So viele Jahre liebe ich dich Poster

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So viele Jahre liebe ich dich

(Il y a longtemps que je t'aime, 2008)

Dt.Start: 13. November 2008
DVD: 15. Mai 2009
Premiere: 14. Februar 2008 (Berlinale, Deutschland)
FSK: ab 6 Genre: Drama
Länge: 117 min Land: Frankreich, Deutschland
Darsteller: Kristin Scott Thomas (Juliette Fontaine), Elsa Zylberstein (Léa), Serge Hazanavicius (Luc), Laurent Grévill (Michel), Frédéric Pierrot, Claire Johnston, Catherine Hosmalin
Regie: Philippe Claudel
Drehbuch: Philippe Claudel


Inhalt

Juliette, ehemals Ärztin, musste eine 15 jährige Gefängnisstrafe verbüßen. Als sie entlassen wird, besteht ihre jüngere Schwester Lea, die gemeinsam mit ihrem Mann Luc, ihren beiden adoptierten Töchtern und Lucs stummen Vater in einem Haus lebt, dass sie zu ihnen zieht. Anfangs sind sich beide sehr fremd und auch mit den restlichen Familienmitgliedern fällt es schwer. Doch mit der Zeit entwickeln sich die Dinge und nicht nur die Schwestern bauen erneut ein harmonisches Verhältnis auf. Einzig die Frage, was Juliette damals verbrochen hatte, hängt wie eine dunkle Wolke über dem Glück der Familie.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

So viele Jahre liebe ich dich hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 70%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
So viele Jahre liebe ich dich hat eine Wertung von 70%
Eine Liebe so rein, dass sie 15 Jahre Entfremdung und den furchtbarsten Makel, der einer Frau in unserer Gesellschaft anlasten kann, übersteht und Brücken schlägt, wo scheinbar nichts hält. Léa begegnet ihrer Schwester Juliette nach anderthalb Jahrzehnten der Trennung wieder und lädt sie ein, gemeinsam mit ihrer Familie zu wohnen, bis sie wieder auf eigenen Füßen steht. Die ältere Schwester trägt aber ein dunkles Geheimnis mit sich, von dem alle wissen und das drohend im Raum schwebt. Ein leises, aber sehr intensives Sozial- und Familiendrama mit brisanter Thematik und interessanten Plotwendungen.

Bild aus So viele Jahre liebe ich dich Brüchig, als wäre sie nicht recht von dieser Welt, schaut sie aus: Eine schlanke, feminine, dunkelhaarige Erscheinung in einem tristen Trenchcoat; verloren dasitzend in der Wartehalle des Flughafens. Ein wenig wie ein Tier, das, stets wachsam, sich gleichsam auf dem Sprung befindet. Nervös zieht sie an ihrer Zigarette, wartet auf ihre jüngere Schwester Léa (Elsa Zylberstein). Recht glücklich scheint sie über das Wiedersehen nicht zu sein. Auch wenn Léa sich aufrichtig freut ihrer Schwester wieder zu begegnen, wirkt Juliette als wäre sie am liebsten woanders.

Auf der Fahrt zu Léas Haus, indem sie gemeinsam mit ihrem Mann und der Adoptivtochter lebt, wird nicht viel geredet - bestenfalls Smaltalk. Eines ist jedoch gewiss: Die beiden haben sich sehr lange nicht mehr gesehen, und Juliette scheint dringend für die nächste Zeit eine Bleibe zu brauchen. Allerdings trägt Juliette ein dunkles Geheimnis mit sich, dass einzig und allein dem Zuschauer zunächst unenthüllt bleibt. Es muss etwas furchtbares sein, weshalb sie in Léas Haus nicht von allen gleichermaßen herzlich willkommen geheißen wird: Léas Mann bringt nur bedingt Verständnis für die Juliettes Aufnahme entgegen und misstraut ihr, im Gegensatz zu ihrer Schwester.

Léas Erinnerungen an die gemeinsame Zeit stammen noch aus Kindheitstagen und sind deutlich naiv verklärt. Zuneigung und Wärme, die sie ihrer Schwester entgegenbringt, besitzen eine starke und aufrichtige Intensität. Juliette gelingt es aber trotz der liebevollen schwesterlichen Umarmung, nicht im Hier und Jetzt anzukommen. Die Bürde ihrer Vergangenheit lastet zu schwer auf ihr und genau von dieser brüchigen Spannung lebt die Story. Es entspinnt sich zwar nur gelegentlich ein Drama, das stark unter die Haut geht. Das liegt vor allem an der ruhigen und betont leisen Erzählweise, wenn aber haben die Plotwendugen durchaus überraschendes, manchmal schockierende Potenzial. Gelegentlich möchte man sogar die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Teilweise aus eigener entrüsteter Hilflosigkeit und teils ob der "Weigerung" der Figuren, auf Hilferufe zu reagieren oder selber welche zu senden.

Nach und nach lichtet sich auch der Nebel um Juliettes Vergangenheit: Die 15 Jahre der Abwesenheit, waren die Folge ihres Gefängnisaufenthaltes. Und nun befindet sie sich wieder auf freiem Fuße, allerdings auf Bewährung. Eine der Auflagen ist das regelmäßige Melden bei der örtlichen Polizeidirektion. Dort trifft sie auf den melancholischen und schrägen, ihr aber positiv zugeneigten, Capitaine Fauré (Frédéric Pierrot). Einer der interessantesten Nebenplots, der durchaus der tieferen Beleuchtung Wert gewesen wäre. Überhaupt weckt die mysteriöse Juliette bei allerhand Männern Begehrlichkeiten. Vielleicht eben gerade wegen ihrer spröden und scheuen Art. Juliette aber bleibt ein Fremdkörper in ihrem eigenen wieder beginnenden Leben. Atmosphärisch wird dies mit äußerst reduzierten filmischen Mitteln eingefangen, welche die Spannung stets halten und eine schwebend befürchtende Erwartung wecken. Ähnlich einem Damoklesschwert, das herabfallen könnte.

Dem Regisseur Philippe Claudel gelingt mit es mit So viele Jahre liebe ich dich ein äußerst brisantes Thema, das einem Minenfeld gleichen kann, mit sehr viel Takt und Gespür für unterschwellige Töne zu inszenieren. Die Charaktere wirken dabei oft porzellanhaft und drohen zu splittern. Besonders die Figur Juliettes ist gefährlich brüchig, und der Darstellerin Kirstin Scott Thomas gebührt besonderes Lob für die Verkörperung dieser beschädigten Frau. Zentrales Motiv bleibt dennoch die Hoffnung auf den Neuanfang, der durch selbstlose Liebe eines Menschen getragen wird.

Wegen der Tat, dem Verbrechen, das Juliette anlastet, erfährt sie, jedes Mal wenn es offenbart wird, Ausgrenzung und sondert sich auch selbst ab - bestrafft sich aus der Unfähigkeit sich zu vergeben. Eine der wesentlichen Schwächen des Streifens möglicherweise die Suche nach einem erklärenden Strang für Juliettes Tat. Zu bewusst entschärfend, schönzeichnend mag das wirken. Ohne die Zulieferung dieses Motivs, wäre es womöglich ein anderer, noch schwieriger Film mit mehr Brisanz und ohne Auflösung gewesen. Genau richtig oder zu zahm, kann nicht endgültig beantwortet werden. Das wird jeder für sich selbst entscheiden müssen. Spannendes und stimmungsvolles Kino ist auf jeden Fall garantiert.



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