Eine 22-jährige Fabrikarbeiterin verliebt sich in die Schülerin Jenny, die glaubt, einen portugiesischen Jungen vor sich zu haben. Zuhause stellt Mel bei einem Fest derweil ihren Arbeitskollegen als ihren Lover vor. Die zunächst erfolgreiche Neuerfindung ihrer selbst sorgt aber bald für größere Probleme, als sie ahnt. Nana Neul gibt mit ihrem preisgekrönten Coming of Age-Drama Mein Freund aus Faro ein beeindruckendes Spielfilm-Debüt und erzählt von den Verstrickungen einer ersten Liebe. Dabei kann sie sich ganz auf die erstklassige Darstellung von Anjorka Strechel verlassen.
Es ist eine unverhoffte Begegnung, als die burschikose Mel (Anjorka Strechel) die blonde Jenny (Lucie Hollmann) in ihrem roten Wagen mitnimmt. Die 22-jährige Fabrikarbeiterin ist sofort Feuer und Flamme für die Schülerin, die glaubt einen Jungen vor sich zu haben. Mel schlüpft gerne in die Rolle des 17-jährigen portugiesischen Jungen namens Miguel aus dem unheimlich exotischen Faro, weil die 14-jährige Jenny sie genau deshalb so offensichtlich anglüht. Zuhause hingegen herrscht die verarmte Tristesse einer zerbrochenen Familie. Der Vater (Thilo Prückner) sieht in den Kindern nur Hilfskräfte im Alltag. Um bemerkt zu werden und um Anerkennung zu finden, stellt Mel ihren Arbeitskollegen Nuno (Manuel Cortez) bei einer Familienfeier gegen Bezahlung als ihren Freund vor. Seine Vita, er ist tatsächlich Portugiese aus Faro, nutzt Mel, um in Kontakt mit Jenny zu bleiben. Die hat zwar eigentlich einen halbstarken Freund und eine ätzende Clique um sich. Doch auch Jenny tut alles, um in "Miguels" Nähe zu bleiben. Schon warnt Nuno vor den Verwicklungen, die ein solches Doppelleben mit sich bringen könnte.Einsichtig entscheidet sich Mel nach erstem Ärger für die Wahrheit, doch bei einem Ausflug ans Meer kommt es statt zum Geständnis zum ersehnten ersten Kuss zwischen den Mädchen.
Geheimnisse und Lügen in der nordostdeutschen Provinz, erste Liebe, Homosexualität und Eifersucht - Nana Neul mutet ihrer Heldin bei ihrem Spielfilm-Debüt ganz schön viel zu. Ihre Protagonistin ist kein Laufsteg-Modell, der alles zufällt, sondern gedrungen, mit kurzem Haarschnitt und kräftigen Armen. Die Welt um sie herum ist kein Zuckerschlecken. Da ist es kein Wunder, dass Melanie, genannt Mel, das erste Quäntchen Glück mit aller Kraft, auch mit einer Lüge, festhalten will.
So initiiert sie einen Selbstfindungsprozess durch Selbstverleugnung - das hat man auch noch nicht alle Tage gesehen. Vor dem illustren Hintergrund der mecklenburgischen Provinz voller Agonie und bürgerlichem Konservatismus bleibt Mel scheinbar auch kein anderer Weg, um ihre Hoffnungen auf ein bisschen Glück zu erfüllen. Dafür lässt sie sich nach anfänglichen Zweifeln auch nicht mehr von Tabus aufhalten. Sensibel und trotzdem mit einer unglaublichen Leichtigkeit inszeniert Nana Neul das Innenleben einer jungen Frau und ihre Sehnsüchte. Auch wenn sie ihre Handlung mitunter umständlich gestaltet und ein wenig oft den Zufall bemüht, so gelingt es ihr doch, die Zuschauer auf Mels Seite zu ziehen. Hoffnungsvoll verfolgt man ihre Bemühungen, und ahnt mit Bangen, dass es nicht gut gehen kann.
Damit erinnert die Mischung aus Jugenddrama und Romantikkomödie an das US-Drama Boys Don't Cry, mit dem Hilary Swank 1999 ihren Durchbruch schaffte. Nun könnte sich die Geschichte für Anjorka Strechel wiederholen. Ihre starke Darstellung trägt die Geschichte souverän auch durch einige Untiefen. Die Theaterschauspielerin dürfte sich fortan über eine größere Aufmerksamkeit freuen. Etwas in ihrem Schatten steht deshalb Lucie Hollmann, die durch Die Wilden Hühner bekannt geworden ist und hier ihre schauspielerischen Ambitionen demonstriert. Das einfühlsame Coming-of-Age-Drama beeindruckte bereits die Jury des Max Ophüls-Preises, die Frau Neul den Drehbuchpreis zusprach. Nun darf sich das Kinopublikum von den Qualitäten von Mein Freund aus Faro überzeugen.