Gelungene, aber für ein eher spezielles Publikum ausgerichtete Komödie mit teilweise großartigen, teilweise sehr flachen Gags und romantischem Hintergrund. Das interessante Thema wird jedoch nur oberflächlich angekratzt. Regisseurin Isabelle Mergault (Sie sind ein schöner Mann) portraitiert eine Frau in den besten Jahren, die nie gewagt hat, aus ihrer verkrusteten Ehe auszubrechen. Als sie die Möglichkeit dazu bekommt, verstrickt sie sich in ihren eingeschliffenen Verhaltensmustern.
Anne-Marie lebt eine Lüge: Ihre Ehe mit dem angesehenen, stinkreichen Schönheitschirurgen Gilbert ist zum Kotzen. Schon lange. Trotz Villa an der Côte d'Azur, Haushälterin und Rassepudel. Der Sohn der Gratignys ist schon längst erwachsen, selbst gerade Vater geworden und studiert im fernen Paris Medizin. Ganz der Papa. Klar, dass Anne-Marie nicht zum alten Eisen gehören will. Ihr Lebensdrang könnte sie viel weiter tragen als nur zu Empfängen und in die Oper. Da ist es nur normal, dass sie auch eine Affäre hat. Mit Léo Labaume, dem kernigen ortsansässigen Bootsrestaurator. Léos Geschäft, alte Holzyachten wieder tiptop auf Vordermann zu bringen, läuft so gut, dass er schon in zwei Wochen mit seiner kleinen Mannschaft für anderthalb Jahre nach Hongkong gehen wird, um dort eine berühmte Dschunke zu restaurieren. Und Anne-Marie soll mit.
Im Wege steht nur das kleine Detail, dass Anne-Marie sich noch nicht von ihrem Gilbert getrennt hat, um mit dem Lover stilecht durchbrennen zu können. Während sich Anne-Marie unter immer größerem Druck von Léo bald mal wirklich dem Abschied vom ungeliebten Mann stellen muss und sogar unter dessen Anleitung einen alles erklärenden Trennungsbrief aufsetzt (eine herrliche Szene übrigens), passiert anderswo ein Malheur: Gilbert kommt bei einem Autounfall ums Leben.
Der ganze Ort erfährt in Windeseile von dem Unfall, der schrecklichen Tragödie, Gilberts Familienmitglieder reisen an und alle suchen nach Anne-Marie. Die ist nicht zu finden, feilt sie doch mit Léo auf dessen Hausboot an dem alles erklärenden Abschiedsbrief. Als sie schließlich doch noch nach Hause kommt und von der Tragödie erfährt, empfindet sie - gar nichts. Es ist ihr egal, dass Gilbert tot ist. Ach, der liebe Gilbert, der arme Gilbert, was für ein Schicksalsschlag, lamentiert die Familie und hat Mitleid mit der armen Witwe. Die blüht jedoch geradezu auf, denn plötzlich ist der Weg für Léo frei, mit ihm nach China zu gehen, ist plötzlich kein Problem mehr.
Dumm nur, dass sämtliche emotionalen Entwicklungen von Anne-Marie von der Familie als Trauer, Kreislaufproblem oder gar als suizidale Tendenzen interpretiert werden. Die Trauernden lassen die Witwe nicht mehr aus den Augen. Nun droht Anne-Maries unerhofft gewonnene Freiheit plötzlich am emotionalen Erbe Gilberts und dessen eigentlich recht anstrengender Familie zu zerbrechen.
Komödien mit Toten sind ein gefährliches Genre. Schon oft wurden Leichen im Film umhergezogen, und niemand verstand das Thema mit dem richtigen Fingerspitzengefühl umzusetzen. Eine Ausnahme bildet Altmeister Alfred Hitchcock, der mit Immer Ärger mit Harry die Messlatte auch im Genre der makaberen Komödien hoch legte. In Endlich Witwe wird die Leiche zwar nicht weiter gebraucht, doch ist die Motivation der Figuren, nämlich durch einen Todesfall, eine vergleichbare.
Regisseurin Isabelle Mergault (Sie sind ein schöner Mann) ist sich der Gratwanderung, die sie ihre Figuren unternehmen lässt, sicherlich bewusst. Trotzdem gelingt es ihr nicht, die perfekte Mischung der Emotionen herzustellen. Dies ist keine Schande, da die Taktgefühle rund um den Tod und dessen Benutzbarkeit für einen Film unter den Zuschauern natürlich stark auseinanderdriften. Daher wird es stets solche und solche Meinungen zu einem Film wie diesem geben.
Sehr sympathisch ist zum Beispiel die Szene, in der Anne-Marie bei der Beerdigung des Verblichenen einen beinahe hysterischen Lachanfall bekommt, während alle von ihr denken, sie würde gleich vor unkontrollierten Trauerzuckungen kollabieren. Weniger lustig ist zum Beispiel die Szene, in der Anne-Marie kindischerweise behauptet, sie besäße kein Mobiltelefon, obwohl die Haushälterin es gefunden hat und auch noch vorführt.
Verglichen mit anderen französischen Komödien reiht Endlich Witwe sich eher bei den seichten, klamaukigen Filmen ein als bei den wirklich edlen Komödienklassikern wie zum Beispiel Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh (mit dessen interessanter Entstehungsgeschichte) oder Brust oder Keule. Man kann den Film eher für eine aufwendige, gelungene TV-Produktion halten. Gegen wirklich rundum gelungene Komödien wie Willkommen bei den Sch'tis kommt er jedoch keineswegs an.
Dennoch verspricht Endlich Witwe einen kurzweiligen Kinoabend mit Freunden. Man sollte sich eben nur die richtigen Freunde für den Kinobesuch aussuchen: Gruppen, die sich gern ein wenig in Gelächter hineinsteigern, vielleicht sogar nach einem Aperitif, dürften den Film wirklich gut genießen können.