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Gaspar Noés fast schon ansteckend hasserfülltes und zutiefst deprimierendes Sozialdrama Menschenfeind ist eine ungewöhnliche und schwierige Charakterstudie, die wegen der fast ununterbrochen in Form von inneren Monologen erzählten Gedankengänge des Schlachters zwar teilweise etwas anstrengend aber auch hochinteressant ist. Besonders die unkonventionelle, kunstvolle Inszenierung macht diesen Film zu einer emotionalen Schlachtplatte voller fragwürdiger philosophischer Gedankengänge und kontroverser Ansichten von Moral, Gerechtigkeit und Liebe. Das Gesamtwerk ist hart und kompromisslos und auf jeden Fall sehenswert für alle, die sich diesen Film zutrauen.
Menschenfeind ist nach einigen Kurzfilmen der erste Spielfilm des argentinisch-stämmigen Franzosen Gaspar Noé (Irreversibel). Die Geschichte des hasserfüllten Schlachters ist die Fortsetzung von Noés Kurzfilm Carne von 1991. Glücklicherweise konnte er für die Rolle des Schlachters wieder Phillip Nahon (High Tension) gewinnen, der sich als Idealbesetzung erweist und den Schlachter so glaubhaft mimt, wie es nur eben möglich ist. Dieser ist es auch, der in der Anfangsszene von Noés umstrittenen, meiner Meinung nach großartigen, Irreversibel zu sehen ist. Mit dieser Sequenz verknüpft Noé die beiden sehr unterschiedlichen Filme auf interessante Weise miteinander.
Der Schlachter kann einem nur leid tun. Er führt ein Leben, wie es keiner führen will. Unglücklich verheiratet, zu Hause in einer geschmacklosen, tristen Wohnung zusammen mit der hochschwangeren, widerlichen Frau und der leicht senilen Schwiegermutter. Arbeitslos, vorbestraft, als Waisenkind aufgewachsen, das eigene Kind ins Heim abgeschoben, weil es damals nicht anders ging, und inzwischen psychisch schon deutlich mitgenommen. Dieser Mann, der wie zerfressen ist von Hass und Wut auf seine Umwelt, ist im Grunde ein arg unsympathischer Zeitgenosse. Dennoch fühlt man mit ihm, denn seine Geschichte ist ergreifend, erschreckend realistisch und verachtenswert zugleich. Das Meiste von dem, was der Schlachter tut, muss man verurteilen, doch man kann es immer verstehen und nachvollziehen, auch wenn dafür schon eine ausgeprägte Fähigkeit zur Empathie vorausgesetzt wird.
Die Gedanken des Schlachters wirken nicht nur durchgehend misanthrop und nihilistisch, sondern zum Teil vollkommen absurd und zeitweise sogar krank. Er ist ein gebrochener Mann, mit dem es das Schicksal nicht gut meinte und dem die Einsamkeit das Herz zerfrisst. So klammert er sich kurz vor seiner immer wieder bevorstehenden persönlichen Apokalypse doch noch an den letzten Strohhalm der ihm bleibt, seine Tochter. Spätestens im Verhältnis der Beiden werden aber definitiv die Meinungen auseinander gehen, denn wenn man sich nicht damit abfinden kann, dass der Schlachter fertig mit der Welt und sein Bild von eben dieser vollkommen zerrüttet ist, wird man sein Handeln und Denken als dumm und konstruiert abtun und sich nicht vorstellen können, dass eine Storyentwicklung, wie sie hier stattfindet, realistisch ist. Um Menschenfeind in seiner ganzen Wirkung und Energie zu sehen, an dieser Stelle sollte ganz bewusst nicht von "genießen" gesprochen werden, muss man dieses Drama als Psychogramm betrachten, das nicht um jeden Preis gefallen will, sondern einfach ist wie es ist, genau wie der Schlachter selbst.
Natürlich muss man sich dessen bewusst sein, was man sich mit Menschenfeind antut. Denn Phillip Nahons One-Man-Show ist beileibe nicht für jeden zu empfehlen. 90 Minuten aus dem Off erzählte innere Monologe, die nur zwischenzeitlich durch die Dialoge und Handlung unterbrochen werden, um die Story voran zu treiben, sind ohne Zweifel anstrengend. Auch eines der charakteristischsten, inszenatorischen Elemente, wie die zwischenzeitlich eingeblendeten Texttafeln, sind ungewohnt und sicherlich Geschmackssache. Nichts desto trotz ist Menschenfeind ein gelungenes Sozialdrama eines hochtalentierten Regisseurs, von dem hoffentlich noch viel kommen wird. |