Noch der kleinste Mäuserich kann ein Held sein. Was zählt ist innere Größe. Vor allem Furchtlosigkeit macht den wahren Helden aus. Und wahrlich furchtlos ist Despereaux, der sogar für ein Mäusekind mickrig geraten ist. Das Königreich Dor hat Helden dringend nötig. So lange dümpelt es schon in der Dunkelheit, dass alle seine Bewohner der Schwermut verfallen sind. Da muss Despereaux zur Tat schreiten. Hofft man zu Beginn auf eine Mausketierstory, wie sie ältere Semester noch aus Tom-und-Jerry-Zeiten kennen, so packt einen mitunter ebenfalls die Schwermut. Amüsant, aber zu komplex und manchmal langatmig.
Im Königreich Dor sind suppenlose Zeiten angebrochen. Nicht, dass man nicht ohne eine Terrine, Minestrone oder Bouillon auskommen könnte. In Dor steckte aber seit jeher Magie in der Brühe. Einmal im Jahr komponierte der königliche Koch "Die Suppe" für die royalen Regenten. Dann duftete das ganze Land nach der neuen kulinarischen Kreation und es lag Magie in der Luft. Alle waren wie verzaubert und die Sonne schien den Menschen aus den Herzen. Doch diese Zeiten sind vorbei: Hochsee-Ratte Roscuro schlich sich eines Tages in die königlichen Hallen, um eine Nase von der wunderbaren Suppe zu erheischen und landete prompt im Teller der pausbäckigen Königin, die vor lauter Schreck auf der Stelle dahinschied.
Seit diesem Tag sind Ratten in Dor geächtet und Suppe ist auf Geheiß des Königs, der seit diesem Tag mit gebrochenem Herzen dahinsiecht, von allen Speiseplänen gestrichen. Jahre später, die Bevölkerung des Reiches ist längst der Schwermut verfallen, erblickt Despereaux in der Mäusestadt - eine Art Nagetier-Liliput - das Licht der Welt. Er ist selbst für ein Mäusekind viel zu klein geraten und seine Ohren sind in Relation zum Rest riesig. Despereauxs größte Macke aber ist, dass er sich vor nichts fürchtet. Katzen beispielsweise sind für ihn "Plüschis". Seine Eltern und die Obrigkeit der Mäusestadt versetzt das in Sorge. Despereaux scheint aus der Art geschlagen zu sein: er huscht nicht, er versteckt sich nicht; Bücher liest er lieber und träumt davon ein Ritter zu sein und als er eines Tages Kontakt zur Prinzessin aufnimmt - mit Menschen reden ist streng verboten - hat er's zu weit getrieben und wird in die "Unterwelt" verbannt. Von dort ist noch nie eine Maus zurückgekehrt; dort herrschen die Ratten und die fressen Mäuse! Schlechte Aussichten für den kleinen Mäuserich.
Despereaux - Der kleine Mäuseheld basiert auf dem gleichnamigen, überaus erfolgreichen Kinderbuch der Schriftstellerin Kate DiCamillo, das 2003 in den USA erschien und sich über zwei Jahre in der Bestsellerliste der New York Times hielt. Es ist die Geschichte einer kleinen Maus, dessen Ehrgeiz und Ambitionen einfach zu groß sind für die kleine (bornierte) Mäusewelt. Allegorie, Parabel und Metapher auf unsere reale Welt? Vielleicht und ein Plädoyer, sich nicht blind-unterwürfig einzuordnen und so zu sein, wie es die Altvorderen erwarten. Der Streifen wimmelt von solchen Motiven und allein das schon macht ihn nicht unbedingt für die Jüngsten empfehlenswert.
Das ganze Konzept kommt irgendwie nicht stimmig rüber: Despereaux ist schön und liebevoll gezeichnet. Die Figuren wirken weich und harmonisch. Und die pastellfarbene Optik entwickelt ein eigenständiges Flair; doch die Umsetzung der Geschichte ist an vielen Ecken und Enden mangelhaft: Vielleicht wollte man es partout zu vielen Recht machen und die ganze Familie, sowohl Kinder als auch Eltern, gleichermaßen ansprechen. Dass dieses dann am Anspruch scheitern muss, ist regelrecht vorprogrammiert. Die Rattenwelt wirkt wie der Klon eines Unterirdischen Bardertowns aus Mad Max - Jenseits der Donnerkuppel; eine Arena in dieser Unterwelt erinnert stark an die Kampfstätte aus Star Wars: Episode II - Angriff der Klonkrieger; und Despereaux läuft in einer Szene mit Jedi-Mantel samt Kapuze herum, wie einst ein junger Skywalker, der sich in die Höhle Jabba the Hutts wagte. Nette Sidekicks, aber was haben kleine Kinder davon?
In dieser Art gibt es allerlei, was den Älteren ein Grinsen aufs Gesicht zaubern könnte, für Kinder aber zu gruselig sein kann. Knackpunkt des ganzen Films womöglich Despereauxs Verbannung in die Unterwelt: nach einer "Gerichtsverhandlung", die beinahe etwas faschistoides oder inquisitorisches hat und zustande kommt, als ihn die eigenen Eltern dem "Mäuserat" melden! Das ist mehr als schwierig. Was für eine Botschaft soll das liefern? Die eigenen Eltern denunzieren ihr Kind, weil es sich nicht den Regeln fügt? Sollen Kinder in Zukunft immer Angst haben, die Eltern stecken sie gleich in den Knast, wenn sie über die Stränge schlagen? Jedem Pädagogen würden sich hierbei die Nackenhaare aufstellen.
Das soll nicht heißen, dass Despereaux gleich ein schlechter Film ist; aber er wirkt seltsam unvollkommen und überdies Phasenweise tempoarm. Amüsant bis schön unterhaltsam ist er dennoch einigermaßen und besonders gut gelöst sind Desperauxs Tagtraum-Sequenzen, die mit einem anderen Zeichenstil aufwarten. Dieser hilft auch den ganz kleinen der Geschichte zu folgen und zu verstehen, dass diese Szenen nicht zur eigentlichen Handlung gehören. Ansonsten sind es die üblichen Aussagen und Botschaften die überwiegen: sei dir selbst immer treu, glaube an dich, gehe deinen Weg, stehe den Hilfsbedürftigen bei - rette die Prinzessin. Mann kann sich mit Despereaux halbwegs familientauglich amüsieren, aber die FSK-Freigabe ab sechs Jahren ist irreführend. Eine elterliche Anwesenheit und anschließend ein paar erläuternde Gespräche mit den Kindern sind empfehlenswert.