung zu Gunsten einiger weniger sind hierzulande ebenfalls nicht mehr fremd, auch wenn dies auf einem höheren Niveau als in Ghana, Indien oder sonstwo passiert.
Ein besonderer Geniestreich in seinem ohnehin großartigen Film ist Wagenhofer mit seiner großartigen, subtilen Dramaturgie gelungen: Da der Filmemacher nie selbst in das Geschehen vor der Kamera eingreift, nicht einmal in Interviews als Fragesteller zu hören ist, bleibt ihm nur die Montage als Ausdrucksmittel. Hier gibt es einen absolut oscarreifen Schnitt auf eine Palette afrikanischer Goldbarren direkt nach einer denkwürdigen, tief blicken lassenden Aussage einer Wirtschaftsgröße. Dieser eine Schnitt zeigt die gesamte Bigotterie der aktuellen Weltwirtschaft auf.
Die Zeiten, in denen Dokumentarfilme in gelangweilte Schulklassen oder in die Sendung mit der Maus gehörten, sind lange vorbei. Wirklich volksnah wurden Dokumentarfilme erst durch Michael Moore. Während dieser sich üblicherweise auf publikumswirksame wunde Punkte Amerikas konzentriert und dabei seine Position lauthals propagiert, lässt Wagenhofer seine Interviewpartner sich allein aus deren eigener Kraft disqualifizeren, dokumentiert des weiteren Ist-Zustände als neutraler Beobachter. Natürlich ist auch Wagenhofer nicht neutral, doch seine Bilder lügen nicht. Die ganzen Versprechen unserer Banken und der Private Equity Funds, all die tollen Vokabeln, mit denen man unser Geld nicht ganz uneigennützig vermehren will, sie sind nur eine Fassade für weltweite Ausbeutung, Unterdrückung, Kinderarbeit, moderne Sklaverei. Man könnte es auch die Verarschung von vielen durch einige wenige nennen.
Als leichte Kost kann Let's make MONEY sicher nicht bezeichnet werden. Doch es ist unabdingbar, zu sehen, welche Schweinereien mit dem Geld unserer Banken angestellt werden. In unserem Namen, auf unsere Rechnung, und somit auch auf unser Gewissen. Uninformiertheit schützt vor Verantwortung nicht. Daher ist es Pflicht, diesen Film zu sehen, oder will wirklich keiner wissen, wieso es für Banker Sinn macht, in Spanien drei Millionen Häuser zu bauen und diese dann leer stehen zu lassen?