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Stilles Chaos

(Caos Calmo, 2008)

Dt.Start: 29. Januar 2009 Premiere: 01. Februar 2008 (Italien)
FSK: ab 12 Genre: Romanze
Länge: 112 min Land: Italien, USA
Darsteller: Nanni Moretti (Pietro Paladini), Valeria Golino (Marta), Alessandro Gassman (Carlo), Isabella Ferrari (Eleonora Simoncini), Silvio Orlando (Samuele), Blu Di Martino (Claudia), Hippolyte Girardot (Jean Claude), Roberto Nobile (Taramanni), Alba Rohrwacher (Annalisa), Manuela Morabito (Maria Grazia), Kasia Smutniak (Jolanda), Beatrice Bruschi (Benedetta), Sara D'Amico (Francesca), Babak Karimi (Mario)
Regie: Antonio Luigi Grimaldi
Drehbuch: Sandro Veronesi, Nanni Moretti


Inhalt

An dem Tag, als Pietro Paladini einer ertrinkenden Frau das Leben rettet, findet er seine eigene Frau tot zu Hause auf. Nun muss er sich allein um seine zehnjährige Tochter Claudia kümmern, die gerade in die fünfte Klasse gekommen ist. Nachdem er sie zur Schule begleitet hat, beschließt er abzuwarten, bis sie Schluss hat. Während dieser Stunden wartet er vor dem Gebäude. Nach und nach suchen Arbeitskollegen, Familie und Freunde ihn auf. Doch anstatt ihn zu trösten, sprechen sie über ihren eigenen Schmerz. Dadurch lernt Pietro das Leben durch andere Augen kennen.
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Kritik

Stilles Chaos hat eine Wertung von 87%
Das Leben hat manchmal einen derart schnellen Rhythmus, dass nicht einmal Zeit bleibt, den Verlust eines geliebten Menschen zu betrauern. Was bleibt, ist herausrücken aus der Geschwindigkeit, der Hatz entfliehen und zu sich selbst finden. In der Entschleunigung findet Pietro, der aus heiterem Himmel seine Frau verloren hat, den wahren Takt des Lebens und seine Balance wieder. So gelangt er zu seinem verborgenen Schmerz und kann das Geschehene verarbeiten. Herausragend melancholisch erzähltes Drama mit einem lakonischen Blick aufs Leben. Italienisches Autorenkino für den wahren Cineasten.

Bild aus Stilles Chaos Die Brüder Pietro (Nanni Moretti) und Carlo (Alessandro Gassmann) retten eines Tages am Strand zwei ertrinkenden Damen das Leben. Nicht nur, dass es dafür keinen Dank gibt, als Pietro nach Hause kommt, findet er eine Tragödie vor: Seine Frau ist urplötzlich verstorben. Einzig und allein die gemeinsame Tochter war anwesend, die verzweifelt versuchte ihn über das Handy zu erreichen. Nach der Beerdigung versucht Pietro, der Manager bei einem großen Pay-TV Unternehmen ist, zunächst so weiterzumachen wie zuvor. Irgendwie machen die Dinge aber nicht mehr so recht Sinn.

Trauer hat sich indes noch nicht eingestellt. Emotional erstarrt wirkt Pietro, als würde er nichts empfinden. Seine Tochter "imitiert" ihn in diesem Verhalten. Keiner rührt an dem Geschehenen, um nicht mit dem Schmerz des Verlustes konfrontiert zu werden. Als die Schule wieder beginnt, bringt Pietro seine Tochter dorthin und beschließt, im Park davor den ganzen Tag auf sie zu warten. Und den nächsten Tag macht er dasselbe und den übernächsten ebenfalls. Zur Arbeit geht er nicht mehr und sagt seiner Sekretärin, er könne genauso gut vom Park aus arbeiten. Seltsamerweise scheint das seinen Brötchengeber nicht zu belasten. Pietros Firma steht unmittelbar vor einer Fusion und eigentlich wären der Rat und das Wissen des erfahrenen Mitarbeiters willkommen. Pietro fährt einfach den Tacho runter und plötzlich kommt alle Welt zu ihm. Der Park vor der Schule seiner Tochter wird zu seinem neuen Office.

Während Pietro auf der Parkbank sitzt, Zeitung liest, Beratungsgespräche führt, sich als Therapeut oder Don Juan betätigt, wartet der gebannte Zuschauer gleichsam auf den "Wechsel der Jahreszeiten". Zumindest schwelgt er aber im größten Luxus, den der geschäftige Neuzeitmensch seineigen nennen kann: Zeit. Fast wollüstig genießt man die Langsamkeit der Geschichte, welche durchzogen von einer süß-schmerzlichen Schwermut und begleitet von lakonischer Süffisanz, nie ihr Ziel aus den Augen verliert. Das verdankt man vor allem dem Hauptdarsteller und Drehbuchautor Nanni Moretti, der mit seiner Figur, deren Seelenleben eingefroren und deren Bewegungsspielraum begrenzt scheint, eine unglaublich raumgreifende Präsenz entwickelt.

In wundervollen gemächlichen Bildern wird sowohl die Zeit eingefroren und gleichsam der Schmerz konserviert, bis Pietro bereit ist, sich diesem zu stellen. Dass er nicht in alle Ewigkeit in diesem Park verharren, scheinbar der Zeit und der Realität entrückt und in einem selbst geschaffenen Märchenland unbelastet glücklich, verbleiben kann ist vom ersten Augenblick an klar. Die virtuose Atmosphäre der Geschichte entspinnt sich aber dadurch, dass scheinbar nicht er der Gefangene in der Entrückung ist, sondern vielmehr all jene, um ihn herum. So finden oder verirren sich all die anderen bei ihm ein. Und das lässt Pietros Verhalten umso richtiger erscheinen.

Dieses moderne Märchen, das so wunderschön gefilmt und voller kurioser, aber unaufgeregter Wendungen ist, fängt den Zuschauer von der ersten Minute ein. Melancholisch, langsam, manchmal traurig und zuweilen ironisch; und trotz der Gemächlichkeit des Erzählstils, nie langatmig. Das ist große Filmkunst für Liebhaber europäischen Zelluloidtheaters. Stilles Chaos, nach dem gleichnamigen Bestseller von Sandro Veronesi, hält meisterlich die Balance zwischen Trauer und Komik, Tragik und Konfusion - aus der Unfähigkeit sich auf den eigenen Schmerz einzulassen. Wie verfahren, wenn dem Dasein ein brutaler Stoß widerfährt und sich Trauer nicht einzustellen vermag? Der Film klagt nicht an, ist aber anrührendes Kino um Trauer und Bewältigung. Stößt an, innezuhalten, nachzudenken und zu besinnen. Danke für diese Inspiration.

von Dimitrios Athanassiou


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