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Diese Nacht

(Nuit de chien, 2008)

Dt.Start: 02. April 2009
DVD: 18. Dezember 2009
Premiere: September 2008 (Venice Film Festival, Italien)
FSK: ab 16 Genre: Drama
Länge: 121 min Land: Portugal, Deutschland, Frankreich
Darsteller: Pascal Greggory (Ossorio), Bruno Todeschini (Morasan), Amira Casar (Irène), Eric Caravaca (Villar), Nathalie Delon (Risso), Marc Barbé (Vargas), Jean-Francois Stévenin (Martins), Laura Martin (Victoria), Mostefa Djadjam (Granowsky), Lena Schwarz (Rosaria), Joao Baptista (Juan), Pascale Schiller (Agnès), Oleg Zhukov (Max)
Regie: Werner Schroeter
Drehbuch: Juan Carlos Onetti, Werner Schroeter


Inhalt

Santa Maria, eine Hafenstadt irgendwo in Südamerika. Chaos, Anarchie und Tod regieren die Stadt. Ossorio, der Held einer gescheiterten Widerstandbewegung, kehrt zurück, um seine vergangene Liebe Clara zu suchen und mir ihr gemeinsam auf dem letzten Schiff, das im Morgengrauen ablegt, aus der Stadt zu fliehen. Auf seiner Suche verliert er sich in der Nacht und in einer düsteren, trunkenen und bizarren Welt, die von einer brutalen Geheimpolizei und skrupellosen Milizen dominiert wird
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Diese Nacht hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 27%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Diese Nacht hat eine Wertung von 27%
Es gibt surreale Filme, kafkaeske Werke, Streifen mit hypnotischer Wirkung, visuell orgiastische Bildopern, und es gibt Filme, die sich prinzipiell einer Beschreibung entziehen. Kultregisseur der deutschen Arthouse-Szene Werner Schroeter, der in einem Atemzug mit Größen wie Herzog, Fassbinder und Wenders genannt wird, kehrt nach sechsjähriger Abstinenz mit Diese Nacht zurück und läutet eine neue Periode seines Schaffens ein. Manisch-irres Kino, das wie eine Achterbahnfahrt des Irrsinns funktioniert. Die Mehrheit wird es zum Weglaufen finden, aber einige könnten nicht mehr davon loskommen.

Bild aus Diese Nacht Das Wesen von Rezensionen ist, dass sie subjektiv sind - ja sein müssen. Und Kritiker sind eben auch nur Menschen. Neugierige sicherlich, die begierig darauf sind, mit interessanten oder gar extravaganten Werken konfrontiert zu werden; oder sich einfach mal feines, stilistisch markantes Kino zu gönnen. So in etwa ging es auch los: Ein wunderschön langsamer Erzählfluss und eine stimmungsvolle Noir-Optik läuten die Handlung ein: Luis Ossorio Vignale (Pascal Greggory), einen Blumenstrauß in der Hand, kehrt eines Nachts in die Hafenstadt Santa Maria zurück. Alles wirkt friedlich und verschlafen, man könnte sich an einem beliebigen Ort im Süden befinden, vielleicht Lateinamerika. Die Bilder nehmen mich auch sogleich gefangen. Dieser klassische Stil gefällt mir gut und lässt auf eine interessante Geschichte hoffen.

Doch der beschauliche Beginn täuscht: Die Stadt Santa Maria befindet sich am Rande des Abgrundes - zwischen Leben und Tod. Ossorio ist der Kopf einer gescheiterten Widerstandbewegung und kehrt zurück in eine belagerte Stadt, um nach seinen einstigen Freunden und seiner Geliebten Clara zu suchen. Er befindet sich im Besitz zweier Karten, die Freiheit verheißen. Gemeinsam mit seiner Geliebten möchte er auf dem letzten Schiff, das die Stadt verlässt, fliehen; Terror und Tod hinter sich lassen.

Chaos herrscht in Santa Maria. Es gibt keine Regierung mehr. Die Geheimpolizei führt ein brutales Regime, rivalisierende Milizen ringen in der Stadt um die Vorherrschaft und vor den Toren lauern feindliche Truppen, begierig darauf, die Stadt einzunehmen. Ossorio begibt sich auf einen nächtlichen Trip durch Düsternis, Unterwelt, Gewalt und Wahnsinn; immer auf der Suche nach Clara. Gemeinsam mit dem Helden, verliere ich mich immer mehr in dieser labyrinthischen Story. Den Faden habe ich ohnehin schon längst verloren. Was soll ich sagen? Wie beschreiben? Man nehme eine Kafka-Geschichte, würze sie mit einer Prise einer schön bizarren Gothik-Novel im Stile Edgar Alan Poes, kombiniere das Ganze mit Orson Welles Der Dritte Mann, um die Noir-Atmosphäre zu kreieren, stecke dann alles zusammen mit einer Mischung aus Junta-Revolutions-Drama und Endzeit-Szenario in den LSD-Quirl und voila: Diese Nacht erblickt das Licht der Welt.

Heiße ich das nun gut? Soll ich Beifall spenden? Ich gestehe, auch ein Kritiker hat Grenzen des Ertragens - oder wenn ihr wollt: Haltet mich für einen Kunstbanausen. Aber der Streifen macht mich echt irre! Schwulstige Theatralik, opernhafte Melodramatik, Thrillerelemente aus südamerikanischen Revoluzzer-Dramen, existenzielle Motive aus Literaturvorlagen vom Format eines Albert Camus oder Jean Paul Sartre und Reisen in tiefe unbewusste Angstebenen, wie von einem besessenen Psychoanalytiker komponiert: mir reichts. Ich resigniere, strecke die Waffen, verabschiede mich. Das Kritikerhirn versucht schon lange nicht mehr Sinn in diesen bizarren Collagen-Kosmos zu bringen; lassen wir den Regisseur für sein Werk sprechen:

In meinem gesamten cinematografischen Werk suche ich die elementaren Kräfte der Liebe, des Todes und des Lebens mit Hilfe vielfältiger Phantasmagorien oder utopischer Formen zu ergründen. Im Werk Juan Carlos Onnettis (Diese Nacht basiert auf seinem Roman "Para esta noche") spüre ich viele mir verwandte Ideen, wenn auch gefiltert durch die unerträgliche Erfahrung des Krieges und das typische chauvinistische Temperament der Südamerikaner. Sein Werk mündet letztlich in folgender Frage: Was ist der Mensch? Woher kommt seine Energie, sein Sinn für das Schicksal, und, vor allem, seine Sehnsucht, dieses innere Glühen, in dem sich Melancholie und Begehren vereinen?

Wer die gleiche Sicht aufs Filmemachen hat, ist möglicherweise mit Diese Nacht gut beraten; doch ich möchte allen ernstes keine Empfehlung aussprechen. Es gab eine Reihe von Elementen und Motiven, die ich interessant fand: die düstere Optik, eine grundmelancholische Stimmung, komplexe mafiös-politische Ränkespiele und ein bizarrer Plot, der einiges abverlangt. Der Film aber macht einfach nicht mehr halt und entwickelt sich immer weiter, wie ein vierdimensionales Puzzle, das die Grenzen von Raum und Zeit verlassen hat. Ab einem bestimmten Punkt möchte man einfach nur noch aus dem Saal fliehen oder wenn man halt ausharren muss, fleht man nur noch, dass es bald enden möge, bevor sich das letzte bisschen Realität aus dem eigenen Oberstübchen verflüchtigt.



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