Clint Eastwood ist zurück. Im neuesten Regiestück, mit Angelina Jolie in der Hauptrolle, bewegt sich die Story im Los Angeles der 20er bis 30er Jahre. Eine Zeit sozialer Missstände, korrupter Behörden, boomender Kriminalität und deflorierender Wirtschaft. Eine allein erziehende Mutter hatte es in dieser Zeit besonders schwer und damals wie heute ist das Schlimmste was einer Mutter passieren kann, der Verlust ihres Kindes. Mit Der Fremde Sohn meldet sich Clint Eastwood mit einer Entführungs- und Verschwörungsthematik der gehobenen Kategorie zurück und liefert fein inszeniertes Kino ab.
An einem Morgen wie jedem anderen auch des Jahres 1928 geht Christine Collins (Angelina Jolie), die zusammen mit ihrem neunjährigen Sohn in einem Vorort von Los Angeles wohnt, zur Arbeit. Als sie am Abend zurückkehrt, ist nichts mehr wie zuvor: Ihr Sohn ist verschwunden - unauffindbar. Die Polizei reagiert erst nach 48 Stunden, ganz so, wie es das Protokoll vorschreibt. Die anschließende Suche bleibt erfolglos. Monate später ist beinahe so etwas wie Normalität in Christines Leben eingekehrt. Die intensive Fahndung nach dem vermissten Kind ist längst eingestellt und die Polizisten denken insgeheim, dass Christines Sohn vermutlich längst nicht mehr am Leben ist. Ihr Mutterinstinkt sagt ihr aber etwas anderes und tatsächlich: Plötzlich erreicht sie die Meldung, dass die Polizei in einem anderen Bundesstaat einen Jungen aufgriffen hat, auf den die Beschreibung passt und der behauptet ihr vermisster Sohn zu sein.
Am Bahnhof gibt es ein Wiedersehen. Allerdings erkennt Christine ihren Sohn nicht wieder. Erst auf Nachdruck des jungen Captains des LAPD J. J. Jones (Jeffrey Donovan) willigt sie ein, sich mit dem Jungen von der Presse ablichten zu lassen und ihn als ihren Sohn mit nach Hause zu nehmen. Die Polizei braucht einfach diese positive Publicity - sie steht ohnehin in harscher öffentlicher Kritik. Aber Christine weiß in ihrem Innersten eines mit Sicherheit: Das ist nicht ihr Sohn. Das will sie publik machen, damit die Suche nach ihrem Jungen wieder aufgenommen wird. Die Behörden möchten dies mit allem Mitteln verhindern. So ein Ermittlungsdesaster kann sich keiner, inklusive des Polizeichefs, leisten. Kurzerhand wird sie für verrückt erklärt und in die Psychiatrie zwangseingewiesen. Christine hat aber noch einen Verbündeten: den Radioprediger Reverend Gustav Briegleb (John Malkovich), der die Korruption in der Stadt schon lange anprangert. Der Kampf hat gerade erst begonnen.
Mit Filmen wie Million Dollar Baby, Flags of Our Fathers und Letters from Iwo Jima hat Clint Eastwood bewiesen, dass er zu den besten Regisseuren Hollywoods zählt und nicht nur außergewöhnliches Kino brillant zu inszenieren weiß, sondern auch, dass er sich ungern wiederholt. Das ist sicherlich eines der besonderen Merkmale der Eastwood-Filme: Es gibt keinen bestimmten oder gar festgefahrenen Stil. Es ist immer neu, frisch, anders und macht neugierig auf das, was kommen mag. Und vielleicht ist ebendies der besondere ClintEastwood-Stil. Filme, in denen die Wendungen nicht plump vorhersehbar, die Charaktere stereotyp eindimensional und die Subplots nur zur Dehnung der Handlung beitragen. Hier wurde mit Verstand und Können inszeniert und sich über jede Kleinigkeit Gedanken gemacht.
Filmtechnisch wird äußerst puristisch vorgegangen: reduzierte Farben und eine Optik, die der Gefühlslagen der Charaktere Rechnung trägt und mit vielen Nahaufnahmen diese noch unterstreicht. Dazu die ruhige bis betont unaufgeregte Kameraführung, welche die wenigen Schockmomente umso intensiver wirken lässt. Das alles fördert eine beklemmende Intensität und zwei Subplots, die die geheimen Stars des Streifens sind, beschleunigen die Handlung in den richtigen Augenblicken und erzeugen eine kalt lodernde Dramaturgie. Der ganze Film gleicht einem eisigen Vulkan.
Leichte Abzüge könnte es für die B-Note geben: Schauspielerisch gibt es bei allen Akteuren zwar eigentlich nichts zu nörgeln, aber seltsamerweise wirkt Angelina Jolie nicht eben wirklich so, als gehöre sie in diesen Film. Vielleicht ist es die Unvollkommenheit sich vollends zurückzunehmen, die diesen Eindruck erzeugt. Der Star des Films ist eindeutig die Story und Jolie ist halt immer und bleibt eben Jolie. Im Vergleich dazu ist ein John Malkovich in der Lage seine Rolle mit einer Art Unsichtbarkeit zu belegen und nur als das Präsenz zu zeigen, was er in und für die Handlung leisten soll. Nicht mehr und nicht weniger. Angelina Jolie, spielt zwar durchgehend überzeugend die Löwin, die ihr Junges niemals aufgibt, und müht sich darum dezent zu sein, um nur das zu akzentuieren, was notwendig ist, schafft es aber nicht völlig. So wird aus Der Fremde Sohn ein sehr guter Film, der dem Cineasten große Freude bereiten wird, er erreicht aber nicht die Klasse von Million Dollar Baby, da er etwas zu sehr zur Jolie-Show wird.