Türkische Future-History absurd: Der Kemalismus hat keinen Einzug gehalten und das Osmanische Reich ist nie zerfallen. Im Jahr 2008 ist die Türkei eine parlamentarische Monarchie und Herrscher Sultan Osman VII. Marionette im eigenen Reich, da die Türkei inzwischen Satelliten-Staat der USA ist. Zu allem Verdruss lässt ihn die Gattin nur noch an den Feiertagen ran. Wie kann man sich da noch als Chef im eigenen Hause fühlen? Feine Satire, die viele kulturelle Eigenheiten karikiert und auch mit subtiler Staatskritik aufwartet, allerdings dem Uneingeweihten auch viele Fragezeichen im Kopf beschert.
Satire kann zum stumpfen Schwert werden. Insbesondere aber, wenn Pressefreiheit zur Einbahnstraße der Verkündigung der offiziellen Regierungsmaxime degradiert wurde und Meinungsfreiheit, als das Recht frei von eigener Meinung zu sein, interpretiert wird, birgt sie die einzige Möglichkeit verpackt Kritik zu üben. Regisseur und Autor Gani Müjde gelang 1999 mit seinem Debütfilm ein Überraschungserfolg: Schande in Byzanz zählt heute zu einem der zehn erfolgreichsten Filmen der Türkei. Nach knapp einem Jahrzehnt meldet sich Müjde mit Die osmanische Republik zurück.
Ort der Handlung dieser Was-wäre-wenn-Satire ist der Bosporus. In Istanbul "regiert" Sultan Osman VII. (Ata Demirer), in Wahrheit sind aber andere die Herren: Weltmacht USA hat ihre gierigen Tentakel nach der Osmanischen Republik ausgestreckt und hält diese fest in ihrer Umklammerung. Das erschwert den ersehnten EU-Beitritt. Aber der Sultan hat noch mehr Probleme: Sein ohnehin nicht viel mehr als repräsentativer Job verkommt meist zu einem grotesk-komischen Schauspiel: In der Öffentlichkeit ist der beleibte Sultan zwar sehr beliebt, wird aber selten respektiert. Vor der Mosche werden ihm die Prada-Pantoffleten geklaut, das Auto abgeschleppt und die Polente lässt ihn, mit seinem kaum verkehrstüchtigen feuerroten Blechmobil, das aus der Augsburger Puppenkiste zu stammen scheint, nur dann durch die Kontrolle, wenn "Bakschisch" fließt.
So ein Sultan hat es halt schwer. Nicht nur, dass er wenig bis nichts zu sagen hat; es gieren einige Polit-Schakale nach seinem (bedeutungslosen) Thron. Und revolutionäre Kräfte planen gar den Sturz des Sultanats. Zu allem Überdruss darf er in der heimischen Horizontalen nicht mal mit seiner Auserwählten, der Königin Saliha (Ruhsar Öcal), kuscheln. Die hat Migräne. Und das bereits seit 20 Jahren. Was bist Du bloß für eine Frau? Nur viermal im Jahr! Sogar die Pandas im Zoo machen es öfter. Ich werde mal hingehen und fragen, wie die das aushalten.. Doch einen Silberstreif gibt es am Horizont: die bildhübsche Studentin Asude (Vildan Atasever), die im Palastgarten Restaurierungsarbeiten leistet. Der gefrustete Sultan verguckt sich sofort und auch Asude findet den stattlichen Herrscher anziehend. Möglicherweise aber ist die etwas anderes, als sie vorgibt zu sein und das sich anbahnende Glück nur eine flüchtige Illusion.
Bei diesem Streifen sollte man sich von den üblichen Satireerwartungen trennen. Es wird nicht so sehr auf den Putz gehauen. Das ganze läuft subtiler und hintergründiger ab: alles ist etwas anatolischer, bunter, kitschiger und das, was sonst die Brust des stolzen Ottomanen schwellen lässt, entpuppt sich mehr oder minder als Mogelpackung: Die Nationalen sind schmierige Schakale, die Revolutionäre konfuse Chaoten und die Herrschenden hölzerne Witzfiguren. Und eben hinter dieser Parodierung versteckt sich die Kritik, die so schwer offen darstellbar wäre:
Korruption, Vetternwirtschaft, opportune Außenpolitik, innenpolitisches Muskelspiel, wirre Revoluzzer, und vordemokratisches Justizsystem. Alle kriegen ihr Fett weg - auch wenn es auf den ersten Blick nicht nach mehr als ein paar Ölspritzern aussieht. Mehr geht halt derzeit (noch) nicht. Die anatolische Seele tickt anders und man kann die Gesellschaftsnorm nicht über Nacht verändern. Satire und politisches Kabarett wie man es hierzulande beispielsweise kennt, das schonungslos mit der Obrigkeit abrechnet, ist nicht in allen Teilen der Welt in dieser Form möglich. Bis vor kurzem galt dort sogar noch der Paragraph "über die Verunglimpfung des Türkentums".
Gewisse Entwicklungen brauchen Zeit und es ist zumindest schön zu sehen, dass freches Kino nun auch aus der Türkei zu uns kommt. Allerdings kann dieser osmanische Reigen zum Kulturschock ausarten oder zumindest große Fragezeichen aufwerfen. Es hilft wenn etwas Hintergrundwissen über die Kemalistische Revolution und die Abschaffung des Sultanats und Kalifats in der Türkei vorhanden ist, sowie die historischen Prozesse auf den Weg zur einer Laizistischen Demokratie mehr als Abstrakta sind. Ohne dieses Wissen könnte diese Satire im Ansatz stecken bleiben und möglicherweise nicht mehr als gelegentliche Schmunzler entlocken. Ein bisschen entschädigen können vielleicht noch ein paar wunderschöne Bosporusbilder, die gleich etwas Urlaubssehnsucht aufkommen lassen.