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Heimatkunde

(Heimatkunde, 2008)

Dt.Start: 02. Oktober 2008 Premiere: 02. Oktober 2008 (Deutschland)
FSK: nicht bekannt Genre: Dokumentation
Länge: nicht bekannt Land: Deutschland
Darsteller: Martin Sonneborn
Regie: Andreas Coerper, Susanne Müller
Drehbuch: nicht bekannt


Inhalt

Ex-Titanic-Redakteur Martin Sonneborn wandert einmal um Berlin herum. Das ihn begleitende Kamerateam zeichnet Begegnungen zwischen Ost und West auf, zwischen Urban und Profan, und dokumentiert, wie alte und neue Vorurteile immer neu aufbrechen. Die Scharten der Trennung Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg werden noch lange nicht ausgewetzt sein, auch nach Jahrzehnten noch nicht.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Heimatkunde hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 80%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Julian Reischl
Heimatkunde hat eine Wertung von 80%
Fast zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall fragt sich Martin Sonneborn, ehemaliger Chefredakteur des Satiremagazins Titanic und Bundesvorsitzender der PARTEI, was die Wende nun eigentlich verändert hat. In einer 250 km-Wanderung rund um Berlin spürt er Relikte der DDR auf, hinter Zäunen oder auch in den Köpfen der Menschen. Eine beißende Satire über den Status Quo der Republik, wunde Punkte in Sichtweite des Fernsehturms der Hauptstadt.

Bild aus Heimatkunde Martin Sonneborn ist völlig falsch angezogen für so eine lange Wanderung: Leichte Leder-Laufschuhe, Jeans, darüber T-Shirt und Hemd, dazu ein kleiner Rucksack. So versuchen viele Touristen, die Alpen zu erklimmen, und manche kommen nie zurück. Doch im Falle Sonneborn sei die Ausnahme erlaubt. Zum einen sind immer Kamera- und Tonmann dabei, zum anderen geht die Wanderung über flaches Land, nämlich rund um Berlin. Von Potsdam nach Potsdam, rund 250 km in vier Wochen.

Sonneborn macht sich auf die Suche nach den Überbleibseln der DDR, will wissen, wie die Welt sich verbessert hat, seit die Mauer gefallen ist, ob wir denn nun wirklich alle frei und gleich sind, und vor allem eins. Eine der ersten Stationen ist ein Neubaugebiet, voll von praktisch gleichen Doppelhaushälften mit Klinkerfassade, hunderte auf einem Haufen. Kein Baum, der älter als fünf Jahre ist, wer nachts nach Hause kommt, kann sich schon mal im Haus irren. Sonneborn sucht die Ossis, die hier leben sollen, denn laut Musterhaus-Infostand wohnen hier 99% Wessis. Er findet keine. Und die Ossis im historischen Ortskern wollen von den Wessis in der Neubausiedlung, in der sich hier keiner ein Haus leisten kann, nichts wissen. Man könnte also auch einfach eine Mauer bauen, damit man sich nicht im Weg umgeht.

Im Lauf seiner Reise, die in ebensolche Erlebnis-Kapitel gegliedert ist, trifft Sonneborn auf lokalpolitische Stilblüten verschiedenster Arten: Da gibt es einen Ort, der nach der Wende von einem bayerischen Bürgermeister auf Vordermann gebracht wurde. Nun zieren ein Holocaust-Denkmal und vier Hundekot-Aufnehmtüten-Verteilstellen die mickrige Grünfläche im Ort, an dem aus Pietätsgründen noch nichtmal Kinder spielen dürfen. Von "Begegnungsstätte" hat man dort offenbar noch nie gehört. Da gibt es eine Siedlung in alten Bauwägen, deren Bewohner Spülmaschinen nicht spießig finden, wohl aber Toiletten und das Leben in der Stadt. Da gibt es den höchsten Berg der Gegend in Marzahn, wo sogleich ein Gewitter Sonneborn auf über hundert Metern Seehöhe zu elektrokutieren droht. Es gibt einen nackten Sonnenanbeter, der zuhause nicht sonnenbaden darf, weil dann die ganze Siedlung seinen Schniedel sehen kann. Es gibt verfallene DDR-Gebäude, wo außer dem sozialistischen Mosaik fast nichts mehr steht, es gibt einen Mann im Zwiegespräch mit einem ganz eigenen Gott, Chinesen, die Deutschland platt machen wollen und Chinesen, die einen Spielplatz vor ihrem Restaurant aufbauen. Ein Mann hält bereitwillig Sonneborns Bockwurst und erkennt daran, dass dieser ein Wessi ist, ein Ehepaar schwimmt gerne im kleinen, aber sehr grünlich-trüben Pool in ihrem Garten, von wo aus man Flugzeugstarts und Landungen zum Greifen nahe hat.

Sonneborn begegnet den Deutschen mit neutralem Interesse, fragt unauffällig nach und kann sich manchmal nur noch knapp beherrschen, wenn wieder mal ein Gesprächspartner sich von ganz alleine ins Abseits argumentiert, seine Oberflächlichkeit, Fremdenfeindlichkeit oder Dummheit preisgibt. Einige interessante Figuren gibt es rund um Berlin, repräsentativ für die neuen Bundesländer, doch wahrscheinlich auch für die ganze Republik.

Kamera, Ton und Schnitt sind für ein Erstlingswerk des Regiekonglomerats SMAC (zusammengesetzt aus den Initialen von Produzentin Susanne Müller und Kameramann Andreas Coerper) absolut solide, Sonneborns Reise wirkt bündig und umfassend, obwohl 57 Stunden gedrehtes Material zu nur einer Portion Kino zusammengefasst werden mussten. Der Score ist unaufdringlich, aber griffig. Ein klassisches Drehbuch gab es sicher nicht, der Humor des Gesamteindrucks entspinnt sich auf (zumindest aus bayerischer Sicht) nordisch-kühle Weise mit seinem eigenen, rauen Charme.

Interessant ist, dass die intelligentesten, gebildetsten und belesensten Mitbürger offenbar gerade die zugewanderten Ausländer sind: Der Asylant, der gerne arbeiten würde, aber aus völlig obskuren Gründen nicht darf und der nun wieder nach Hause will, aber auch das nicht darf. Die chinesische Familie, die das deutsche Rentenproblem wesentlich besser auf den Punkt formulieren kann als mancher Fachmann das zu tun vermag, und dabei Sonneborn auch noch mit der Frage "Lesen Sie denn keine Zeitung?" konfrontiert. Kein Wunder, dass es ein Gefühl gibt, dass es abwärts geht mit dem Land der Dichter und Denker. Das Problem ist jedoch nicht, dass die anderen schlauer geworden sind, sondern dass wir Deutschen schlichtweg fett, faul, träge und offenbar doofer geworden sind. Und das nicht zu knapp.

Heimatkunde ist ganz klar eine Satire, die ihre Kraft aus den Problemen zieht, die sie aufzuzeigen gedenkt. Wo Borat aufwendig vorbereitet und geplant wurde, geht Sonneborn einfach hin und führt die unfreiwilligen Gesprächspartner (die alle nach den Aufnahmen einer Veröffentlichung schriftlich zugestimmt haben!) an der Hand über die Kante des Abgrundes der Ignoranz. Dabei wird niemandem von vorneherein mit Vorurteilen begegnet, die Leute treten sich meistens ganz konsequent selbst ins Aus.

Eine wirklich hervorragende, empfehlenswerte Bestandsaufnahme des vereinigten Deutschland, teilweise hysterisch komisch, teilweise zum auf-die-Stirn-schlagen beschämend, aber durchgehend mit einem Augenzwinkern. Unbedingt empfehlenswert für regelmäßige Zeitungsleser, sowieso Pflichtprogramm für Titanic- und PARTEI-Fans.



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