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Mit dem eigenen, bevorstehenden Tod zurechtzukommen ist nicht leicht. Manchen gelingt dies besser, anderen schlechter. Einige schaffen dies nicht einmal mit ihrem Leben. Der Unterschied zum Tod ist, dass die Reise im Leben zu einem ungewissen Ziel führt. Laura kehrt zum Sterben in den Schoss der Familie zurück und möchte eigentlich nur still und heimlich abtreten. Doch vorher gilt es noch die verkorksten Leben der Schwestern zu retten. Eine makabere Ode an den Tod, die versucht dem Sterben als Prozess das Positive abzugewinnen. Mit soviel Zynismus wird aber so manch einer seine liebe Not haben.
Am Ende des Weges und am Ende aller Hoffnung angekommen, möchten sich einige Menschen nur noch zurückziehen und mit ihrem Tod niemandem mehr zur Last fallen. Laura, so um die 30, bricht die Chemo ab. Steht unvermittelt bei ihren Eltern vor der Tür und zieht wieder in ihr altes Zimmer, teilt aber ihre Beweggründe niemandem mit. Ihre Mutter (Senta Berger), eine enervierende Pedantin, ist weder von diesem Verhalten, noch von Lauras Anwesenheit sonderlich angetan; ihrem Vater (Jan Declai) hingegen, Typ gutherziger Knuddelteddy, sind seine Kinder immerzu herzlich willkommen.
Schnell spricht sich Lauras eigentümliches Verhalten rum. Und schon eilen ihre drei Schwestern aus allen Teilen der Republik herbei. Nacheinander treffen sie im Elternhaus ein: Susanne (Christiane Paul), die Älteste, eine in Hamburg lebende, rastlose, affektierte Businessfrau; Corinna (Anna Böger), sexuell frustrierte Ehefrau und Mutter; und die Jüngste Toni (Julia-Maria Köhler), ein echter Wildfang mit besonders glücklosem Leben. So richtig interessieren sie sich aber nicht für die Motive ihrer sterbenden Schwester. Natürlich geben sie sich alle redlich Mühe Zugang zu ihr zu finden. Mehr als alles andere aber möchten sie, dass Laura wieder ihre Chemotherapie aufnimmt. Dann könnten sie alle beruhigt wieder in ihre verkorksten Leben zurückkehren. Der Mutter wäre dies ebenfalls sehr lieb. Mit Lauras bevorstehendem Tod möchte sich einfach niemand wirklich auseinandersetzen.
Da muss ich erst Sterben, damit wir vier noch mal alle zusammenkommen. Laura scheint die einzige, die wirklich mit sich im Reinen ist. Zwar flüchtet sie sich gelegentlich hinter eine Mauer aus bitterbösem Zynismus, aber bis auf einen einzigen Punkt, kommt sie mit ihrem Schicksal klar: Ihren Mann Peter (Jan-Gregor-Kremp) hat sie unvermittelt verlassen, ohne ein Wort der Erklärung. In diesem Haus, mit dominierenden Frauenegos, ist seit vielen Jahren eine Menge unter den Teppich gekehrt worden. Senta Berger, die Grand-Dame des deutschen Schauspiels, gibt unverwechselbar die unzufriedene düsfunktionale Hausfrau, die scheinbar nur aus Pedanterie und emotionaler Kälte zu bestehen scheint. Warum das aber so ist, wird nicht vollends klar.
Diese ambivalente Figur der Mutter gibt dafür möglicherweise Aufschluss über die, wie aus einem Comicbuch entlehnten, Töchter: normalerweise ist die Mutter in einer Familie der Kitt, der alle zusammenschweißt; hier wurde aber mit wasserlöslichem Kleber gekleistert. So wirken die Töchter merkwürdig unvollständig und unerfüllt. Die Jüngste hat es im Leben zu nichts gebracht und auch kein persönliches Glück gefunden; die Älteste beruflich alles erreicht, ist aber emotional verdorrt; die einzige, die es zu Mann und Familie gebracht hat, ist der Mutter besonders ein Dorn im Auge: Sie ist das Dummchen, das nicht einmal zu einem Abitur in der Lage war (dabei wiederholt sie lediglich die "Karriere" der Mutter). Nur Laura schien perfekt geraten zu sein: klug, schön, erfolgreich und einen tollen Mann. Sie war die Vorzeigetochter und ausgerechnet die muss aus dem Leben scheiden. Ihre Mutter ist damit völlig überfordert. Für die Balance in diesem recht grotesken Zirkus scheint ohnehin eher der Vater verantwortlich zu sein. Aber auch er wirkt wie eine Karikatur aus dem Satirestoryboard: Um all der Frauenpower zu entgehen, hat sich der, zur Wortkargheit verdammte, "Herr im Haus" ein eigenes Reich geschaffen. Dorthin zieht er sich zurück, um seine Sammlung mittelalterlicher Schwerter zu polieren.
Bis diese Menagerie zu sich und zueinander findet, gibt es allerhand Beziehungsrodeo. Der bevorstehende Tod kreist dabei, wie ein aus der Kontrolle geratenes, trunkenes Damoklesschwert über der Familie, und es gibt eine Reihe von up-and-downs. Hoffnung, Ohnmacht und Verzweiflung lösen einander ab; wobei es immer die anderen sind, die versuchen das Nichtabänderliche beeinflussen zu wollen. Laura hat längst ihren Frieden gemacht und versucht mit letzter Kraft die Leben der Schwestern noch positiv zu beeinflussen.
Wer aber eine depressive oder bleischwere Geschichte erwartet, wird positiv überrascht werden: Mit einer, zuweilen befremdlichen, Leichtigkeit wird sich dem Sterben als aktivem selbst bestimmten Prozess genähert. Manch einem wird bei soviel Ironie, Sarkasmus und auch Zynismus, die Ernsthaftigkeit abhanden kommen. Tatsächlich läuft Ob Ihr wollt oder nicht! auch ein wenig Gefahr dies zu tun. Vor allem die stereotyp überzeichneten Figuren nehmen dem Drama etwas die Substanz. Es gibt Geschichten, die sind so tragisch, dass sie nur in der grotesken Überzeichnung ertragbar sind; es gibt aber auch Geschichten, welche dieses Maß an Tragik brauchen, da sie mitten aus dem Leben stammen.
Glänzend aufgelegte Darsteller, die den karikaturhaften Figuren emotionale Glaubwürdigkeit abringen und stille melancholische Momente sorgen aber wieder für genug Bodenhaftung und erden die Geschichte ausreichend. Es ist der letzte Gang, das Abschied nehmen, nicht loslassen wollen. Die Phasen des Sterbens und die tabuisierte Selbstbestimmung des Augenblicks, die im satirischen verhüllten Mittelpunkt stehen. Sieht man einmal von diesen (unterhaltsamen) Reigen ab, entdeckt man eine berührende und nicht immer einfache Geschichte. Ein Plädoyer gegen ein anonymisiertes, maschinell determiniertes Sterben. Sehenswert, aber durchaus zu Kontroversen einladend. |