Marcus H. Rosenmüllers neuester Film präsentiert sich als Coming-of-Age-Drama im oberbayerischen Raum, jedoch mit hohem Schmunzelfaktor. Technisch sowieso einwandfrei umgesetzt, brilliert der Regisseur mit seinem Händchen für Dialog, Sprache und Gruppendynamik. Die Lausbubenstreiche der Generation der heute Hochbetagten garantieren einen schönen Kinoabend.
Einige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, nämlich 1931, spielt Die Perlmutterfarbe, der neueste Film von Marcus H. Rosenmüller. Der junge Alexander wächst ohne Vater auf, dieser ist angeblich als Matrose auf einem Schiff unterwegs und wurde samt restlicher Besatzung in China gefangen genommen. Eine bessere Geschichte ist Mutter Klari leider nicht eingefallen - auch wenn diese wenigstens die Herkunft von Papagei Paul erklärt. Das Lügen hat sich auch auf ihren Sohn übertragen, so scheint es: Aus einer Mücke macht Alexander einen Elefanten, nur um nicht vor seinen Freunden und Klassenkameraden dumm dazustehen. Dabei wäre doch alles so einfach gewesen.
Denn Alexander und sein bester Freund Maulwurf lieben dieselbe Frau: Lotte. Die Klassenkameradin ist (offenbar ohne deren eigenes Wissen) demjenigen der beiden versprochen, der den jährlichen Malwettbewerb der Schule gewinnt. Bis dahin darf sie niemand "oglanga", wie der Bayer so schön sagt. Während Alexander fieberhaft für die Perfektion seines Bildes, das seinen vermutlich in China gefangenen Vater zeigt, nach typisch asiatischen Gesichtszügen recherchiert, baut Maulwurf auf seine Geheimwaffe: Ein Fläschchen selbst erfundener Perlmutterfarbe: Eine weiße Farbe mit Perlmuttstückchen, die im Licht ganz wunderbar glitzern.
Als die Flasche dann durch einen dummen Zufall verschwindet, schiebt nach kurzer Aufregung die ganze Schulklasse a den vermeintlichen Diebstahl auf die gesamte Klasse b, die im selben Kunstraum unterrichtet wird, nur eben später. Als die Flasche dann bei Alexander zu Hause auftaucht, kommt der nicht auf den Gedanken, das ganze aufzuklären, sondern ist so unachtsam, dass er auch noch ein geliehenes Buch von jemandem aus der b-Klasse vernichtet. Während der Kleinkrieg zwischen a- und b-Klasse sich von harmlosen Schneeballschlachten zu geradezu militärisch organisierten Kampagnen entwickelt, rutscht Alexander wegen einer Notlüge nach der anderen immer tiefer in Verstrickungen und Schuldgefühle.
Marcus Rosenmüller, der sich als inoffiziellen zweiten Namen seinen Heimatort Hausham aneignen musste, um nicht ständig mit Marcus O. Rosenmüller, einem TV-Regisseur aus Duisburg, verwechselt zu werden, zeigte bereits in seinem Überraschungshit Wer früher stirbt, ist länger tot, dass ihm ein besonders feines Gespür für Dialog, Sprache und Gruppendynamik in die Wiege gelegt wurde. Seine an Der Krieg der Knöpfe erinnernde Geschichte um erste ernsthafte Freundschaften, die ersten Gefühle für das andere Geschlecht und vor allem die ersten Male, wenn man für seine Freunde einsteht, geht ans Herz.
Auch wenn die Inszenierung gewohnt flüssig, die Handlungsfäden hübsch verwoben, aber dennoch nachvollziehbar sind, und die meist jungen Schauspieler wirklich eine gute Figur machen, wird Die Perlmutterfarbe nicht an den Erfolg von Wer früher stirbt, ist länger tot anknüpfen können. Zum einen ist die Ansiedlung der Geschichte in der Gesellschaft, die Hitler an die Macht wählen würde, zwar optisch hübsch anzusehen, aber durch diese unauslöschbare Assoziation eben auch ein wenig bedrückend. Zum anderen ist der Handlungsverlauf nicht so eine Überraschung, wie es Rosenmüllers Herzblut-Projekt am Wendelstein war. Doch das dürfte den jungen Erfolgsregisseur nicht stören, denn seine Inszenierung sitzt, wackelt und hat Luft. Was will man mehr?
Natürlich wird sofort klar, dass Rosenmüller bei der Besetzung des Alexander mit Markus Krojer, der ja schon den Sebastian in Wer früher stirbt, ist länger tot auf ein bewährtes Teammitglied zurückgegriffen hat. Verständlich, denn Krojer macht seine Sache wirklich hervorragend, und wieder einmal nimmt man ihm die Notwendigkeit diverser Notlügen schmunzelnd ab. Alexanders Mutter Klari wird von Brigitte Hobmeier, die für Rosenmüller schon in Räuber Kneissl vor der Kamera stand, gespielt. Sie kann nur am Rande miterleben, wie ihr Sohn sich zu einem jungen Mann mausert, transportiert ihre Konflikte aber gekonnt an das Publikum. Die anderen Kinder im Film spielen allesamt solide ihre Lausbubenrollen und hatten offenbar einen ziemlichen Spaß bei den Dreharbeiten. In Nebenrollen tauchen die Kabarettisten Sigi Zimmerschied und Josef Hader auf.
Die Ansiedlung des Films vor dem Zweiten Weltkrieg bringt einen natürlich ins Grübeln, zumal durch die Bandenbildung der a-Klasse den Nazimethoden und deren Propaganda vorgegriffen wird. Man meint, im Film die späteren Mitläufer, Täter und Opfer bereits unterscheiden zu können.
Die Perlmutterfarbe ist eine unbeschwerte Geschichte, ein Ausschnitt einer Kindheit, und kann als solche genossen werden. Die Schwermut, die einen bezüglich des aufziehenden Dritten Reiches befallen kann, ist weitgehend optional, denn nichts zwingt wirklich zur Auseinandersetzung mit dem Thema. Als leichte Kinokomödie kann man den Film sicher nicht mehr bezeichnen, doch wer einen Blick in die Lausbubenjugend unserer Großelterngeneration werfen möchte, ist sicher richtig.