Franka Potentes 43-minütiges Regiedebüt ist eine eindrucksvolle und gewagte Referenz an die wohl einflussreichste Ära der deutschen Filmgeschichte: den Stummfilm. Leider gelingt es ihr mit Der die Tollkirsche ausgräbt nicht, über formal interessante Motive hinaus auf der inhaltlichen Ebene mit einer zu simpel geratenen Story um Magie und Liebe zu überzeugen.
Das Logo des produzierenden Warner Bros.-Studios erscheint in Schwarz-Weiß auf mit Schrammen und Streifen lädiertem Filmmaterial, bevor nach dem Logo von X-Filme Creative Pool schließlich das ästhetisch hochgradig unkonventionelle Regiedebüt von Schauspielerin Franka Potente (Die Bourne Identität) beginnt. Trotz einer Laufzeit von gerade einmal 43 Filmminuten war Der die Tollkirsche ausgräbt ein deutscher Kinostart, wenn auch nur in wenigen Filmtheatern der Republik, vergönnt. Und dies ist schon erstaunlich, bedenkt man, dass es sich hierbei um einen modernen Stummfilm (!) handelt.
Franka Potente wollte nicht das Alte, den "klassischen" Stummfilm kopieren - wie sie in Interviews beteuerte -, sondern sie wollte eine Verbindung mit der modernen Welt und modernen Filmen herstellen. Dies ist ihr mit Der die Tollkirsche ausgräbt eindrucksvoll gelungen - wenn auch auf Kosten von Konsequenz. Sie nimmt viele aus den unterschiedlichsten Arten von Stummfilmen entstammende Motive und reiht sie solange aneinander, bis ihr Film in Ambitionen ertrinkt. Es ist lobenswert, Slapstick-Einlagen à la Charlie Chaplin, expressionistische Licht- und Schattenspiele à la F.W. Murnau oder die ästhetischen Mittel von Lochblenden, Zeitraffer und Zeitlupen einzusetzen und somit die Verbeugung und Ehrerbietung vor klassischen Stummfilmen zu inszenieren, die diese verdient haben. Allerdings können diese formalästhetisch hoch interessanten Spielereien nicht darüber hinweg täuschen, dass das Buch, welches auch von Potente geschrieben wurde, keine halbwegs sinnvolle Geschichte bereithält.
Es geht um ein Mädchen namens Cecilie (Emilia Sparagna), die im Jahre 1918 gegen ihren Willen aus Geldnot mit dem wohlhabenden Alfred (Max Urlacher) verheiratet werden soll. Doch dann entdeckt die Gesellschaft einen seltsamen Stoffwulst im Garten und beginnt, ihn heraus zu ziehen. Es kommt ein Punk (Christoph Bach) aus der heutigen Zeit zum Vorschein, der eher eigenwillige Manieren an den Tag legt und mehr nach Cecilies Geschmack ist. Dann entspinnt sich jedoch eine mit Magie und Liebesfilm-Elementen überladene Geschichte, die eher unfreiwillig komisch denn ernstzunehmend geraten ist.
Wiederum interessant ist, dass der anachronistische Punk Geräusche fabriziert und auch sprechen kann, was wir als Zuschauer hören, während die 1918 lebenden Figuren stumm sind und nur mit Zwischentiteln zu kommunizieren scheinen. Dies ist ästhetisch wiederum sehr interessant, aber allein trägt auch diese Idee einen Film abseits einer arg platten Handlung nicht. Auch die Konsequenz der referenziellen Anlehnung an die Stummfilmästhetik mit starrer Kamera sowie zahlreichen Überblendungseffekten erhält einige Risse: Außenaufnahmen sind zum Teil mit bewegter Kamera gefilmt und wirken durch ihre Grobkörnigkeit, die mutmaßlich von einem digitalen Aufnahmeverfahren herrührt, zum stimmigen Kontext unpassend.
So steht am Ende wie am Anfang ein gewagtes filmästhetisches Experiment, für deren Vollzug man Franka Potente zwar uneingeschränkt danken, aber nicht vollends loben kann. Bis zum Ende drängt sich mit der prätentiösen Inszenierung von Der die Tollkirsche ausgräbt auf, dass jegliche Waghalsigkeit kalkuliert und jede übertriebene Stummfilm-Geste der Darsteller (noch so eine Referenz) gewollt ist, was leider den Eindruck einer selbstverliebten und wenig ausgereiften Umsetzung einer vagen Idee im Entwicklungsstadium suggeriert. Man hätte mit weniger Formalia und mehr Inhalt auch mehr erreichen können als einen "nur" interessanten Film. Gerade weil am Anfang das Warner Bros.-Logo so verheißungsvoll in Schwarz-Weiß und auf scheinbar alten Filmmaterial präsentiert wurde.