Nachdenklich stimmendes Portrait einer völlig zerstörten Familie in den letzten Zuckungen vor dem endgültigen Zerfall. Regisseurin Weisse konzentriert sich in ihrem Spielfilmdebüt auf die Entwicklung des Eklats fast ausschließlich über die zwischenmenschlichen Aspekte, der Rest ist Beiwerk. Wäre diese Familie ein Pferd, man gönnte ihm den Gnadenschuss.
Der gefeierte Architekt Georg Winter bricht nicht gerade vor Trauer zusammen, als er vom Tod seiner alten Mutter erfährt. Widerwillig fährt der Wahl-Hamburger mit seiner Frau Eva und seinen erwachsenen Kindern Reh und Jan in das kleine österreichische Dorf seiner Herkunft. Dort angekommen, erfolgt die schlichte Beerdigung nebst Leichenschmaus praktisch sofort. Nach einer Nacht im ehemaligen Elternhaus will Winter auch schon wieder gen Hamburg aufbrechen. Doch alles kommt ein wenig anders: Eine Lawine hat die Zufahrt zum Dorf abgeschnitten. Während die Winterdienste für wenigstens einen weiteren Tag am Freiräumen und Sichern der Straße sind, bleibt der Familie Winter nichts anderes übrig, als auszuharren. Langsam brechen die ohnehin schon lang schwelenden Konflikte innerhalb der Familie auf, aber auch alte Sünden treten ans Licht der düsteren Wintertage und reißen völlig neue Wunden.
Regisseurin Ina Weisse liefert mit Der Architekt nach einigen Kurzfilmen ihr Spielfilmdebüt ab. Die gelernte Schauspielerin konzentriert sich im Film auf die menschlichen Konflikte und Konstellationen der Hauptfiguren, die sich im Laufe der Handlung natürlich verschieben. Während von vorneherein bereits deutliche Risse im familiären Zusammenhalt der angereisten Familie Winter zu erkennen sind, kommen im österreichischen Bergdorf für des Architekten Frau und Kinder gänzlich überraschende Entwicklungen hinzu. Der Vater, natürlich im Heimvorteil, versucht, die im Grunde mit ein bisschen gutem Willen einzeln leicht lösbaren Interessenskonflikte unter einen Hut zu bringen, kann sich aber im wahrsten Sinne des Wortes nicht zerreißen, mit entsprechenden Folgen.
Die Rahmenhandlung im verschneiten Bergdorf ist weitgehend unwichtig, sie liefert nur die Bedingungen für die Entwicklung der verschiedenen Handlungsstränge der einzelnen, bald in alle Richtungen auseinandertreibenden Figuren.
Von der Regieführung her zeigt Weisse Kompetenz, denn die Szenen, die die Handlung weiterbringen, sind gruppendynamisch und dramaturgisch hervorragend aufgelöst. Dennoch finden sich Längen und sogar überflüssige Szenen zwischen den Plot Points. Leider wurden wenigstens zwei der Außenszenen bei Tauwetter gedreht, so dass der Eindruck einer komplett eingeschneiten Winterlandschaft streckenweise komplett verloren geht, was sich auf das Erleben des ganzen Films niederschlägt. Dabei wäre dies mit verhältnismäßig einfacher digitaler Nachbearbeitung leicht zu verhindern gewesen.
Josef Bierbichler, Hilde von Mieghem und Sandra Hüller spielen mutig mehrere Nacktszenen, die die letzten Rudimente einer ehemals intakten Familie darstellen, während Matthias Schweighöfer mit seinem deutlichen Abstand zur Familie die Abwehrhaltung pubertierender Jungs unterstreicht, sowie repräsentativ für die restlichen Familienmitglieder die ersten Anzeichen einer großen Veränderung transportiert. Die Schauspielführung ist sowieso die am besten umgesetzte Einzeldisziplin dieses Filmdebüts, kein Wunder bei Weisses beruflichem Hintergrund.
Der Film ist für alle Mitglieder dysfunktionaler oder noch nicht als solche diagnostizierter Familien zu empfehlen, definitv keine leichte Kost. Mit nur wenigen Änderungen könnte die Handlung die eigene Familie betreffen, was eine Identifizierung mit den Figuren und den Problemen bedrückend einfach macht. Weisse führt die Zuschauer quasi an der Hand an die Probleme einer Beispielfamilie heran und zeigt, wie so ein Konflikt enden kann. Wer für sich selbst eine andere Entwicklung anstrebt, erhält im Film viele Tipps, wie man sich nicht verhalten sollte.