Seit dem Mauerfall vor 20 Jahren ist in Berlin eine Menge passiert. Diese Wandlungen versucht der Hollywood-Starkameramann Michael Ballhaus in seinem Portrait Berlins festzuhalten. Ohne Eingriff filmt er Prominente, Künstler und auch einfache Menschen bei ihrem täglichen Tun. Für alle ist Berlin die Heimat, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Ballhaus liefert aber in seiner filmischen Berlinromanze ein Bild von der Stadt, das nur bedingt der Realität entsprechen kann. Soziale Kontraste werden nicht eingeblendet und die Reise verliert sich in schönen, aber sich auf die Dauer wiederholenden Bildern.
Fassbinder, Schlöndorff, Scorsese, Coppola, Petersen. Alles große Namen und ebenso großartige wie berühmte Regisseure. Für alle hat Michael Ballhaus den Chefkameramann gemacht und vielen Hollywoodproduktionen seinen persönlichen visuellen Stempel aufgedrückt. Nach über 25 Jahren in der Traumfabrik kehrt der gebürtige Berliner in seine Heimatstadt zurück, um ihr ein filmisches Portrait und eine besondere Form der Liebeserklärung darzureichen.
Herausgekommen ist eine Dokumentation, die durchaus als "Essay in Bildern" verstanden werden kann: Berlin, die pulsierende Metropole und doch eine Stadt ohne Hektik. Gewissermaßen das größte Dorf Europas. Ballhaus konzentriert sich auf die Bilder, lässt die Eindrücke für sich sprechen und die Menschen erzählen ohne die Einstellungen großartig zu filtern. Der Fokus der Beobachtung liegt dabei eindeutig auf der Kunst- und Kulturszene, sowie dem Aufbruchsgeist, der sich in Berlin in den letzten zwei Dekaden eingestellt hat. Hier können sich Menschen entfalten, ihre Visionen leben, um Träume wie Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen.
Berlin unterscheidet sich von anderen deutschen Großstädten insbesondere darin, dass es Idealisten noch Raum bietet. In Berlin ist es noch möglich mit wenig oder fast keinem Geld einen Neubeginn zu suchen. So verwundert es nicht, dass sich neben einer gewissen "Kommunen-Mentalität" auch eine reiche Kulturszene entwickelt hat. Der Reihe nach spazieren Künstler, Musiker, Film- und Medienschaffende, Journalisten und Politiker ins Bild und bekommen vor Ballhaus's Kamera ein paar Minuten Ruhm geschenkt.
Er portraitiert aber auch eine widersprüchliche Stadt, die weniger schöne Seiten hat: Stillgelegte Fabriken, abbruchreife Bauten. Ballhaus setzt diese Kontraste ein, um sein Bild von Berlin zu festigen. Auch aus diesen Überbleibseln versuchen Menschen noch etwas zu machen, sie mit neuem Leben zu füllen. Events und Partys finden in den Gerippen entkernter Gebäude statt und des Nachts erwacht eine rege Undergroundszene. Ballhaus streift diese nur im Vorbeigehen. Seine Bühne ist das Tageslicht, das Morgengrauen und die Abenddämmerung. Er setzt diese Stilmittel sehr gekonnt ein und die Bilder Berlins entfalten ihre poetische Kraft. Mit Perspektiven und Kontrasten weiß Ballhaus eben meisterlich umzugehen: Bild und Tonmontage sind ebenfalls vom Feinsten. Hier ist ein großer Könner am Werke.
Doch diese einseitig beleuchtete Vision gerät ihm zu lang. So reizvoll sind die Eindrücke der Stadt auf die Dauer nun auch wieder nicht, dass man diesen Spaziergang über anderthalb Stunden durchhält. Es fehlt ein wenig die Substanz. Und vor allem könnte man ein bisschen die Leier satt werden, dass in Berlin das Zusammenleben der Menschen und der verschiedenen Ethnien so ganz besonders vorbildhaft klappt. Die Stadt, die sich permanent neu erfindet, ist Ballhaus's ureigenste Sicht auf Berlin; so wie er es eben wahrnimmt. Das alles ist zwar schön und gut und diese Ode an Berlin sei Ballhaus gegönnt. Schließlich bemüht er reichlich Prominenz, um Zeugnis darüber abzulegen: Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier, der regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und die ZDF-Journalistin Maybrit Illner; für alle ist Berlin DIE STADT. Die Frage sei aber gestattet, ob sie das noch wäre, wenn die Damen und Herren, inklusive Ballhaus, mal ein paar Wochen von Hartz-IV in Neu-Köln (einem weniger schmeichelhaften Stadtteil Berlins) leben müssten.
Sei es drum. Ballhaus ist aus Hollywood zurück und filmt sich zum Teil sein eigenes Berlin. Aber natürlich ist Berlin eine ganz außergewöhnliche Stadt und immer eine Reise wert, das ist unbestritten. Doch etwas mehr Differenzierung wäre schön gewesen. Fürs Kino hätte sich Ballhaus dieses Filmessay oder diese Softdoku möglicherweise sogar ganz sparen können. 60 Minuten im TV wären doch ein prima Format gewesen.