Santa Sangre ist ein skurriles Kunstwerk das von der ersten bis zur letzten Minute durchzogen ist, mit unzähligen Hommagen an Filmklassiker, Malerei und Psychologie. Die Geschichte von Fenix ist psychotisch und grausam, auf jeden Fall aber interessant und faszinierend. Insgesamt versäumt Regisseur Jodorowsky jedoch, den Zuschauer völlig in seinen Bann zu ziehen um ihn so, mit der ungedämpften Wucht der Geschichte zu konfrontieren.
Der Chilene Alejandro Jodorowsky war es, der einst mit dem Dune - Der Wüstenplanet - Projekt bedacht worden war, welches er damals in gigantischem Umfang umsetzen wollte. Von einer sensationellen Besetzung und einer Spieldauer von zehn Stunden war seinerzeit die Rede. Umgesetzt wurde es bekanntermaßen schließlich weit weniger spektakulär von David Lynch (Lost Highway). Somit blieb die Anzahl Jodorowskys großer Filmproduktionen sehr überschaubar. Die wenigen Filme, die er jedoch geschaffen hat, genießen inzwischen Kultstatus.
Was dabei herauskommt, wenn ein Psychologie- und Philosophiestudent in einem Zirkus arbeitet und sich dann dazu entschließt Filme zu machen, sehen wir eindeutig an Santa Sangre. Kennt man die Vorgeschichte Jodorowskys, findet man ohne lang suchen zu müssen eindeutige Parallelen im Film. Tatsächlich autobiographisch ist er jedoch nicht. Alejandro Jodorowsky, der sich bereits mit Midnight-Movie-Klassikern wie El Topo aus dem Jahr 1970 oder dem LSD und Meskalininspirierten Der heilige Berg von 1973 einen Namen gemacht hatte, schuf mit Santa Sangre, was frei übersetzt so viel bedeutet wie "Heiliges Blut", einen Film der einfach "anders" ist und sich auch 1989 noch deutlich von den Sehgewohnheiten seiner Zeit abhob.
Die Geschichte von Fenix (Axel Jodorowsky, der Sohn des Regisseurs) ist tragisch und grausam. Jodorowsky zeigt uns schonungslos, aber niemals geschmacklos oder pornographisch, Sex, Gewalt und die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele, samt Zorn, Eifersucht und Wahnsinn. Dabei spart der chilenische Regisseur nicht mit Symbolen und Metaphern, die er über die gesamte Länge des Filmes streut. Religion spielt dabei (wie schon der Titel vermuten lässt) eine große, fast schon latent dominante Rolle. Ebenso gibt es unzählige Bezüge zu Philosophie und Psychologie. Dies wird besonders in dem ödipalen Verhältnis zwischen Fenix und seiner Mutter (Thelma Tixou), an welchem Sigmund Freud sicherlich seine Freude gehabt hätte, deutlich. Spätestens in dieser Beziehung lässt sich die wohl offensichtlichste Hommage an großartige und berühmte Werke aus Film und Malerei finden, denn auch offensichtliche Parallelen zu Hitchcocks Psycho scheinen kaum zufällig zu sein. All das sind natürlich nur Beispiele. Man könnte stundenlang analysieren und interpretieren, es gibt viel zu entdecken, wie viel bleibt letztendlich dem Zuschauer selbst überlassen.
Jodorowsky zeigt viele beeindruckende Bilder, die sich ins Gedächtnis des Zuschauers brennen. Er erschuf magische, energiegeladene Szenen, die zum Nachdenken anregen. Doch der letzte Funke will einfach nicht so recht auf den Zuschauer überspringen. Es gibt stets eine gewisse Distanz zu dem, was man sieht, was nicht zuletzt daran liegt, dass Santa Sangre alles andere als leicht zugänglich ist und streckenweise etwas lang gezogen wirkt. Auch verantwortlich dafür ist die Tatsache, dass sich Jodorowsky nicht bemüht, künstlich Spannung auf zu bauen. Allerdings gehört Santa Sangre zu den Filmen, die immer besser werden, je länger man über sie nachdenkt, denn es braucht seine Zeit, bis man das Gesehene reflektiert hat. Alejandro Jodorowskys bis dato vorletztes Werk ist mal wieder ein Film, an dem sich die Gemüter scheiden. Die Einen fragen sich im wahrsten Sinne, was der ganze Zirkus soll, die Anderen lassen sich darauf ein und werden mit einem überaus interessanten Film belohnt. So kann man vor allem auch über die offensichtlichen Hommagen, besonders an Psycho, geteilter Meinung sein. Entweder man ist beeindruckt von Jodorowskys Version, oder man wirft ihm geistigen Diebstahl vor.
Santa Sangre ist definitiv kein Film für zwischendurch. Obwohl sicherlich Jodorowskys am besten zugängliches Werk, bleibt er alles andere als massentauglich. Er ist sehr bizarr und läuft auch nicht selten Gefahr ins unsinnig absurde ab zu stürzen, doch das tut er nicht. Klare Empfehlung für alle Filmfans mit Sinn für Surrealismus und Filmkunst, Freunde des leichten Unterhaltungskinos kommen am besten gar nicht erst in die Nähe dieses Films.