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Barfuß bis zum Hals

(Barfuß bis zum Hals, 2009)

Dt.Start: 11. Juni 2009 Premiere: 11. Juni 2009 (Deutschland)
FSK: nicht bekannt Genre: Komödie
Länge: nicht bekannt Land: Deutschland
Darsteller: Martin Brambach (Helmut), Christoph M. Ohrt (Dieter Lohe), Constantin von Jascheroff (Jakob), Diane Siemons-Willems (Natalie), Stefanie Höner (Sabine), Sarah Kim Gries (Rosa), Matthias Beier (Karl), Jockel Tschiersch (Waffenhändler), Zsolt Bács (Conny), Ben Unterkofler (Maik), Christina Athenstädt, Joseph Konrad Bundschuh (Kevin), Gotthard Lange (Socke), Heiko Pinkowski (Uwe Hofer), Rüdiger Kühmstedt (Hans), Alexander Müller (Nudist), Caroline Rapp (Lara), Volker Szezinski (Polizist)
Regie: Hansjörg Thurn
Drehbuch: Sarah Schnier


Inhalt

Die kulturelle Freiheit im wohl grüßten FKK-Clubs scheint in Gefahr. Der konservative Textilunternehmer Dieter Lohe hat das Grundstück gekauft und muss nun einen neuen Pachtvertrag mit dem Club aushandeln. Um ihre Freiheit zu sichern, zwängen sich die überzeugten Nudisten sogar in Kleidung, um dem neuen Besitzer keinen Anlass zur Kündigung zu geben. Doch der Plan ist komplizierter als gedacht und bald schleichen sich Unmut und Verzweiflung ein. Nur Jakob, dessen Eltern den Club leiten, kann sich freuen, denn die junge Tochter des Münchners gefällt ihm auch bekleidet ganz gut.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Barfuß bis zum Hals hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 83%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Julian Reischl
Barfuß bis zum Hals hat eine Wertung von 83%
Wirklich gelungene, kleine deutsche Komödie im FKK-Milieu, die anderswo kaum zu realisieren gewesen wäre. Völlig schamfreie, nackte Darsteller entführen den Zuschauer in eine gänzlich unprätentiöse Welt, die bisher hinter Hecken verborgen war. Die Inszenierung ist überraschend gut getaktet, mit sympathischen Figuren besetzt und verhebt sich nicht an zuviel Anspruch. Absoluter Geheimtipp.

Bild aus Barfuß bis zum Hals Der stocksteife Münchner Textilfabrikant Dieter Lohe kauft ein schönes Jagdrevier in Brandenburg. Dort gibt es echt große Grundstücke noch zum Schnäppchenpreis, wie er feststellt. Doch auf dem Gelände befindet sich auch ein Sportverein, dessen Pachtvertrag nun neu verhandelt werden muss. Lohe hat die Macht, die Pacht mit sofortiger Wirkung aufzuheben, daher gibt es nun ein Problem:

Denn der "Sportverein zur Freiheit" ist nichts Geringeres als Deutschlands ältester FKK-Club. Wer lieber in Klamotten herumläuft, hat hier nichts verloren. Entsprechend angespannt ist die Lage, als sich herumspricht, dass der konservative Lohe bereits auf dem Weg ist, um das Gelände in Augenschein zu nehmen. In einer Art spontanen Kurzschlusshandlung entschließen sich die Dauercamper der "Freiheit", extra für Lohe die nackten Tatsachen des Sportvereins zu verhüllen und sich so die Pachtverlängerung zu erschleichen.

Natürlich läuft alles ein wenig anders als geplant, denn Lohe hat seine gerade volljährig gewordene Tochter Nathalie dabei, und Jakob, der Sohn des Pächters und Clubleiters Helmut, verliebt sich Hals über Kopf in die (weitgehend bekleidete) süße Münchnerin. Dieter Lohe und seine Tochter bleiben jedoch länger als nur ein paar Stunden auf dem Campingplatz, und mit der Kleidung der Bewohner ziehen auch Spannungen in die kleine Zelt- und Wohnwagensiedlung ein. In dem bis eben noch freien, freiheitlichen und absolut offenen Mikrokosmos mit dem Zusammenhalt eines steinzeitlichen Stammes sprießen plötzlich Eifersucht, Missgunst und sexuelle Avancen, die es bei voller Nacktheit nie gegeben hatte.

Das deutsche Kino der vergangenen Jahre scheint aufzuzeigen, dass es für die Autoren und Produzenten sehr schwer sein muss, geeignete Stoffe für eine Verfilmung zu finden. Entweder drehen sich deutsche Filme um den Zweiten Weltkrieg, die DDR oder andere politische Themen in allen Facetten, oder sie versuchen allgemeingültige Themen vom Whodunit bis zur Komödie aufzugreifen und scheitern dabei im Vergleich zu ambitionierteren Produktionen aus dem Ausland meist kläglich.

Ein wahrer Glücksgriff ist dahingegen Drehbuchautorin Sarah Schnier gelungen, die mit der Freikörperkultur eine wahrhaft deutsche, und bisher kaum beachtete Thematik aufgegriffen und gekonnt für die Leinwand adaptiert hat. Schon in den ersten Szenen springen einem die splitternackten Schauspieler und Statisten entgegen, doch nach einer Schrecksekunde versiegt bereits das Fremdschämen vor so viel Scham und Schniedeln: Die Nudisten auf der Leinwand verhalten sich so, als wäre keine Kamera vor Ort, und schnell hat das auch der Zuschauer vergessen.

In den allermeisten Ländern der Erde, allen voran den USA, wäre so ein freizügiger Film völlig unmöglich zu drehen gewesen. "Full Frontal Nudity", so der Fachausdruck für das unbeschämte Präsentieren seiner gesamten Ausstattung vor Publikum, ist dort auf der Leinwand maximal für einen Augenblick gestattet. So eine Szene gilt dort ausnahmslos als dramatischer Höhepunkt eines Films, als Szene, über die man später nur hinter vorgehaltener Hand spricht, und manch einer schleicht unauffällig nur wegen ihr ins Kino. Eines der besten Beispiele für kalkulierte Nacktheit der jüngeren Filmgeschichte ist natürlich das Verhör der Sharon Stone in Basic Instinct.

Barfuß bis zum Hals dahingegen bricht mit diesen prüden Traditionen und führt die Zuschauer an der Hand an einen Ort, wo es normal ist, nackt herumzuspazieren, egal, wie fett oder dürr, alt oder jung man ist. Und tatsächlich interessiert die Nacktheit fast aller Anwesenden nach fünf Minuten auch wirklich niemanden mehr im Kino, denn der Handlungsverlauf nimmt einen voll und ganz in Anspruch.

Die Geschichte der zwei aufeinanderprallenden Welten tief in den Wäldern der neuen Bundesländer wurde von Hansjörg Thurn (der 2007 bereits die TV-Verfilmung von Robert Louis Stevensons Die Schatzinsel übernahm) mit der gebotenen Leichtigkeit inszeniert. Die Dialoge wirken nicht hölzern oder gestelzt, sondern fügen sich (weitgehend) nahtlos in die Gesamtsituation ein. Dramaturgie und Handlungsverlauf sind in sich ebenso stimmig wie die gesamte Welt des kleinen Nudistencamps, in dem der größte Teil des Films spielt. Nach einer Weile ist der Zuschauer so an das kleine Camp gewöhnt, dass beim Grillabend der Duft von Schweinsbratwürsten und marinierten Nackensteaks durch den Saal zu schweben scheint. Verlässt die Handlung dann das Camp, fühlt sich auch der Zuschauer unbequem bekleidet in einer kalten, fremden, unherzlichen Welt.

Barfuß bis zum Hals ist der eindeutige Beweis dafür, dass es in Deutschland tatsächlich großartige eigene Stoffe gibt, die auch noch richtig nett umgesetzt werden können. Während in Amerika sämtliche Alarmglocken Sturm schellen würden bei soviel nackter Haut, kann der Zuschauer hierzulande einen kleinen, feinen, lustigen, dabei aber nicht übertrieben schrillen, und nur leicht skurrilen Film genießen. Wenn das mal kein Grund ist, ins Kino zu gehen!



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