Im November 1998 begann ein gewisser Edward Young ein Drehbuch zu verfassen, das ab Anfang April des darauffolgenden Jahres unter seiner Regie verfilmt werden sollte. Das fertige Kunstwerk trägt den Namen Yi Yi, und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Yang mit diesem Film ein geniales Glanzstück abgeliefert hat. Im Zentrum der Handlung steht die Mittelstandsfamilie Jian, in der jedes Mitglied seine ganz eigenen Sorgen und Nöte hat. Eine Zusammenfassung ist leider, oder vielleicht auch glücklicherweise, nur schwer möglich, da der Film eine enorm komplexe Struktur aufweist, deren einzelne Elemente sich gegenseitig ergänzen und nicht auseinandergepflückt sondern im gesamten Kontext betrachtet werden sollten.
Die Handlung erfasst drei Abschnitte des menschlichen Lebens gleichzeitig; die Kindheit mit dem jüngsten Sohn, einem neugierigen und aufgeweckten Träumer, die Jugend mit der Tochter, die sich für den komatösen Zustand ihrer Großmutter verantwortlich fühlt und dann auch noch von Liebeskummer geplagt wird, und das Erwachsensein mit den Eltern, die sich beide in einer Art Midlife-Crisis befinden. Mit Hilfe dieser drei Ebenen zeichnet Yang unter anderem ein von Identitätsverlust geprägtes Gesellschaftsbild, geht der Ödnis des Alltags nach, der sich scheinbar unausweichlich und unveränderbar immer wieder auf's Neue vollzieht, er ergründet die Schwierigkeiten der Liebe und ihre tragischen Folgen, befasst sich mit dem Kontrast der subjektiven Wahrnehmung der Umwelt zu ihrer objektiven Wirklichkeit und das alles gelingt ihm in einer so wunderbar ruhigen aber niemals trägen Weise, dass die annähernd dreistündige Laufzeit von Yi Yi wie im Flug vergeht.
Bestimmte Details der Geschichte könnten für Zuschauer aus westlichen Ländern etwas befremdlich wirken, da manche Motive der handelnden Personen ihre Begründung in der asiatischen Kultur haben, in der die Einheit von Körper und Geist noch eher im öffentlichen Bewusstsein verankert ist als in europäischen Ländern. Das sollte aber niemanden davon abhalten Yi Yi anzuschauen, denn Yang gelingt es einige der im massentauglichen Kino leider selten gewordenen Momente festzuhalten, in denen man sich als Zuseher direkt angesprochen und, wichtiger noch, verstanden fühlt. Er beweist großes Gespür für die kulturellen Umwälzungen, die die technisierte Leistungsgesellschaft mit sich gebracht hat, stellt weniger tiefgreifende Sachverhalte aber genauso treffend dar und er scheut auch nicht vor abstrakteren Themen wie dem Schicksal zurück.
Yi Yi weißt einige interessante Parallelen zu einem anderen Film mit vergleichbarer Qualität auf: American Beauty. Die zentrale Figur (deren Darsteller Nienjen Wu übrigens eine in Taiwan bekannte Talkshow moderiert) ist Familienvater, der mit Job und Familie hadert und in seiner Unsicherheit zu einer anderen Frau flüchtet, die ihn an seine Jugend erinnert. Jane Burnham und Ricky Fitts finden ein Pendant in Ting-Ting und Fatty, deren Zuneigung ebenfalls einige Hindernisse im Weg stehen. Auch die Speicherung der Realität mittels Kamera (wenn auch zu verschiedenen Zwecken) taucht in beiden Filmen auf, und sicher ließen sich noch leicht weitere Ähnlichkeiten finden, was aber nicht den Eindruck erwecken soll, dass Yi Yi ein billiger Abklatsch ist. Im Gegenteil, Edward Yang hat eindrucksvoll bewiesen, dass zentrale Themen im Film allgemein gültig und nicht von kulturellen Unterschieden abhängig sind, sie lassen sich erzählerisch nie ausschöpfen und können von talentierten Autoren immer wieder neu arrangiert werden. Dieser Film ist ein seltener Vertreter der Kategorie hoher Anspruch inclusive Unterhaltung, er ist emotional bewegend und ermutigt gleichzeitig die Realität in Frage zu stellen. Ein cineastisches Juwel, dass sich kein Liebhaber guter Geschichten entgehen lassen sollte.