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Kino ist Kunst, Kunst kommt von können und dafür stand ein Name in Deutschen Landen ganz besonders: Wim Wenders. Mit seinem aktuellen Werk Palermo Shooting kehrt der gebürtige Düsseldorfer nach 15-jähriger Absenz vom europäischen Kino in seine Heimat zurück. Im Mittelpunkt der Geschichte, die, anders als zu erwarten, nicht von der sizilianischen Mafia handelt, steht der erfolgreiche Fotograf Finn, der in eine existenzielle Krise gerät, die ihm, der verloren zwischen Realität und wahnhaften Visionen irrt, seiner Lebensbejahung beraubt. Eine Story rund um das Leben, die Liebe, den Tod und deren Schnittmengen, die schön gefilmt, berührend musikalisch begleitet, enorm viel (Geduld) abnötigt.
Finn (Campino) ist einer der erfolgreichsten Fotografen seiner Zeit - die Kamera sein ständiger Begleiter. Mit einem "Schuss" bannt er die Realität, das Leben, auf Film, hat aber längst aufgehört nach der Wahrheit hinter den Dingen und ihrer (wahren) Bedeutung zu suchen. Nichts! Die Dinge sind nur Oberfläche! Ist doch nicht so schwer zu verstehen, reagiert er genervt, wenn er darauf angesprochen wird. Jeder Tag wird bei Finn von Hetze und Termindruck dominiert. Nahezu nie findet er Ruhe, ständig klingelt sein Telefon - ein Leben ohne Atempause.
Wie zum Schutz verbringt er die wenigen Augenblicke mit sich selbst, eingestöpselt - vom Mp3-Player mit Musik berieselt - beschirmt und abschottet. Und in den wenigen Stunden, in denen er Schlaf findet, quälen ihn Visionen: Albträume vom Wasser und vom Ertrinken. Schwimmen hat er nie gelernt und Wasser bereitet ihm eine panische Angst. Es ist vielleicht die Angst vorm Tod an sich, geboren aus einem Überdruss am Leben. Eines Nachts entgeht er dem Tod nur knapp: Während er mit seiner Panoramakamera aus dem Auto Bilder auf der Autobahn schießt, rammt ihn beinahe ein Geisterfahrer. Zur Erinnerung bleibt Finn das Foto des Beinahezusammenstosses. Auf dem Bild das Gesicht eines Mannes, der ihn in diesem flüchtigen Augenblick, mit seinen Blicken aufs Korn zu nehmen scheint.
Etwas später weilt Finn in Palermo zu einem Fotoshooting mit Milla Jovovich. Und die Aufnahmen von der zu dieser Zeit hochschwangeren Schauspielerin, gelingen auf Anhieb. Nach dem Shooting beschließt Finn sich ein paar Tage Auszeit in Palermo zu gönnen - ohne Handy und ohne Termine. Nur mit seiner Musik und einer altertümlichen Kamera bewaffnet streift er durch die gleichsam pulsierende und verfallende Metropole, immer auf der Suche nach dem nächsten Motiv, das sich einzufangen lohnt. Übermüdet schläft er in der warmen Sonne auf dem berühmten Quattro Canti, einem Platz im Zentrum der Altstadt, ein. Als er erwacht, schießt plötzlich ein mysteriöser Mann aus einem Fenster mit einem Bogen auf ihn. Der Pfeil verfehlt ihn nur knapp, aber fortan beginnt sich Realität und Traum immer stärker miteinender zu vermischen - das Motiv des Todes verfolgt ihn überallhin. Und auch die Bekanntschaft mit der schönen Restauratorin Flavia (Giovanna Mezzogiorno), zu der er sich schnell hingezogen fühlt, zwingt ihn, sich mit dem Handeln des Gevatters auseinanderzusetzen.
Es gibt Filme da fragt man sich ernstlich, was der Regisseur zu sagen versuchte. Einiges ist offensichtlich, aber warum alles so überladen inszenieren? Für Palermo Shooting zog Wenders alle Register, die ihm lieb sind. Mit Campino, dem Frontmann der Toten Hosen, steht ein düsseldorfer Künstler vor der Kamera, einen düsseldorfer Fotografen mimend. Das mag anheimelnd wirken und Wenders als kongeniale Rundumlösung erscheinen, aber dem Nichtdüsseldorfer mag das alles nicht so recht einleuchten. Zumal Campino Sänger und nicht Schauspieler ist. Mag sein, dass dafür die Performance durchaus ansehnlich ist, doch ob das an sich legitimiert oder überzeugt ist fraglich. Wenders, der selbst ein ausgesprochener Musikfan ist, lässt es des weiteren auch nicht an einer schönen Trackuntermahlung mangeln: Eigens für den Film wurden beispielsweise Stücke von Nick Cave, Portishead und Iron & Wine geschrieben. Palermo Shooting ist somit auch eine Hommage an die Musik und so gibt es sogar einen Cameoauftritt von Lou Reed.
Auch der übrige Cast ist einerseits kurios, andererseits logisch. Wenders lies es sich nicht nehmen den berühmten Fotografen Peter Lindberg, der als Vorbild für die Figur des Finn diente, für eine Miniszene zu rekrutieren und auch der Auftritt Milla Jovovichs braucht nicht wundern: Die Aktriss stand für Wenders schon 1999 für The Million Dollar Hotel vor der Kamera. Für die "menschliche" Personifikation des Todes, der Finn wie in einem Edgar Wallace Film verfolgt, wurde Dennis Hopper aktiviert, der schon vor 30 Jahren in Der Amerikanische Freund mit Wenders zusammenarbeitete.
Trotz aller dieser Kuriositäten und Nettigkeiten, die einen Film so recht interessant machen können und ihm zu Recht einen Anstrich von Anspruch und Kunst verpassen mögen, wird man nicht geistig bereichert oder visuell zufrieden gestellt den Kinosaal verlassen. Zwar gibt es viele schöne Bilder - Palermo ist nicht gerade arm an malerischen Motiven - aber sie tragen zu nichts bei. Und Spannung kommt nicht wirklich auf. Man mag schwerlich glauben, dass Finn in Gefahr schwebt, dass das "Duell" zwischen Kamera- und Bogenschütze ernst zu nehmen ist und Hoppers Interpretation des "netten Onkel Tods" ist zwar skurril, macht einen aber nicht wirklich klüger. Bei Wenders Autorenkinovergangenheit mag das alles nicht überraschen. Aber wenn man Kino (nur) nach dem "eigenen Geschmack" inszeniert, mag das sehr künstlerisch authentisch sein, wird aber manch einem - mehr aus Unberührtheit, als aus Unverständnis - nicht mehr als ein Schulterzucken entlocken. |