Britta Wauer dokumentiert Knut Elstermanns Recherche zu seinem erfolgreichen Buch über seine Tante Gerda. An deren Geheimnis hatte er bereits in den Sechziger Jahren gerührt, doch erst im hohen Alter war sie bereit, über ihr Überleben in Auschwitz und ihre persönlichen Leiden zu sprechen, die bis heute nachwirken. Der Regisseurin gelingt das umfassende Porträt der Aufarbeitung einer menschlichen Tragödie.
Eine Episode aus der Kindheit ließ den Ostberliner Journalisten und Radiomoderator Knut Elstermann nie los. Anlässlich des Besuchs der Tante Gerda aus Amerika im Berliner Osten wurde ihm untersagt, sie auf den Krieg und ihr Kind anzusprechen. Da sie jedoch von ihrem Sohn erzählte, dachte sich der kleine Knut, dass man sie ja dann doch befragen dürfe. Allerdings war das Resultat ein peinlicher Schock für die versammelte Familie.
30 Jahre später, nach der Wende, recherchierte Elstermann erneut über seine Tante und fand heraus, dass diese nicht wirklich zur Familie gehörte. Seine Beharrlichkeit erweichte schließlich Gerda Schrage, die ihm in langen Gesprächen von ihrem Schicksal während der Nazi-Zeit erzählte: ihre Kindheit und Jugend als Jüdin im dritten Reich, ihre Deportation, ihre Flucht und ihr Leben in Heimlichkeit sowie ihre erneute Deportation nach Auschwitz. Doch es dauerte noch lange, bis sie sich schließlich erstmals dem Geheimnis ihres Traumas nähern konnte...
Elstermann machte daraus ein Buch, das wie eine Familienchronik wirkt und sich doch eigentlich um die Nachbarin dreht. Es wurde ein Bestseller mit weitreichenden Folgen. Zum einen wollte Britta Wauer einen Film darüber drehen. Zum anderen brachte der Erfolg Gerda eine ungewohnte Publicity in Deutschland, die bis nach Amerika ausstrahlte. So erfuhr ihr Sohn nach über 40 Lebensjahren aus den Medien, dass er einst ein Geschwisterchen hatte. Schon vorher waren Spannungen zwischen Mutter und dem streng gläubigen Sohn vorhanden. Doch die Erkenntnis, dass die Mutter bei der Teilung ihres Geheimnisses einen "Fremden" ihrem Sohn vorzog, führte zum zwischenzeitlichen Bruch.
Britta Wauer zeichnet dezidiert in Interviews und nachgestellten Szenen die nähere Vergangenheit sowie durch Interviews die tragische Lebensgeschichte von Gerda Schrage nach. Dabei beleuchtet sie nicht nur das enge Verhältnis zwischen Elstermann und ihr sondern auch die emotionalen Auswirkungen ihrer Erinnerungen. Die Erleichterung der Aufarbeitung und der Verlust der Bürde ihres Geheimnisses stehen im Widerspruch zu den Sanktionen, die sie von ihrem Sohn deswegen erhielt. Gleichzeitig macht Frau Wauer sensibel die verschiedenen Notlagen und auch die Beweggründe für Gerdas Schweigen deutlich, so dass den Zuschauern nichts anderes als Verständnis übrig bleibt. Und einmal mehr Betroffenheit über den Horror des nationalsozialistischen Tötungssystems. Die Eindringlichkeit von Gerdas Schweigen wird durch die erschütternde Monstrosität des Geheimnisses geprägt. Die Regisseurin arbeitet gleichzeitig vor allem die menschlichen Beweggründe des Schweigens heraus.
So wird ihre Dokumentation einmal mehr zu einem Werk über die Auswirkungen des Holocaust auf die nächsten Generationen. Wie schon in Werken wie Mr. Rajewski, The Cemetery Club und anderen reicht es eben nicht aus, die Erlebnisse der Überlebenden aufzuarbeiten. Gerda Schrages Erzählungen, die bestimmt auch in Spielbergs Shoah-Foundation einen Platz finden werden (Die letzten Tage berichtet von der Sammlung der Erzählungen von Überlebenden), sind an sich schon bewegend und verstörend genug. Die Protokollierung der Auswirkungen auf das weitere Leben von Gerda Schrage, auf das familiäre Miteinander und das Verhältnis zu Sohn und Ehemann, ja sogar zu den Nachbarn und den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, demonstriert eindringlich, welch Tragödie der Holocaust in der Menschheitsgeschichte spielt.