Trotz der neuen Wohnung in dem abgetakelten Haus ändert sich für die kleine Coraline Jones nichts. Der Vater vergräbt sich in der Arbeit und die Mutter bezeugt ihre Zuneigung höchstens in Anweisungen und neuen Regeln. Doch das Haus bietet neben einem seltsamen Zirkusakrobaten, zwei tüdeligen Schwestern und dem merkwürdigen Nachbarsjungen auch eine Tür, die zu einer anderen Version ihrer Familie führt. Dort haben Mutter und Vater zwar Knöpfe statt Augen, aber diese "anderen Eltern" umhegen Coraline, wie sie es sich schon immer wünschte. Ein Traum, der bald zum Albtraum wird. Tim Burton-Intimus Henry Selick inszeniert nach James und der Riesenpfirsich mit der Adaption des Neil Gaiman-Kinderbuches für Erwachsene ein wahnwitziges und spannendes Stopmotion-Animationsabenteuer (in ausgewählten Kinos auch in 3D). Ein geniales Kleinod des modernen Kinos.
Nicht von ungefähr ähnelt der visuelle Look von Coraline dem Animations-Grusical Tim Burton's Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche. Filmemacher Henry Selick ist ein Burton-Intimus seit den gemeinsamen Novizen-Tagen bei Disney. Burton überließ Selick gar die Regie in dem heiter-schaurigen The Nightmare Before Christmas (1993), auch wenn das Werk später nur noch mit Burtons Namen im Titel firmierte. Selicks Nachfolgeprojekt James und der Riesenpfirsich (1996) kam allerdings nicht über den Status eines Geheimtipps hinaus und seine absurde Mischung aus Animation und Liveaction in Monkeybone (2000) floppte sogar kläglich. Deshalb heftete so mancher Kritiker dem Filmemacher bald das Label "Eintagsfliege" an.
Das dürfte sich nun ändern, denn mit der Adaption von Neil Gaimans gleichnamigen Märchen für Erwachsene katapultiert sich Selick mitten hinein in die Phalanx der erfolgreichen Animations-Ikonen wie John Lasseter, Nick Park oder Robert Zemeckis. Und das mit den Mitteln der klassischen, aber aufwändigen Stopmotion-Technik. Selbstverständlich wirkt diese hier genauso wenig antiquiert oder angestaubt wie bei den Aardman-Machern (Wallace & Gromit). Im Gegenteil. Dank der mittlerweile ausgereiften 3D-Technik (in ausgewählten Kinos) überwältigt allein die liebevoll und detailverliebte Visualität die Zuschauer, noch bevor Selick überhaupt mit der Geschichte begonnen hat.
Die Ästhetik seiner Figuren und Bilder verrät die Geistesverwandtschaft zu Tim Burton, der jene puppenartigen Charaktere aus dem gemeinsamen The Nightmare Before Christmas in seinem eigenen Tim Burton's Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche weiter entwickelt hatte. Aber Selick setzt hier nicht nur visuell noch einen oben drauf. Neben seiner Expertise beim Character-Design reüssiert er hier erstmals als wirklich ernsthafter Erzähler. Er gibt sich nicht mit der weichspülenden Romantisierung des Disney-Konzerns zufrieden, sondern legt ein schaurig-makabres Märchen vor, auch weil schon Neil Gaimans Vorlage der eigentlich düster-ernsten Grundhaltung der Grimm'schen Geschichten nacheiferte.
Das Mädchen Coraline Jones hat es nicht leicht. Vater und Mutter sind schwer mit der Erstellung eines Gartenkatalogs beschäftigt oder ergehen sich in Verboten oder Verhaltensregeln. Somit hat auch der Umzug in die Pink Palace Apartments von Ashland, Oregon, keine Verbesserung der Familiensituation gebracht. Immerhin sorgt das seltsame, heruntergekommene Haus im viktorianischen Stil dafür, dass Coraline erst einmal mit Entdecker-Tätigkeiten beschäftigt ist.
Im nahen Wald begegnet sie zunächst einer streunenden, schwarzen Katze sowie dem seltsamen Nachbarkind Wybie Lovat im selben Alter, der gerne mit ihr Freundschaft schließen würde, auch wenn er dies nicht augenscheinlich zeigt. Oben unter dem Dach wohnt der Akrobat Mr. Bobinsky, der sich in Ermangelung eines Engagements nun mit der Nummer einer Mäusedressur herumplagt. Unten im Souterrain wohnen die beiden alten und tüdeligen Showgirls Miss Spink und Miss Forcible, die so sehr in ihrer Liebe zu ihren Scotch-Terriern aufgehen, dass sie diese nach deren Ableben ausstopfen lassen. Doch diese skurrilen Nachbarn sind nichts gegen das, was sich hinter der kleinen versteckten Tür in Coralines Zimmer verbirgt.
In einer bunten Alternativ-Version ihrer eigenen Welt scheinen sich all ihre Sehnsüchte zu erfüllen. Kein gesundes sondern spaßiges Essen, keine Zurechtweisungen sondern Liebesbekundungen von umsorgenden Eltern, die sich außerdem Zeit für ihre neue Tochter nehmen. Ein Paradies? Nun, so sehr sich diese "andere Mutter" und dieser "andere Vater" auch bemühen, Coraline kann sich nicht daran gewöhnen, dass die beiden Knöpfe anstatt Augen haben. Selbst der kleine Wybie hat in dieser bunten Fantasywelt keine Augen - und keine Stimme. Anders als die Katze, die mit der typischen Arroganz einer ganz eigenen Persönlichkeit Coraline vor den Verführungen der "anderen Mutter" warnt.
Und siehe da, prompt bietet diese dem Mädchen an, für immer auf dieser Seite der Tür zu bleiben. Dafür müsse sie nur ihre Augen gegen ein paar Knöpfe eintauschen. Bei aller Euphorie über all die Annehmlichkeiten erwacht in Coraline nun das Misstrauen. Ist dieser schöne Schein nur eine perfide Falle? Oh ja, denn kaum lehnt Coraline höflich ab, ändert sich das Verhalten der "anderen Mutter" schlagartig...
Was wie ein heiteres Alice im Wunderland oder der Zauberer von Oz beginnt, besinnt sich bald auf den ursprünglichen Ton der Archetypen im Märchen-Genre. Coraline scheut nicht vor den düsteren Konsequenzen der Bedrohungen jenseits der geheimen Tür. Durchzogen von makaberem Humor setzt die allegorische Handlung auf Grusel und Spannung. Moderne Kinderfilme wie Monster House und erwachsene Fantasyfilme wie Pan's Labyrinth bilden die Referenzen für diese runde Unterhaltung.
Selick legt besonderen Wert auf die Darstellung eines mutigen Mädchens, das die angebotenen Verlockungen hinterfragt, für die Schwachen, Freunde und Familie eintritt und begreift, dass Pflichten Teil des Reifens sind. Selick versteht es, diesen Lernprozess glaubhaft zu vermitteln, ohne gleich tief in die pädagogische Trickkiste greifen zu müssen. Seine Botschaften bilden deshalb auch keine moralischen Anekdoten wie bei den lauen Disney- Filmen, die man zu oft sofort als separates Beiwerk zur elterlichen Beruhigung verstehen kann. Hier sind sie wie im klassischen Märchen integraler Bestandteil der Handlung.
Das ist auch der Grund für den Ernst in der Darstellung spannender Gruselmomente. Weil Coraline aber schon früh einen intensiven Pakt mit den Zuschauern eingeht, fiebern diese nicht nur mit ihr mit, sie überwinden die Ängste gemeinsam mit ihr. So werden quasi alle gemeinsam stark und wenden gemeinsam die Bedrohung für Coraline und ihre Familie ab. Das könnte vor allem für zart besaitete Gemüter sowie junge und unerfahrene Kinogänger (unter 8 Jahren) ein Hemmnis sein. Aber immerhin sorgen Zärtlichkeit und Sensibilität der Inszenierung dafür, dass die Aufregung in geregelten Bahnen bleibt.