Der naturgemäß langsame Film mit seiner manchmal recht schweren Atmosphäre wirkt bisweilen ein wenig konstruiert, die Musik wirkt auf das ungeschulte Ohr eher dissonant und die Figuren verklemmt und problembehaftet. Keine grundsätzlich negativen Attribute, doch schränken sie die Zielgruppe doch ziemlich ein. Ein würziges Bergprodukt für Kenner und Liebhaber.
Eva, Mitte Dreißig, will nicht zum alten Eisen gehören, nur weil sie keinen Job hat. Sie hat schon viele Tätigkeiten ausgeübt, vor und nach der Wende, doch es gibt einfach keine Arbeit in Eberswalde. Ihr Sohn hat zum Glück gerade eine Lehrstelle zugesagt bekommen, wenigstens ein Lichtblick in der Tristesse. Auf dem Arbeitsamt, pardon: bei der Bundesagentur für Arbeit, die eigentlich nur mickrige Hilfsgelder verteilt und sonst nicht viel leistet, wird Eva überraschend ein Job angeboten: Wegen ihrer Melk-Erfahrungen bei einer LPG der DDR wäre sie vielleicht geeignet, einen Sommer lang im Stall auszuhelfen. Ach ja, für den Job muss sie allerdings in der Schweiz auf einer Alm antreten.
Dass seine Freundin die Stadt verlassen sollte, kommt gar nicht in die Tüte für Evas jugendlichen Freund Marco. Doch Evas Wille ist stärker: Geld muss her, ein Job ist da, soll Marco doch toben und zetern. Kurze Zeit später findet sich die attraktive Frau mit der Berliner Schnauze in der klapprigen Lastengondel einer Schweizer Materialseilbahn wieder. Zusammen mit dem Senner Daniel fährt sie zu ihrem neuen Arbeitsplatz: Eine einsam gelegene Käsealm, hoch oben irgendwo auf einem der über 1500 Schweizer Berge.
Dort erwarten sie neben rund 40 Kühen auch einsame Nächte in einem zugigen Kammerl unterm Dach, Kerzenlicht und absolute Sparsamkeit: Kein Feuer (außer zum Käsen), karge Abendmähler, harte Arbeit und keine Gelegenheit, sich ordentlich zu waschen. Außerdem ist Eva die einzige Frau am Berg: Auf der Nachbaralm hilft der junge Mehmet einem scheinbar fortwährend polterndem Bergbauern beim Käsen. Nach Feierabend zieht er manchmal seinen besten Anzug an und kommt Eva und Daniel besuchen. Um ehrlich zu sein, eigentlich mehr Eva als Daniel, denn Mehmet findet Eva wirklich schnuckelig.
Doch die ruppige Deutsche will von den internationalen Anmachen nichts wissen, und selbst als Marco aus Eberswalde überraschend am Berg auftaucht, mag sich keine rechte Freude einstellen. Immerhin hat man sich im Streit getrennt, und so recht zeigt keiner der beiden Einsicht. Wenig später stapft Marco zornig in die Dunkelheit und droht nach nur wenigen Metern in den Tod zu stürzen.
Regisseurin Tamara Staudt setzte eigene Erfahrungen auf einer Käsealm filmisch um: Die Regisseurin verbrachte selbst zwei Sommer als Saisonarbeiterin oberhalb der Baumgrenze, hier wird sie gekonnt als Eva von der charmanten Anna Loos verkörpert. Bei der Verfilmung fällt insbesondere auf, dass die Berge nicht als absolut erstrebenswertes Idyll gezeigt werden, sondern als normaler landwirtschaftlicher Arbeitsplatz, schön gelegen, aber ebenso unfreundlich, wie ein Bauernhof es im Flachland wäre.
Die Entwicklung der Geschichte schreitet nicht immer stetig voran, sondern mäandert innerhalb der Möglichkeiten scheinbar ziellos vor sich hin. Doch diese gefühlte Uneinheitlichkeit betont die Uneingeschränktheit der Bergwelt dann doch: Auch wenn das Wetter einmal grausig ist und die Alm im Sturm abzuheben scheint, oder wenn die umliegenden Gipfel einmal tagelang wolkenverhangen sind: Es gibt auch schöne Tage, ein Bad im (eiskalten) Bergsee, ein Herumliegen in der Wiese wie einst Heidi in den Fernseherinnerungen unserer Kindheit und ein ganz kleines bisschen Hüttengaudi.
Ein Schweizer Kollege versicherte nach der Vorführung, dass kein echter Käser derart lieblos und ruppig mit den empfindlichen, weil noch nassen und weichen Laiben umgehen würde wie es Senner Daniel im Film tut, doch dies sind Details. Was zählt, ist die Lebensgeschichte einer jungen Frau, die eine Gelegenheit nutzt, ihren Horizont ein wenig zu erweitern und dabei die Erfahrung macht, dass es anderswo auch richtig schön sein kann, und dass auch sie, die beinahe zum alten Eisen gelegte Ossi-Melkerin, selbst den traditionsbewussten Schweizern noch etwas beibringen und deren Respekt erringen kann. Ein saugutes Gefühl.