Einmal reich und berühmt sein? Wofür gibt es schließlich Quiz-Shows? Beim indischen Ableger von Wer wird Millionär geht es heiß her: Nur noch eine richtige Antwort trennen den Jungen aus der Unterschicht, den so genannten Slumdog, von der Erfüllung dieses Traumes. Die geheimen Spielregeln des Quizes hat dem Aufsteiger aber scheinbar niemand erklärt: Nicht alle Kandidaten sind hier gleich. Die Herkunft kann auch hier durchaus entscheidend sein. Kraftvolles sozialkritisches Drama, welches das Zwielicht hierzulande, verglichen mit indischen Maßstäben, wie Flutlicht erscheinen lässt.
Gutes Kino kommt nicht zwangsläufig aus Hollywood und lebt nicht von Zahnpastastrahlemännern und chirurgisch konservierten Retortenfrauen. Das mag zwar einigen durchaus geläufig sein; manchmal scheint es aber nicht verkehrt, das mal wieder so richtig ins Gedächtnis zu rufen. Wer schon hierzulande kritisch auf die Medien- und Entertainmentlandschaft blickt und genug von dem ganzen Casting-Matsch, Realityshow-Müll und stereotypen Quizformaten hat, wird bei Slumdog Millionär mit einer neuen Facette des Mediengeschehens konfrontiert. Das definiert Ungerechtigkeit und Benachteiligung gleich völlig neu.
Nur noch eine weitere richtige Antwort, dann hat es der 18-jährige Jamal (Dev Patel) geschafft: Dann hat er 20 Millionen Rupien bei der indischen Variante der Quiz-Show Wer wird Millionär gewonnen (umgerechnet etwa 300.000 Euro; wobei man in Indien wahrscheinlich weiter mit 300.000, als hierzulande mit einer Million kommt). Jamal bekommt aber nicht mehr Gelegenheit eine Antwort zu geben. Die Sendezeit ist vorbei und weiter geht's beim nächsten Mal - doch nicht für Jamal.
Die Polizei nimmt ihn in Empfang und bereitet ihm alles andere als einen gastfreundlichen Aufenthalt: Jamal wird verhört, durch die Mangel gedreht und mit Methoden gefoltert, wie man sie sonst nur aus knallharten Gefängnisdramen kennt. Man wirft ihm vor, er hätte "gecheatet" (gemogelt); die Antworten auf irgendeine Weise zugeflüstert bekommen. Beweise gibt es hierfür keine, nicht einmal so was wie Indizien. Einzig und allein die Tatsache, dass Jamal, der Slumdog, durchmarschiert ist und alle Antworten wusste, scheint Anlass genug, so mit ihm umzuspringen. Unter dieser Behandlung gibt Jamal nach. Zwar gibt es nichts zu gestehen, aber er hat eine gute Geschichte auf Lager. Die Story seines unglaublichen Lebens.
Der britische Regisseur Danny Boyle, bekannt durch den Kultfilm Trainspotting - Neue Helden, liefert mit Slumdog Millionär eine kraftvolle, kompromisslos erzählte Geschichte der Brüder Jamal und Salim (Madhur Mittal) ab. Zwei Waisen, die in Indien im städtischen Moloch Mumbai aufwuchsen und von kleinauf ums nackte Überleben kämpften. Jenseits von Genrekonventionen und Klischees: sowohl Sozial-, als auch Liebesdrama, Thriller, Road-, Buddymovie und Millieustudie, entsteht eine pralle bildlastige Story, die nichts aus den Schattenbereichen und Zwielichtzonen der Lebewelt Slumgeborener auslässt. Kriminalität, missbrauchte Kinderseelen und geschundene Leiber, Prostitution, all das ist den Brüdern auf ihrem Weg begegnet. Für die Slumdogs Alltag. Dem Zuschauer entschlüsselt sich die Geschichte nur allmählich. Ort und Zeit der Handlung springen wild vor und rückwärts, Rück- und Seitblenden geben sich die Hand mit Vorwärtsprojektionen; verwirrend, aber virtuos geschnitten, authentisch erzählt und manchmal mit besonders makaberem Humor unterlegt.
Slumdog Millionär wurde komplett an Originalschauplätzen in Indien und mit Laiendarstellern gedreht. Der visuell opulente, farbenprächtige Stil, der eine klare Anleihe ans Bollywood-Kino darstellt, verleiht dem Film eine berauschende Optik, atmosphärische Dichte und mitreisende Energie. Vor allem der ungeschminkte Blick auf das Slumleben und Elend der sozial Unterprivilegierten, heben das Werk weit aus dem Mittelmaß üblicher Sozialdramen hervor. Leider aber lässt im zweiten Teil die Intensität nach. Mehr und mehr wird ein Brüderkonflikt und eine als roter Faden mitlaufende Liebesgeschichte thematisiert. Der Spannung schadet das aber nicht ernstlich.
Eine interessante Facette stellt die Darstellung der Medienlandschaft in Indien dar: Der Hype, der dort abgeht, ist mit nichts zu vergleichen, was man hierzulande kennt. Quiz-Shows, wie Wer wird Millionär, laufen bei uns als nette Abendunterhaltung nebenher mit. Wenn gelegentlich mal ein Kandidat eine große Summe oder gar eine Million absahnt, ist das für ein paar Tage TV-Rummel und einige Schlagzeilen der Boulevardpresse gut. Ganz anders offenbar in Indien - insbesondere wenn ein "Niedergeborener" auf einen Schlag mit dem Gewinn sein Schicksal ändern kann.
Er wird zu einem Symbol für Millionen Minderprivilegierter, die all ihre eigenen Wünsche und Hoffnungen in den Underdog projizieren. Dieser Umstand ist auch einer der wenigen Punkte, in denen die Plotlogik von Slumdog Millionär etwas hakt. Ohne wirklichen Grund zu haben, an der Redlichkeit des Kandidaten zu zweifeln, stempelt man ihn zum Betrüger. Was wäre passiert, wenn er unter dem Druck der harten Verhöre zugegeben hätte, zu betrügen? Der Sender verlöre eine der quotenträchtigsten Figuren. Jedem Medienunternehmen ist doch klar: so eine Cashcow kann man Melken bis zum Gehtnichtmehr. Interviews, Reportagen, Bücher über seine Lebensgeschichte. Ruckzuck bringt das ein Vielfaches der 20 Millionen Rupien. Warum ihn also, nur aufgrund einer wagen Vermutungen, aus dem Rennen werfen. Aber vielleicht funktionieren die Gesetze des Marktes und das Diktat der Quote in Indien anders.