Irgendwo im Nirgendwo: Auf einer einsamen, abgelegenen Straße überfährt in dunkler Nacht ein angesehener Bürger einen Menschen und begeht Fahrerflucht. Er kann sich jetzt keine Gerichtsverhandlung erlauben. Die Tat soll sein Chauffeur auf seine Kappe nehmen. Dafür gibt's viel Geld. Und damit beginnt eine bizarre Geschichte, die zu vielen Niederungen menschlichen Egoismus führt. Anstrengende Geschichte mit eigenwilliger visueller Umsetzung. Schwierig und bleiern erzählt.
Filmemacher Nury Bylge Ceylan nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise in die Abgründe menschlicher Egos und zwanghaftem Verhalten aus der Eingebundenheit in fest verankerte Werte, in Kultur und Tradition: Nachdem der Politiker Servet (Ercan Kesal) am Steuer seines Autos, auf einer einsamen Straße einen Menschen totgefahren und Fahrerflucht begangen hat, bittet er seinen Chauffeur Eyüp (Yavuz Bingöl), die Tat auf seine Kappe zu nehmen. Da Servet plant, demnächst um ein hohes Amt zu kandidieren, kann er sich eine Gerichtverhandlung nicht leisten. Eyüp soll, nachdem er die Straffe abgesessen hat, als gemachter Mann aus dem Gefängnis kommen. Servet wird sich für diesen Freundschaftsdienst finanziell nicht lumpen lassen.
Eyüp willigt ein. Das viele Geld bedeutet für die Familie, seine Frau Hacer (Hatice Aslan) und den beinahe erwachsenen Sohn Ismail (Ahmet Rifat Sungar) eine große Verbesserung. Neun Monate sitzt Eyüp. In der Zwischenzeit kümmert sich Servet aus tiefer Dankbarkeit aufopfernd um dessen Frau. Und diese scheint der Zuwendung nicht abgeneigt. Problematisch nur, dass Ismail noch im Hause wohnt. Er ist zwar ein ziemlicher Nichtsnutz, aber solange der Vater im Knast sitzt, der "Mann im Haus". Dass die Stelldicheins zwischen Servat und Hacer früher oder später auffliegen müssen, scheint vorprogrammiert. Ismail erzählt seinem Vater aber nichts. Das würde alles noch viel schlimmer machen. Eyüp ahnt aber, dass in seiner Abwesenheit etwas vorgefallen sein muss. Die Lunte an diesem emotionalen Pulverfass brennt unaufhörlich: Hacer hat sich in Servet verliebt und möchte die Affäre nicht beenden.
Manche Geschichten packen einen gleich, andere entwickeln ihre Magie allmählich, und gewisse Storys bleiben von Beginn bis zum Ende durchweg anstrengend und fordernd. Das mag durchaus seinen Reiz haben, in diesem Falle aber stockt der Film im eigenen Anspruch. Insbesondere der erste Teil kommt zäh wie alter Kaugummi rüber: Betont lange Einstellungen, kaum Close-ups, die Charaktere oft nur scherenschnittartig im Profil gefilmt und durch die unbewegte Kamera bleischwere Spannung erzeugt. Handwerklich gesehen kann das künstlerisch wertvoll sein, hinterlässt aber beim Zuschauer Spuren und erleichtert nicht unbedingt den Zugang zur Handlung; veranlasst vielleicht sogar, den Kinosaal vorzeigt zu verlassen.
Es dauert seine Zeit, bis sich dieser gewöhnungsbedürftige visuelle Stil etwas lockert. Charakteristisch bleibt aber der sehr zurückhaltende Einsatz von Stilmitteln, die Dynamik und Tempo in das Geschehen bringen könnten. Der Farbregler bleibt bis auf wenige Ausnahmen weit runter gefahren. Das Spiel von Licht und Schatten kennzeichnet durchweg alle Szenen. Zuweilen führt das soweit, dass der Kontrast bis an die Grenze getrieben wird. Ob das noch Kunst ist oder einfach nur nervt, mag dann jeder für sich selber entscheiden.
Gefesselt zwischen Pflicht und Ehre, Tradition und freiem Willen, Gehorsam, Loyalität und Freiheit: die Psychologie der Protagonisten, nachdem sich der Grauschleier etwas gelichtet hat. Es wimmelt von Begierden, Unerfülltheiten, Abhängigkeiten. Dass Eyüp sich auf diesen Deal einlässt, mag hautsächlich finanzielle Beweggründe haben. Kennt man anatolische Kulturen offenbaren sich aber auch andere Motive: Das Effendi-Prinzip, die übertriebene Loyalität zum "Herren", mag durchaus eine wesentliche Rolle spielen. Und auch die Handlungsweise von Eyüps Gattin, Hacer, erscheint vielleicht in anderem Licht, wenn man sich Traditionen arrangierter Ehen vor Augen führt. Man muss den Film aber nicht unbedingt von dieser Seite verstehen wollen. Alles Erzählte könnte auch an einem anderen Ort passieren - ohne solche Motive.
Drei Affen: Nichts hören - nichts sehen - nichts sagen, nach einem japanischen Sprichwort: dort bedeutet es, den vorbildlichen Umgang mit allem Schlechten; im europäischen Verständnis eher "nichts wahrhaben wollen", ist schwieriges Kino, das den Zuschauer konsequent fordert. Es gibt einige interessante Wendungen und die Figuren wirken durchaus authentisch. Durch den Stil und die Erzählweise gestaltet der Film den direkten Zugang aber extrem schwierig. Es ist nicht direkt modernes europäisches Kino, nicht Arthouse und nicht wirklich "anatolisch". Vor allem aber packt es einen nicht richtig. Die Idee ist gut, aber zu speziell umgesetzt. So köchelt die Story im eigenen Sud vor sich hin, und der Zuschauer dünstet, leicht gequält, in lauwarmer Buillon.