Der neue Thriller von Nightwatch - Nachtwache-Regisseur Ole Bornedal beginnt als Drama und entwickelt sich erst langsam zum Thriller, in etwa analog zum Kenntnisstand der Hauptfiguren. Gekonnt kühle Inszenierung des Konflikts eines jungen Familienvaters, der zwischen einer mysteriösen Fremden und dem sicheren Hafen seiner Ehe hin- und hergerissen ist. Zur Abwechslung vom Mainstreamprogramm sicher eine gute Wahl.
Tatortfotograf Jonas bleibt mal wieder mit seinem schrottreifen Auto liegen, was diesmal aber einen schrecklichen Unfall zur Folge hat. Völlig geschockt besucht der junge Familienvater später im Krankenhaus die komatöse Julia, die er noch am Unfallort aus ihrem Auto gezerrt hat. Dabei begegnet er der völlig aufgelöste Familie der Patientin, und im allgemeinen emotionalen Gewitter wird Jonas für Sebastian gehalten, den bisher nur namentlich bekannten Freund der halbtoten Frau.
Als es an der Zeit scheint, das Missverständnis aufzuklären, traut Jonas sich nicht, wohl aus Angst vor dem autoritären und schwerreichen Vater von Julia. Er beschließt, vorerst mit der Lüge zu leben, zumal der Vater ihn bekniet, in diesen schweren Stunden für seine Tochter da zu sein. Aufgrund des allgemeinen Vertrauensvorschusses und seiner fürsorglichen Art wird Jonas gleich in den intimsten Kreis der Familie aufgenommen, auch die Krankenschwester ermutigt ihn, die komatöse, nackte Julia doch gleich selbst zu waschen.
So kommt es, dass dem Familienvater Jonas ein Doppelleben voller Intimität aufgebürdet wird, das dieser so eigentlich gar nicht wollte. Oder doch? Denn als Julia aufwacht, aus psychischen Gründen praktisch blind, erinnert sie sich nicht an den Unfall, geschweige denn die Zeit davor: Jonas alias Sebastian ist ihr unbekannt. Doch da auch ihre Familie versichert, wie sehr sich alle freuen, dass sie nun endlich den jungen Mann kennenlernen, den Julia auf einer langen Reise in Asien getroffen hat, nimmt Julia Jonas alias Sebastian ebenfalls für bare Münze.
An dieser Stelle wird aus dem Drama ein Thriller, denn nicht nur beginnen Julias Erinnerungen bruchstückhaft zurückzukehren, auch holt sie die Vergangenheit ein. Denn in Thailand und den anderen Ländern, die Julia fast ein Jahr bereiste, bestand nicht alles aus eitel Sonnenschein, guten Hotels und exotischem Essen. Die Frage ist, ob Jonas, der Tatortfotograf, sich als Hilfe oder Hindernis herausstellen wird.
Der Däne Ole Bornedal dürfte hierzulande am ehesten für seinen knallharten Thriller Nightwatch - Nachtwache bekannt sein, den er wenige Jahre später in den USA als Freeze - Alptraum Nachtwache neu verfilmte. Seither lieferte er einige kleinere Filme ab, doch mit Bedingungslos meldet sich Bornedal als Fachmann der Materie zurück: Selten sieht man so ein gekonntes Spiel mit den Emotionen der Zuschauer.
Die Figuren wirken realistisch, insbesondere die reiche Familie von Julia strahlt trotz aller Freundlichkeit eine bedrückende Oberklassenatmosphäre aus. Jonas' Familie, die soeben ein neues Appartement in einem sterilen Vorort von Kopenhagen bezogen hat, hat sich noch nicht recht eingefunden in die neue Umgebung, daher sind die Beziehungen ihrer Mitglieder untereinander ohnehin schon sehr locker und leicht verletzlich.
Jonas' Kollegen wirken wie eine gut eingespielte Polizeitruppe von mehr oder weniger schrägen Typen, was einen erfrischenden Kontrast zu den schönen, überkorrekten C.S.I.-Models oder den schrulligen Vögeln der charakterbezogenen anderen Polizeiserien darstellt.
Ein langsamer Film, keinesfalls vergleichbar mit den meisten Thrillern, da das Spannungsmoment erst spät aufgebraut wird. So verdeutlicht es aber die Gefahr, in der die Figuren schon die ganze Zeit unbewusst schweben, umso stärker. Ein großartiger Schachzug, und ein tolles Kinoerlebnis für alle, die mal was anderes wollen.