Extrem feinfühlig inszenierter Verlauf einer schwersten Depression, die die Hauptfigur scheinbar aus heiterem Himmel trifft. Der Film ist viel mehr als nur ein Drama, sondern könnte für Tausende Betroffene zum alles entscheidenden Lichtschein am Ende des Tunnels werden. Regisseurin Nettelbeck konnte das überaus heikle Thema nur aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen mit so viel Fingerspitzengefühl angehen, dass nicht ein einziges Fettnäpfchen auch nur in Sicht kommt.
Die hochbegabte und erfolgreiche Musikprofessorin Helen hat alles erreicht: Die Ehe (im zweiten Anlauf) mit dem Anwalt David läuft fantastisch, ihre Tochter Julie (aus erster Ehe) verträgt sich mit dem Stiefvater glänzend und scheint dabei auch noch problemfrei durch die Pubertät zu kommen, das Haus am Meer ist auch nicht ohne, und Geld spielt keine Rolle. Ja, Helen und David haben es geschafft. Bis eines Tages, völlig ohne Vorwarnung, alles plötzlich keinen Sinn mehr ergibt. Helen rutscht in eine Depression, von David und Julie zunächst unbemerkt. Doch handelt es sich hierbei nicht um eine kleine Flaute, die sich mit einfachen Mitteln, wie zum Beispiel ein paar Tagen Abstand, wieder vertreiben ließe, sondern um eine ausgewachsene, ernsthafte, depressive Störung. Aus einem vagen Gefühl der Antriebslosigkeit erwächst für Helen die Überzeugung, wertlos zu sein, die Probleme kumulieren schließlich in einem für Außenstehende nicht nachvollziehbaren Selbstmordversuch.
Während Helen zum Schatten der Person, die sie einmal war, degeneriert, bricht für Julie und David, die nur hilflos daneben stehen können, langsam die Welt zusammen. Helen will sich nicht helfen lassen, verlässt auch nach dem Suizidversuch gegen ärztlichen Rat so schnell wie möglich die Klinik, und kommt erneut in einen Teufelskreis der Hoffnungslosigkeit. Nur Mathilda, ehemalige Studentin bei Helen und ebenfalls immer wieder in stationärer Behandlung, findet Zugang zu ihr, denn nur die beiden Frauen können den Schmerz der anderen verstehen.
Sandra Nettelbeck (Bella Martha) nimmt sich eines überaus brisanten Themas an: Erkrankungen der Seele werden gesellschaftlich noch immer als Stigma angesehen, der stationäre Aufenthalt eines Patienten in einer spezialisierten Einrichtung kommt sozial immer noch der mittelalterlichen Abschiebung ins Irrenhaus gleich. Auch muss es eine enorme Aufgabe gewesen sein, Leiden der Seele zu spielen bzw. zu inszenieren. Ashley Judd, die die Helen spielt, sowie Lauren Lee Smith (Mathilda), zeigen eindrucksvoll, dass die Entgleisung der Seele durchaus mit filmischen Mitteln realistisch übermittelt werden können: Gruselig-unrealistische Psycho-Episoden wie in Durchgeknallt finden sich bei Nettelbeck nicht.
Nettelbeck widmete den Film ihrer Jugendfreundin Katinka, die sich 1995 im Alter von 30 Jahren das Leben nahm. Seither hatte Nettelbeck ein Filmprojekt zum Thema klinische Depression im Sinn, doch war es schon wegen des Themas praktisch unmöglich, das Projekt finanziert zu bekommen. Erst der Erfolg von Nettelbecks Bella Martha überzeugte von den Fähigkeiten der Regisseurin und ermöglichte den Film.
Gedreht wurde auf englisch und in den USA, für Nettelbeck ein Novum. Doch Bildsprache, Optik und Beleuchtung scheinen dadurch automatisch für das Hollywood-verwöhnte Auge angepasst worden zu sein: Sieht man den Film unvorbereitet, würde man die teils deutschen Wurzeln der Crew kaum vermuten, was einen Hoffnungsschimmer für den oft zu hölzernen deutschen Film darstellt.
Helen stellt einen absoluten Meilenstein der Feinfühligkeit dar: So deutlich, wie Judd die Phasen einer depressiven Erkrankung durchlebt und für den Zuschauer erfahrbar macht, wurde das Thema noch nie angepackt. Natürlich ist die Entwicklung der Krankheit chronologisch stark gestaucht, doch verdeutlicht diese dramaturgisch notwendige Straffung der Entwicklung die einzelnen Symptome für das Publikum umso mehr. Auch die Dialoge sind stark geschliffen, es wird nicht gebrüllt und geweint, sondern es fallen genau die Kern- und Schlüsselsätze, die den Nagel immer wieder auf den Kopf treffen und doch nicht eintreiben können. Trotzdem bleibt die Verzweiflung aller Beteiligter stets greifbar, schon das Zitat zu Beginn des Films spricht von der Hölle, die ohne Vorwarnung über einen hereinbricht.
Das Thema Depression wird von Nettelbeck beispielhaft an den stark ausgeprägten Fällen der Helen und der Mathilda anschaulich vorgeführt, auch die Machtlosigkeit und Co-Depressivität des direkten Umfeldes des Patienten inklusive Niedergang wird eingehend beleuchtet. Nur schmerzhafte persönliche Erfahrung kann es möglich machen, ein derart intensives Filmerlebnis zu erschaffen. Dabei ist die Entwicklung der Krankheit im Film auf jedermann anzuwenden: Die Parallelen zu einer weniger starken Variante der Erkrankung sind leicht zu erkennen.