Ist es die Eintönigkeit ihre Alltags, die Tommek und Adam zu dieser grausamen Tat verleiten? Ist es ihre innere Leere? Das besonders Verstörende an Sieben Tage Sonntag ist, dass die Motive der beiden Jugendlichen für ihre tödliche Wette bis zum Ende hin unklar bleiben. Man könnte Nachwuchsregisseur Niels Laupert vorwerfen, dass er die Ursache in seinem Studienabschlussfilm nicht ausreichend beleuchtet. Letztlich ist es aber so, dass auch die wahre Geschichte, auf der Lauperts Film beruht, keine Ursache kennt. Und genau das führt uns der Film vor Augen. Eine Aufklärung oder gar moralische Botschaft gibt es nicht. Laupert lässt den Zuschauer mit dem Film allein. Allein mit der Frage, wie Menschen ohne Grund zu solch einer Grausamkeit imstande sein können.
Adam (Ludwig Trepte) und Tommek (Martin Kiefer) hängen jeden Tag in ihrer Hochhaussiedlung rum. Die Schule haben sie abgebrochen, und so ist jeder Tag für sie wie ein Sonntag. Zu tun haben sie nichts außer trinken, stehlen und um die Häuser ziehen. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Adam. Er scheint noch der Vernünftigste aus seiner Clique zu sein. Er hat zwar wie alle anderen keine berufliche Perspektive, aber immerhin ist er Messdiener und kümmert sich um seine Oma.
Adam ist in Sarah verliebt, traut sich aber nicht, ihr seine Liebe zu gestehen. Eigentlich ist er ein klassischer Teenager und so anfangs "der Gute" im Film. Derjenige, der die Sympathie des Zuschauers auf sich zieht. Tommek, der raue, tätowierte Typ aus der Großstadt, fungiert als Gegenspieler. Es scheint eine Art Hass-Freundschaft zwischen den beiden. Immer wieder geraten sie aneinander, weil Tommek Adam zuerst mit seiner kriminellen Energie ansteckt und ihn dann im Stich lässt. Immer wieder stachelt er Adam zu neuen Schandtaten an, was schließlich in der Wette um ein Menschenleben gipfelt Eine absurde Idee, die Adam nach einer durchzechten Nacht plötzlich umsetzen will. Wie aus heiterem Himmel ist der schüchterne Kerl auf einmal wie besessen von dem mörderischen Plan. Wer dran glauben muss, ist den beiden egal. An einer U-Bahn-Station passiert es. Mit einer zerschlagenen Glasflasche schlägt Adam mehrfach auf einen Mann ein, später soll noch ein anderes Opfer folgen, weil die beiden nicht sicher sind, ob das erste wirklich tot ist.
Niels Laupert verschont den Zuschauer nicht mit grausamen Details. Er wird Zeuge, wie Adam wieder und wieder mit dem Glas auf den Mann einschlägt, dass das Blut nur so spritzt. Reue zeigt Adam nicht. Er lacht. Spätestens jetzt ist jedes Mitgefühl für den Protagonisten verloren gegangen. Er ist zur Bestie geworden. Warum, das bleibt der Mutmaßung des Zuschauers überlassen. War er so aggressiv, nur weil er nicht bei Sarah landen kann? Will er Tommek beeindrucken, so hart sein wie er? Gegen Ende, als Adam schon in Haft ist, wird zum ersten Mal Adams Vorgeschichte ins Spiel gebracht: Adams Vater sitzt ebenfalls im Gefängnis, "seine Mutter kann man vergessen", verrät der Gefängniswärter. Ist Adams Tat die Rache an der Gesellschaft, hatte er falsche Vorbilder? Wahrscheinlicher ist, dass es kein Motiv gibt.
Gerade die offene Frage nach dem Warum hatte Niels Laupert fasziniert. Er hält sich an die wahre Geschichte, bildet sie ab, ohne sie zu interpretieren. Denn die beiden polnischen Jugendlichen, deren Story hier nacherzählt wird, hatten tatsächlich keinen Grund für ihre Tat. Und sie waren auch danach noch stolz auf sie. Zumindest wollten sie bei der Gerichtsverhandlung beide als Haupttäter ins Protokoll eingetragen werden. Zunächst las Laupert von dem Fall in der Zeitung, dann sprach er mit der Journalistin, die die Artikel verfasst hatte, später traf er die beiden jungen Männer im Gefängnis.
Der Film ist ungewöhnlich und mutig. Der verwöhnte Zuschauer ist es gewohnt, eine Analyse für das Gesehene serviert zu bekommen. Er ist bequem geworden, weil er meist vom Filmemacher an die Hand genommen wird. Durch Sieben Tage Sonntag muss der Zuschauer alleine. Am Ende fehlt ihm die Sprache. Denn so dunkel wie die Bilder des Films sind, so hoffnungslos ist auch die Story. Mit Martin Kiefer (Paulas Geheimnis) und Ludwig Trepte (Guten Morgen Herr Grothe) hat Laupert zwei Nachwuchsschauspieler gefunden, die diese innere Leere der Figuren erschreckend authentisch verkörpern (und dabei sogar auf eine Gage verzichteten).
Ein Film, der aufwühlt, frustriert, schockiert. Vor allem angesichts der Tatsache, dass es immer häufiger zu Übergriffen von U-Bahn-Schlägern, auch in Deutschland, kommt. Ein Beitrag also, der, selbst wenn er in den 90ern spielt, ein brandaktuelles Thema beleuchtet - und dabei schon fast dokumentarischen, ja journalistischen Wert hat. Und das alles, obwohl es sich hierbei um ein Erstlingswerk handelt, für das ein Budget von nur 120.000 Euro und eine Drehzeit von knapp zwei Wochen zur Verfügung stand.