Die Geschichte einer skurrilen Lebenslüge und deren schmerzhafter Auflösung nach viel zu langer Zeit wird mit technisch sehr einfachen Mitteln, dafür aber mit einem sehr guten Drehbuch und solider Regie erzählt. Die Figuren könnten dem realen Alltag in der freien Wirtschaft entsprungen sein, daher wirkt die Büroatmosphäre im Film bisweilen hölzern - was durchaus gewünscht ist und Sinn macht. Eine schöne, humorvolle Verwechslungskomödie, jedoch eher für Kulturbegeisterte.
Ravn hat es sich leicht gemacht mit den "Six Seniors": Den allerersten sechs Angestellten seiner dänischen Softwarefirma hat er stets vorgelogen, dass er selbst nur das ausführt, was der mysteriöse Oberboss im Hintergrund ihm, Ravn, anschafft. Diese Lüge hat sich durch die jahrelange Erfolgsgeschichte des Unternehmens gezogen, bis es nun, zig Millionen schwer, verkauft werden soll. Ravn schaffte es die ganze Zeit über nie, seinen engsten Untergebenen die Wahrheit über den "boss of it all" nahezubringen. Zu bequem war die Flucht in die Verantwortungslosigkeit, zu verlockend die Hinweise, die er als angeblich bloß Weiterleitender in die spärlichen e-Mails des großen Bosses einfließen lassen konnte, um sein eigenes Leben verträglicher zu machen, zu schön das Flirten ohne jegliche Gefahr. Nun steht Ravn da, der liebste Boss aller Zeiten, der stets nur die undankbare Aufgabe hatte, unbequeme Beschlüsse "von oben" vor Ort bekannt zu machen. Alle lieben Ravn.
Doch Ravn ist eine Ratte. Denn der Hobbyjurist ("Verträge aufsetzen ist ein Hobby von mir") hat alle seine Mitarbeiter um die Rechte und Ansprüche an ihren Entwicklungen gebracht, noch bevor sie diese überhaupt für die Firma schrieben. Ravn hat sich leicht beeinflussbare Geeks zusammengesucht, labile Typen, die leicht übers Ohr gehauen werden können. Schützenswerte Mitarbeiter, Schätze von Menschen, doch eben auch leichte Opfer. Dass Ravn sich dabei selbst hinter einem nicht vorhandenen Boss versteckt, ist nur noch schäbig.
Nun ist es jedoch soweit: Der große Boss muss in der Firma erscheinen. Denn der cholerische Isländer und flammende Dänenhasser Finnur verhandelt nur mit dem obersten Boss über den Kauf des Unternehmens. Also bleibt Ravn nichts anderes übrig, als einen Schauspieler anzuheuern, der den Boss für dieses eine Meeting spielen soll.
Der Film beginnt im Herrenklo, wo der Schauspieler Kristoffer seinen Text lernt, sich in seine Rolle findet, sich Gedanken über die Motivation der Figur und die Verbindung mit dem Publikum macht. Völlig weltfremd also. Kristoffer hat bereits, angeregt durch die Stücke seines großen Vorbilds, des (fiktiven) Stückeschreibers Gambini, Ruß auf seine Stirn geschmiert, um die Wirkung der Rolle besser zu unterstreichen. Ravn steht daneben und erklärt händeringend, dass der Chef einer großen Softwarefirma niemals, unter keinen Umständen, Ruß auf der Stirn hat. Kristoffer spielt Ravn verschiedene Versionen eines Satzes vor, mit variierenden Pausen. Ravn versteht die Welt nicht mehr, und dem Zuschauer wird klar, dass es hier eine unüberbrückbare Kluft gibt zwischen der Welt des Schauspiels und der realen Wirtschaftswelt. Kristoffer soll doch nur ein bisschen da sitzen und dann einen Vertrag unterschreiben.
Doch alles kommt anders. Denn aufgrund einer Lappalie kann der Verkauf des Geschäfts nicht stattfinden. Daher muss Kristoffer noch schätzungsweise eine Woche in seiner Rolle bleiben und täglich in der Firma auftauchen. Dies nutzen die anderen Angestellten, ihn näher kennenzulernen, was wiederum zu gewaltigen Verwicklungen führt: Denn langsam wird Kristoffer, der sich den anderen als Svend Eckersberg vorgestellt hat, klar, was Ravn angeblich in seinem Namen alles angerichtet hat. Während der spontane Sex mit der praktischerweise bereits vorverführten Kollegin sich als angenehmes Meeting herausstellt, bekommt Kristoffer alias Svend auch eines vom depressiven Gorm auf die Nase. Da Kristoffer natürlich keinerlei e-Mail-Verkehr der Vergangenheit gelesen hat, kann er stets nur ins Blaue antworten - herrlich!
Während Kristoffer sich langam in die ihm zugefallene Machtposition eingewöhnt, plagen Ravn erste Gewissensbisse, weil er seine Kollegen, das Fundament seines Erfolges, ein (Firmen-)Leben lang belogen hat. Zum Showdown findet schließlich ein weiteres Meeting mit dem offenbar grantig geborenen Finnur statt. Doch diesmal sind sowohl die Six Seniors dabei, als auch überraschenderweise jemand aus Kristoffers Bekanntenkreis - und natürlich Antonio Stavro Gambini.
Lars von Trier drehte mit einer Videokamera in einem Bürogebäude und an einigen wenigen weiteren Schauplätzen. Die Handlung dreht sich weitestgehend um die Beziehung zwischen Ravn und Kristoffer, deren schauspielerische Leistungen sich in nichts nachstehen. Während die Bürobesatzung in der ersten Hälfte ziemlich exakt an die skurrilen Figuren der "Dilbert"-Comicserie erinnern, wandelt sich das Bild in der zweiten Hälfte. Als Kristoffer nach und nach seine Untergebenen näher kennenlernt, zeigt sich, dass jede Macke ihre Ursache hat - meistens nämlich Ravn, den alle ja so mögen.
Der Film ist ein Musterbeispiel für sparsames Filmemachen, entspricht jedoch nicht den Kriterien für Dogma 95. Drehbuch und Regie sind solide, nur rein technisch enttäuscht der Film diejenigen Zuschauer, die Hollywood-Hochglanz gewöhnt sind. Wäre dieser Film ein Theaterbesuch, handelte es sich um eine besonders gelungene Schüler- oder Studentenvorführung. So eine kann nämlich durchaus besser sein als eine verpatzte Profi-Produktion. Definitiv empfehlenswert für einen Kulturabend mit einem Zwinkern.