Bad Lieutenant ist ein eindringliches Großstadtdrama, das die raue und unbarmherzige Geschichte eines drogen- und wettsüchtigen New Yorker Cops erzählt. Harvey Keitel erweist sich dabei als Idealbesetzung und trägt Abel Ferraras Film durch sein intensives Spiel bis zum wenig überraschenden aber dennoch beeindruckenden Ende. Trotz einiger inszenatorischer Schwächen weiß Bad Lieutenant zu gefallen und bleibt in Erinnerung.
Das Großstadtdrama von Regisseur Abel Ferrara aus dem Jahr 1992 ist längst zum Kultfilm avanciert. Tatsächlich gehört Bad Lieutenant zu den eindringlichsten Großstadtdramen seit Taxi Driver. Harvey Keitel (Reservoir Dogs - Wilde Hunde) liefert eine beeindruckende Leistung ab, die einmal mehr bestätigt, dass er zu unrecht zu einem der am meisten unterschätzten Schauspieler überhaupt gehört.
Das Gesamtbild stimmt. Bad Lieutenant überzeugt durch eine interessante Geschichte und einen spannenden Charakter, der durch die großartige Leistung Keitels in all seiner schmutzigen Widerlichkeit den Bildschirm füllt. Als wirklich eindringliche Charakterstudie bleibt der Lieutenant jedoch noch zu unbeleuchtet. Kein Vergleich zu Scorseses Travis Bickle, den man in Taxi Driver so wunderbar lieben, fürchten und bemitleiden konnte. Dass die Figur des Lieutenants nicht auch nur ansatzweise so intensiv betrachtet wird, bringt den Film leider um den letzten Schliff.
Stattdessen wurde versucht Tiefgründigkeit durch einen religiösen Unterton zu erzeugen, der den Moralkonflikt des Lieutenants greifbar machen soll. Ein wenig zu plakativ ziehen sich dabei die religiösen Symbole durch den Film. Besonders zwei Szenen sind dabei besonders fraglich. So stellt sich die Frage, warum in der Szene, in der die beiden jungen Männer die Nonne vergewaltigen auch noch ein am Kreuz hängender, schreiender Jesus zu sehen sein muss. Bilder wie diese, in Verbindung mit der wirklich schlechten Vergewaltigungsszene, wirken nicht nur sehr gewollt, sondern verfehlen dabei auch noch gänzlich ihre Wirkung. Ebenfalls ein wenig vergriffen hat sich Ferrara mit seiner Inszenierung eines Monologs des Bad Lieutenant, in dem er mit dem vor seinen Augen erscheinenden Jesus spricht. Harvey Keitels Gefühlsausbruch, grenzt an kitschige Theatralik und lässt die Szene dann doch reichlich absurd erscheinen, was schade ist, handelt es sich doch hier um eine Schlüsselszene, die vor allem den Wandel des Lieutenant deutlich machen soll.
Eigenartig sind unter anderem aber auch die zahllosen Szenen, in denen sich der Lieutenant mit Hilfe diverser Betäubungsmittelchen seinen Alltag verschönert. Hier wird man einfach das Gefühl nicht los, dass jede Droge für sich ein wenig falsch interpretiert wurde. So möge mir doch bitte jemand erklären, wieso der Lieutenant, nachdem er Crack geraucht hat, immer noch quietsch fidel durch die Gegend hüpft und eigentlich auch noch ganz fit aussieht. Etwas merkwürdig das Ganze, stört aber im Nachhinein den Filmgenuss kaum.
Im Gegensatz zu derart fragwürdigen Szenen stehen auch einige andere, sehr kraftvolle und schockierende Szenen. Besonders im Gedächtnis bleibt eine Szene, in der der Lieutenant nachts auf ein paar Mädchen trifft, die ohne Führerschein Auto fahren. Der Lieutenant wäre nicht der Bad Lieutenant, würde er nicht das "Beste" aus dieser Situation machen.
Trotz aller Kritik ist Bad Lieutenant ein wirklich sehenswerter Film, den man nicht so schnell vergisst. Die, abgesehen von den genannten Szenen, absolut grandiose Leistung Keitels rundet das Ganze ab und macht ihn zu einem Film, den man gesehen haben sollte. Nicht zuletzt deswegen ist auch schon ein Remake geplant: Werner Herzog (Rescue Dawn) möchte die Geschichte, die auf einem Buch von William M. Finkelstein basiert, neu verfilmen. Frei interpretiert und mit Nicholas Cage (Face/Off) in der Hauptrolle.