Fanatische Religiosität ist nicht unbedingt Merkmal östlicher Lebensauffassungen. Umso befremdlicher kann die Reise werden, wenn sich Asiaten dem Thema Christentum annehmen. In den Phasen Neuanfang, Scheitern, Irrationalität, Wut, Verzweiflung und Resignation wird das Schicksal einer jungen Witwe nachgezeichnet, die ihren einzigen Sohn verliert und in einem neuen Glauben Trost zu finden scheint. Secret Sunshine bewegt sich haarscharf zwischen Drama, Thriller und Satire, stets fordernd und manchmal brutal lauernd. Keine leichte Kost, aber durchaus für Arthouse-Fans zu empfehlen.
Vor einem Jahr verlor Shin-ae (Jeon Do-yeon) ihren Mann. Jetzt zieht sie aus der Millionenstadt Seoul mit dem gemeinsamen Sohn Jun in die Kleinstadt Miryang - den Geburtsort ihres Mannes. Miryang ins Englische übertragen bedeutet in etwa "Secret Sunshine" (verborgener Sonnenschein). Schon auf dem Weg dahin begegnet ihr der Mechaniker und leicht verzweifelte Junggeselle Jong-chan (Song Kang-Ho). Shin-aes Wagen hat wenige Kilometer vor der Stadt den Geist aufgegeben. Und da er sich nicht vor Ort reparieren lässt, nimmt der freundliche und aufgeschlossene Jong-chan die beiden mit.
Was ist Miryang für eine Stadt, wie lebt es sich dort?, fragt Shin-ae den Mechaniker. Jong-chan hingegen interessiert sich mehr für Details aus ihrem Leben. Sie gefällt ihm und er bietet ihr offenherzig seine Hilfe für den Start an. Shin-ae will eine Schule für Klavierunterricht eröffnen und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Kaum in Miryang angekommen, merkt sie aber, dass eine solche Kleinstadt ganz anders als Seoul ist: Die Menschen helfen sich mehr, aber der Schutz der Anonymität einer Großstadt existiert nicht. Geheimnisse gibt es kaum. Es wird viel getratscht, man hat Vorbehalte gegenüber Fremden und wenn jemand zu Geld kommt, gibt es schnell Neider.
Shin-ae ist zu jedermann freundlich, nimmt aber nur wenig Hilfe an. Sie will ihr Leben selbst meistern. Besonders nerven sie die penetranten Flirtversuche des Mechanikers. Mit 40 und noch unverheiratet ist er mit etwas zuviel Nachdruck auf der Suche nach einer Braut. Er lässt nicht locker, selbst wenn Shin-ae ihm keinerlei Hoffnung macht. Dafür begeht sie aber eine andere Dummheit: Sie gibt vor zu Geld gekommen zu sein und ein Grundstück kaufen zu wollen. Kaum ist dies bekannt, wird ihr Sohn entführt. Die Geldübergabe scheitert und wenig später wird der Junge tot aufgefunden. Für Shin-ae bricht die Welt zusammen. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich dem christlichen Glauben zu. Und eine Zeitlang scheint das tatsächlich den Schmerz zu lindern.
Spätestens hier bekommt der Film auch einen gewissen Satirecharakter. Vielleicht wirkt das auch nur so, denn wie in Korea die christliche Religion ausgeübt wird das hat schon sehr naiv-verklärte Züge. Wurde die Geschichte vorher sehr nüchtern-distanziert und beinahe a-tonal erzählt, so dass sie mitunter sehr schwer und anstrengend wirkte, kippt das nun vorübergehend in eine "Show" hosiannischer Lobpreisungen. Was man zu sehen bekommt, ist schon recht befremdlich und Regisseur Lee Chang-dong macht wenig Hehl daraus, dass der sonst so nivellierten asiatischen Psyche ein Kontrastprogramm serviert wird. Im Prinzip aber bleibt Secret Sunshine erzählerisch auf einem gleichmäßigen Niveau, das nur soweit anhebt, wie die sehr guten Darsteller es in exakt getimten Augenblicken zulassen. Der Film ist derart minimalistisch angelegt, dass er beinahe dokumentarischen Charakter erreicht. Visuell nahezu völlig unaufgeregt, dass sogar der Tot des Sohnes in einer erschreckend nüchternen Beiläufigkeit eingeblendet wird. Und die wenigen Darsteller werden wie bei einem Dokudrama der Reihe nach vorgestellt - fast wäre es schon vermessen, von richtigen Spielszenen zu sprechen.
Die Figur der Shin-ae steht über den ganzen Film konsequent im Mittelpunkt; ihr auf ihrem Weg zu folgen ist aber mehr als schwierig. Zu Hilfe eilt der Mechaniker Jong-chan. Dieser lieb-naive Trottel, der um Shin-ae herumbalzt, hilft bei der Annäherung. Seine oft sehr einfache, aber auch sehr menschelnde Sicht ermöglicht einen Zugang zu Shin-aes Innenleben herzustellen. Schon der Entschluss in den Geburtsort ihres verstorbenen Mannes zu ziehen, ist nur schwer nachvollziehbar (und bereits in den ersten Minuten arbeitet Jong-chan dem Zuschauer vor, um diese undurchdringliche Fassade aufzuweichen). Später stellt sich heraus, dass Sie immer noch um ihren Mann trauert.
Trauer, der Umgang damit und die Verarbeitung dieser sind letztendlich die Kernthemen des Films. Shin-ae versucht permanent irgendwo anzukommen: In einer neuen Stadt, einem neuen Glauben und alles scheitert. Das Leben selbst scheint die Bestrebungen ad absurdum zu führen. Als sich Shin-ae von ihrem neuen Glauben wieder abwendet - bis dahin ist einiges passiert und es gibt überraschende und schonungslose Wendungen - nimmt der Film besonders verrückte Züge an, die an die Grenze des Ertragens führen. Nur selten aber wird die Distanz zur Hauptfigur gänzlich abgebaut, was dem Zuschauer eine Menge abfordert. Und zu keiner Zeit wird die Handlung gar voraussehbar. Das ist wirklich Kino für Liebhaber. Kein "Schublade auf, Motiv raus, Schublade wieder zu" und keine plump-schematischen Antworten. Unabsehbar, irrational, bitter und ebenso tragisch - von verborgenem Sonneschein wenig zu verspüren.