Sieben Jahre Vorbereitungszeit beanspruchte Steven Soderberghs neues Projekt, die Verfilmung einiger Kapitel aus dem Leben des argentinischen Revolutionärs Ernesto Guevara de la Serna. Guevara, in der Erinnerung der Welt als "Che" verewigt, ist nicht nur zu einem Symbol des Widerstands geworden, sondern auch zum Kulturgut. Dutzende Bücher beschäftigten sich mit seinem Leben, er fand auch Referenz in Liedern von Musikern wie den Rolling Stones oder Jay-Z. Soderberghs über vierstündiges Biopic, das in zwei Teilen in den Kinos erscheint, setzt sich nun dank Hollywood-Budget an die Spitze der zahlreichen Verfilmungen über das Leben und Wirken Che Guevaras.
Das Leben eines Mannes ist schwer in einem zweistündigen Film zu erzählen. Dieses Problem lässt sich auch kaum beheben, wenn man die Laufzeit auf die doppelte Länge ausdehnt. So beschäftigen sich auch die beiden Filme von Oscarpreisträger Soderbergh lediglich mit einigen Teilaspekten des Lebens von Ernesto Guevara. Während sich Che - Guerrilla mit dem Niedergang und Tod der Legende auseinandersetzen wird, konzentriert sich Che - Revolucion auf die zweijährige Revolte der Bewegung des 26. Juli von 1957 bis 1958 in den Wäldern Kubas. Hierbei bemüht sich Soderbergh primär darum, das im Gedächtnis verhaftete Bild von Che dem Gerechten, dem Egalitären zu beschwören. Doch die sprunghafte Erzählung und der subjektive Fokus stellen dem Film mitunter ein Bein.
Seinen Anfang findet das back-to-back gefilmte Projekt an jenem Abend Anfang Juli 1955 in Mexiko-Stadt, als Ernesto Guevara (Benicio del Toro) am Esstisch endlich dem kubanischen Anwalt Fidel Castro (Demián Bichir) gegenübersitzt, von dem er schon so viel gehört hat. Castro redet von den Lebensumständen des kubanischen Volkes unter Batista und das Gespräch der beiden Männer verlagert sich auf den Balkon. Dessen Revolutionspläne seien "loco", verrückt also, meint Guevara. Eine Schnittfolge später springt der Film um 15 Monate in die letzten Tage des November 1956. Auf dem Frachtschiff "Granma" macht sich der Argentinier als Truppenarzt gemeinsam mit achtzig anderen Freiwilligen auf den Weg nach Kuba. Auf den Weg zur Revolution.
Hier vermisst es Che - Revolucion jedoch über die Beweggründe seines Protagonisten zu reflektieren. Ein Vorwissen zu Guevara ist für das Verständnis des Filmes unabdingbar. Wieso beteiligt sich ein argentinischer Arzt an einer kubanischen Revolution? Was geschah in den fünfzehn Monaten zwischen dem ersten Treffen der beiden Revolutionäre und ihrem Aufbruch nach Kuba? Der Film erwähnt weder Guevaras Erlebnisse in Guatemala des Vorjahres, noch seine Begegnungen in Chile und Peru, denen sich Walter Salles in Die Reise des jungen Che angenommen hatte. Auch in den folgenden zwei Stunden bleibt del Toros Figur stets nur das Symbol Che, wird jedoch nie zum Menschen Guevara. Die Hindernisse, die die Exilkubaner und Guevara bewältigen mussten - darunter die Inhaftierung im Miguel-Schultz-Gefängnis - bleiben außen vor. Wie auch die Ankunft in Kuba selbst.
Erneut springt Soderbergh in der Handlung, von November '56 in den März 1957. Der von seinem Asthma befallene Guevara schlägt sich mit seinem Gefährten "El maestro" durch die Wälder Kubas, ehe er sich erneut mit den Castro-Brüdern und den restlichen Truppenmitgliedern vereint sieht. Nun vermag man, wie oben angesprochen, in einem zweistündigen Film nicht bis ins kleinste Detail ein Leben oder in diesem Fall zwei Jahre im Leben eines Menschen einzufangen. Daher ist es nicht die Quantität der Szenen, die entscheidend sind, sondern ihre Qualität. Ein essentielles Datum wie den 5. Dezember '56 vermisst man, wo sich Guevara bei einem Angriff entscheiden musste, ob er einen Rucksack mit Medikamenten oder eine Patronenkiste mit sich rettet. Als der Argentinier sich die Munition schnappt, wird die Transformation vom Arzt Guevara zum Guerilla Che bereits vollzogen. Soderbergh bedient sich zwar in der Begegnung von Che und dem neuen Arzt Martínez Páez jenes Elements, doch verfügt es nicht über dieselbe Ausdruckskraft.
Ansonsten konzentriert sich der Fokus des Regisseurs und Kameramanns in den folgenden Szenen meist darauf, ein verglorifizierendes Bild des Argentiniers zu zeichnen. Che, wie er als Dorfarzt fungiert und Menschen medizinisch versorgt. Che, wie er seinen Kameraden Lesen und Schreiben beibringt. Che, wie er einen Vergewaltiger zur Strecke bringt. Che, wie er ein salomonisches Urteil fällt und für Harmonie unter seinen Männern sorgt. All diese Anekdoten sind zwar keineswegs von Buchman aus dessen Fingern gesogen, sondern haben sich in der Tat so ereignet. Nur erzeugen sie losgelöst und aneinandergereiht beinahe ein Heiligenbild von Guevara, welches alles Kritische ausblendet. Beispielsweise die Exekution des Verräters Eutimio Guerra im April 1957. Da passt es nur zu gut, dass Hauptdarsteller del Toro vorab Guevara mit Jesus Christus verglichen hat.
Der Zuschauer hat sich somit darauf einzustellen, hier eine sehr subjektive Sicht auf die vieldeutige historische Persönlichkeit zu erhalten. Guevara erscheint als Edelmann, der zu seinem Wort steht, sich um seine Männer kümmert und sogar seinem Assistenten freistellt, sich seine Zeit selbst einzuteilen. Die einzige Form der Kritik - und selbst dieser wird nicht genügend Raum eingeräumt - präsentiert Soderbergh in seinen eingeschobenen Sequenzen von Guevaras Rede vor der UN-Vollversammlung von 1964. Ja, es habe Exekutionen gegeben. Und es werde weiterhin Exekutionen geben. Soderbergh vermeidet es tunlichst genauer hinter die Fassade zu blicken. Wenn man so will, ergötzt er sich im Grunde am Symbol Che, wie man es durch Alberto Kordas berühmtes Portrait überall sieht, ohne sich die Mühe machen zu wollen, die Hintergründe der Legende zu offenbaren.
Informationen werden in Che - Revolucion nur nebenbei eingestreut. Wie eben die nicht erläuterte Motivation des Helden für seine Taten. Dabei hätte man dieses Problem allein durch eine Texttafel vorab umgehen können. Dass Guevara eine Frau und Tochter hat, erfährt das (unwissende) Publikum auch erst, als er dies mit seiner designierten zweiten Frau Aleida March (Catalina Sandino Moreno) bespricht. Diese gehört ebenso zu den Stationen der zweijährigen Revolte gegen das kubanische Regime. Nach Schilderung von Guevaras Ausländerkomplex und seiner wachsenden Verantwortung spart Soderbergh schließlich die Schlacht von Las Mercedes aus, um dafür in jener von Santa Clara seine Klimax zu finden. Dabei charakterisiert sein Film weniger wie Guevara vom Arzt zum Guerilla wurde, sondern eher wie er sich vom (außenstehenden) Argentinier zum Mitglied der kubanischen Revolution entwickelte. Insofern ist der erste Teil der Filmbiographie zwar mit Vorsicht zu genießen, aber deswegen nicht historisch inkorrekt.
Auf formaler Ebene ist Che - Revolucion allerdings über jeden Zweifel erhaben. Soderberghs Kameraarbeit ist beeindruckend und mit den wunderschönen Natureinstellungen im Hintergrund ein Augenschmaus. Etwas dezent ist Alberto Iglesias' Musik, die dennoch stets den richtigen Ton trifft. Somit ist der Film von technischer und inszenatorischer Seite her im Grunde nahezu perfekt umgesetzt worden. Als Kontrast zu der farbigen Natur Kubas sind die Szenen in New York sechs Jahre später in einem schwarzweißen Dokumentationsstil gehalten. Ob es jenes Rückblicks im Interview mit Lisa Howard (Julia Ormund) gebraucht hat, ist eine andere Frage. Zumindest zeigt der Film wieder einmal, dass Soderbergh es bestens versteht (s)eine Kamera zu positionieren und die großartig photographierten Bilder entsprechend aneinander zu schneiden. Ein Gebiet, auf welchem dem Mann aus Georgia so schnell keiner etwas vormacht.
Der bei den Filmfestspielen von Cannes im vergangenen Jahr ausgezeichnete Benicio del Toro bleibt in seiner Rolle als Che erstaunlich blass. Stets sieht man del Toro, wie er sich als Guevara zu geben versucht, aber nie will der Mexikaner so richtig mit der Figur verschmelzen. Er spielt den Part dennoch, trotz der äußerlichen Unähnlichkeit, ebenso überzeugend wie Catalina Sandino Moreno und Rodrigo Santoro ihre gewichtigen Figuren. Übertroffen werden sie alle jedoch von dem faszinierenden Spiel Demián Bichirs, dem es gelingt in seinen wenigen Szenen als Fidel Castro mit dessen fesselnder Persönlichkeit glaubhaft zu verschmelzen. Des Weiteren fügen sich auch Edgar Ramirez als Ciro Redondo und Santiago Cabrera als Camilo Cienfuegos gut in das restliche Ensemble ein.
Insgesamt ist Che - Revolucion somit ebenso zwiespältig zu betrachten, wie es der Figur um Ernesto Guevara de la Serna selbst gebührt. Entweder hat Soderbergh vorausgesetzt, dass man sich mit Guevaras Beweggründen vorab anhand von Walter Salles Die Reise des jungen Che oder etwaiger Literatur auseinander gesetzt hat oder es war ihm schlicht nicht allzu wichtig. Während der erste Teil des Che-Biopics hervorragend umgesetzt wurde, ist es die Ikonisierung von Soderbergh und Buchman, die dem Film schadet. Wäre der Blick auf die Revolutionslegende etwas objektiver bzw. weniger subjektiv ausgefallen, hätte das Projekt dadurch vor allem an Authentizität gewonnen. So ist Soderberghs Film letztlich nur eine Wiedergabe des Symbols, nicht aber der Person.