Mit dem Gruseln ist es mitunter so eine Sache. Nicht jeder Kreativaufguss trifft den Nerv des Publikums. Was dem einen schaurig-schöne Augenblicke verschafft, entlockt einem anderen nur kopfschüttelnd Lacher und einen dritten lässt die Horrorshow glatt friedlich wegschlummern. Umso schöner, wenn es einem einzigen Film gelingt, all dies auf einmal zu bewerkstelligen. Damit ist aber auch im Prinzip alles über The Unborn vorweggenommen und den Gang ins Kino könnte man sich prinzipiell ersparen.
Wirklich guten Horror zu inszenieren ist nicht einfach. Die besten Geschichten scheinen bereits erzählt, und viel Angsteinflössend-Neues kann man dem Publikum wahrscheinlich ohnehin nicht mehr servieren. Zuletzt blitzte mit Rec, aus spanischer Independentschmiede, mal wieder ein kleines Licht auf. Da das amerikanische Publikum nun aber so gar nicht auf europäische Produktionen steht, wurde der Film kurzerhand - kaum aus den Kinos raus - schon für den US-Markt als Remake adaptiert. Die Genrefans verlangen, wie in jeder Sparte aber, stets Nachschub. Und wenn gerade kein guter nichtamerikanischer Film zum Kopieren bei der Hand ist, wird sich einfach aus dem reichhaltigen Fundus der Horror-History bedient: willkommen bei The Unborn.
Die bildhübsche brünette Casey (Odette Yustman), die vorzugsweise in Unterwäsche vor der Kamera agiert, um die (Durchhalte)Moral der avisierten Zielgruppe hochzuhalten, hatte eine schwere Kindheit: In jungen Jahren wurde sie von der Mutter verlassen, die dem Wahnsinn verfiel und sich schlussendlich das Leben nahm. Nun beginnen plötzlich auch sie beängstigende Albträume und Visionen heimzusuchen. Protagonist dieser außerweltlichen Erlebnisse ist ein merkwürdiger Knabe, der immer wieder auftaucht und Böses erahnen lässt. Um hinter das Geheimnis dieses Treibens zu gelangen, forscht Casey in der Familiengeschichte herum und findet heraus, dass sie eine Großmutter hat, die in einem Altenheim lebt und möglicherweise etwas zur Aufklärung beitragen kann.
Zwischenzeitlich lässt sie sich noch am Auge wegen einer merkwürdigen Verfärbung untersuchen. Und prompt kommt bei einem Test, den der behandelnde Arzt routinemäßig vornimmt, heraus, dass Casey ein Zwilling gewesen sein muss; wovon sie selber bis dahin nichts wusste. Aber nur eines der Kinder kam lebendig zur Welt. Ihre Großmutter war ebenfalls Zwilling. Deren Bruder starb in Auschwitz, bei grenzwissenschaftlichen Experimenten der Nazis und kehrte anschließend als Dibbuk zurück (gemäß der Lehre der Kabbala, ein Dämon, der von menschlichen Körpern Besitz ergreifen kann). Dieser Dämon versucht nun Casey als Pforte zu missbrauchen, um in unsere Dimension zu gelangen. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich daraufhin an den jüdischen Gelehrten Sendak (Gary Oldman), der sie beim Versuch, den Dämon zu vertreiben, unterstützen soll.
Wenn der Name David S. Goyer auf dem Etikett eines Films prangt, kann man eigentlich etwas Einfallsreichtum und Kreativität erwarten. Der Autor und Regisseur kann schließlich auf die erfolgreiche Mitarbeit in einer Reihe von großen Produktionen verweisen: Blade, Blade II, Batman Begins, The Dark Knight. Als Produzent hinzugesellt hat sich der für effektlastige Blockbuster wie Transformers und Armageddon bekannte Michael Bay. In dieser Konstellation sollte das eigentlich ein Spektakel allererster Kajüte garantieren. Abgesehen aber von der Unterwäschemodenschau der attraktiven Jungdarstellerin sowie einigen allzu absehbaren Gruselversatzstücken, hat The Unborn leider nicht viel Kreatives, geschweige denn Angsteinflössendes zu bieten. Mit dem ausgestreckten Zeigefinger lässt sich obendrein regelrecht auf die unkreativ eingewobenen Filmflicken aus anderen Horrorklassikern verweisen: ein bisschen Das Omen, ein wenig Der Exorzist, verknüpft mit einer Portion "Naziokkultismus"; voilà fertig ist das Horror-Häkelwerk.
Und da dachte man schon, nachdem die Nazis mit ihren okkulten Vorhaben in den ersten drei Indiana Jones-Filmen und dem ersten Hellboy-Streifen reichlich abgehandelt und vermöbelt worden waren, sie hätten ausgedient; schwups werden sie wieder mal reaktiviert. Um als Mysterymotiv dem dünnen Plot aber Substanz verleihen zu können, wird die fiktional verzerrte Geschichtseinlage viel zu spät eingeflochten und auch nicht ausreichend ausgebaut. Insgesamt scheinen die Macher nicht so recht gewusst zu haben, wo es eigentlich hingehen soll. Ob nun mehr ins Religiös-Okkulte, in Richtung Untoten-Horror oder dämonischem Grusel-Schocker. Ein bisschen Storytelling-Entschlussfreude und ein geradlinigerer Stil hätten dem Film auf jeden Fall gut getan.
So ist The Unborn weder Fisch noch Fleisch, aber am meisten mangelt es ihm an dem, was eigentlich einen guten Horrorfilm auszeichnet: atmosphärische Dichte. Abgesehen von den paar Schockmomenten, auf die man so überraschend zusteuert, wie auf einen gigantischen Eisberg bei helllichtem Tageslicht. Und dem Finale, das nachdem die Vorgeschichte leidlich lang braucht, um etwas Fahrt aufzunehmen, mit aller Macht übers Knie gebrochen zu sein scheint, zieht sich die Story recht zäh dahin. Ein paar (unfreiwillige) Lacher oder Gähner - je nachdem - beiseite gelassen, fragt man sich meist, wo nun denn der Gruselflair bleibt? Aber allen Unke-rufen zu trotz: Jungens, die gerne gutaussehende Frauen in Unterwäsche sehen und eine sehr ängstliche Freundin haben, die sich gerne im Dunkel des Kinosaals an einen starken männlichen Bizeps klammert, könnten dem Gruselstreifchen vielleicht doch was abgewinnen.