Entgegen allen Gerüchten kommen aus Venezuela doch noch gute Nachrichten: Seit über 30 Jahren sorgt dort eine besondere Einrichtung für Hoffnung und Freude in den gewaltreichen Armenvierteln der Städte: El Sistema, das Nationale System für Kinder- und Jugendorchester, holt Kinder von der Straße und gibt ihnen eine musikalische Ausbildung, die bis ins Profilager führen kann. Paul Smaczny und Maria Stodtmeier porträtieren die erfolgreiche soziale und musische Einrichtung und ihren Gründer, den Alternativen Nobelpreisträger Jose Antonio Abreu. Dabei blicken sie auch in den von Gewalt und Armut bestimmten Alltag in den Barrios.
Gute Nachrichten aus Venezuela sind selten. Das arme Andenland dient der Weltpresse allenfalls als Hintergrund für reißerische Stories über Drogenbarone, Bandenkriege und das Elend in den dortigen Slums. Und dennoch kommt von dort eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte, die Paul Smaczny und Maria Stodtmeier aufgezeichnet haben und nun als El Sistema in unsere Kinos kommt.
Ihre Geschichte beginnt mit der Idee, dass Musik Brücken bildet, Hoffnung spendet und Frieden stiftet. Der Dirigent und Komponist Jose Antonio Abreu glaubte 1975 an diese Vorstellung und an die Kraft seiner Kunst. Als Minister sollte er soziale Projekte zur Bekämpfung der Armut anstoßen und gründete in der Hauptstadt Caracas ein Orchester und eine Musikschule, die sich mit kostenlosem Musikunterricht an die Kinder aus den Elendsvierteln, den Barrios, wandten. Im Laufe der nächsten 30 Jahre entwickelte Abreu ein Netzwerk aus weiteren Musikschulen und Orchestern, das sich in alle Ecken des Landes streckte und sich vornehmlich direkt dort festsetzte, wo die Ärmsten wohnen. Schließlich hätten diese sonst keine Chance auf eine Ausbildung, schon deswegen nicht, weil sie mangels Geld nirgends hin können.
Während der Dreharbeiten bestanden 184 Musikschulen und durch beständige Neugründungen dürfte die 200 bald erreicht sein. Fast 300.000 Schüler nehmen dort gegenwärtig Unterricht in den verschiedensten Instrumenten und spielen in unzähligen Orchestern. Die Kosten je nach eigenem Geldbeutel, also für die meisten kostenlos. El Sistema ist eine imposante Erfolgsgeschichte, hinter deren nackten Zahlen Schicksale stehen, die dem Kreislauf von Armut und Gewalt entkommen können. Statt zu Waffen greifen hier die Menschen zu Musikinstrumenten. Sie lernen musizieren, Toleranz zu üben, Hilfe und Unterstützung geben und nehmen, und vor allem lernen sie, dass Frieden und Eintracht möglich sind.
Als sich Paul Smaczny und Maria Stodtmeier mit der Kamera El Sistema nähern, folgen sie drei Teenagern, die mit Feuereifer nach dem ungenügenden Schulunterricht in Richtung Musikschule aufbrechen, weil ihnen bewusst wird, dass dies ihre einzige Chance ist, der täglichen Gewalt in den Barrios zu entgehen. Während sich ihre alten Freunden längst Kinderbanden angeschlossen haben, Klebstoff schnüffeln oder gar tot sind, durchlaufen die drei die typische Ausbildung an den Musikschulen, bei der vor allem mit Spaß und weniger mit Drill erst einmal das Rhythmusgefühl trainiert wird. Erste Instrumente sind nur Modelle aus Pappe, an denen schlicht die Bewegungsabläufe trainiert werden.
Die Filmemacher begleiten die Kinder durch ihren Alltag, lassen die Menschen um sie herum erzählen, von den Sorgen, Nöten und Ängsten, aber auch von der Freude und den Erfolgen. Wie in dem Ballettfilm Dance for all über die Tanz-Akademie von Phyllis Spira und Philip Boyd in einem Township von Kapstadt dringen die Filmemacher in die raue Welt der Armut vor. Ihre Betrachtungen demonstrieren einmal mehr, dass die schlechten sozialen Strukturen um Erziehung, Bildung und Beruf das Elend fördern, weil es Aufstieg und Entwicklung verhindert. Entsprechend hoch siedeln die Regisseure die Anstrengungen der Organisatoren von El Sistema an. Ihre Ausführungen finden leicht Beispiele erfolgreicher Absolventen wie Dirigent Gustavo Dudamel, der mit dem Nationalen Jugendorchester "Simon Bolivar" weltweit auftritt.
Die Hoffnungen ambitionierter Musiker, die innerhalb von Jahren in verschiedenen Orchestern spielen und sich durch Wechsel in anspruchsvollere Orchester stetig höheren Zielen stellen, scheinen sich zu erfüllen. Das Leben mit Musik erfüllt nicht nur ihren Geist sondern bei vielen auch ihren Geldbeutel.
Mit viel Feingefühl porträtieren Paul Smaczny und Maria Stodtmeier das überaus bemerkenswerte Beispiel für ein erfolgreiches soziales Engagement, für das Abreu bereits mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden ist. El Sistema, zu 90% vom Staat gefördert, betreut mittlerweile 270 verschiedene Einrichtungen, meist in der Nachbarschaft des schlimmsten Elends. Sein Jahresbudget beträgt $23 Mio. Eine erstaunlich niedrige Zahl für ein Projekt mit einer so großen sozialen Breitenwirkung.