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Auf der Suche nach dem Gedächtnis

(Auf der Suche nach dem Gedächtnis - Der Hirnforscher Eric Kandel, 2009)

Dt.Start: 25. Juni 2009 Premiere: 25. Juni 2009 (Deutschland)
FSK: nicht bekannt Genre: Dokumentation
Länge: 95 min Land: Deutschland
Darsteller: n/a
Regie: Petra Seeger
Drehbuch: Petra Seeger


Inhalt

Eric Kandel ist Hirnforscher und gehört zu den wichtigsten seiner Zunft. Für sein Schaffen erhielt er bereits den Nobelpreis. Geboren wurde er 1929 in Wien, emigrierte aber im Alter von neun Jahren in die USA. Motiviert durch seine schlimmen Kindheitserinnerungen an Wien im Holocaust, befasste er sich als Psychoanalytiker und Mediziner mit dem Gehirn und vor allem dem Gedächtnis. Auf einer Reise in seine eigene Vergangenheit soll eine umfassende Biografie des erstaunlichen Mannes gezeichnet werden.
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Kritik

Auf der Suche nach dem Gedächtnis hat eine Wertung von 80%
Wenn man an Wien und Psychoanalyse denkt, kramt man unweigerlich einen Namen aus seinem Gedächtnis hervor: Sigmund Freud. Seines Zeichens Neuroanatom (heutzutage würde man von einem Neurobiologen sprechen), gilt Freud als Vater der modernen Psychoanalyse. Doch Wien hat noch einen weiteren bedeutenden Sohn hervorgebracht, der die Leistungen Freuds bei weitem übertroffen hat und dafür im Jahre 2000 den Nobelpreis für Medizin erhielt: Eric Kandel. Auf der Suche nach dem Gedächtnis liefert faszinierende Einblicke in Leben und Werk dieses außergewöhnlichen Menschen.

Bild aus Auf der Suche nach dem Gedächtnis Eric Kandel wurde 1929 als zweiter Sohn einer jüdischen Familie in Wien geboren. 1939 emigrierte er gemeinsam mit seinem älteren Bruder, nachdem sich Österreich Nazi-Deutschland "angeschlossen" hatte, in die USA. Nach eigener Aussage waren seine traumatischen Kindheitserlebnisse und die Unfähigkeit begreifen zu können, wie ein hoch entwickeltes und kultiviertes Volk am einen Tag Beethoven, Mozart oder Haydn hören und sich am nächsten Tag dem Mord an Millionen Juden zuwenden konnte, Auslöser für ihn, sich dem Studium der Psychologie zuzuwenden.

Filmemacherin Petra Seeger begleitet und portraitiert den Mann, der herausgefunden hat, wie Erinnerungen ins Langzeitgedächtnis überführt werden und damit die Neurobiologie auf eine neue Erkenntnissstufe, der Einsicht in die Funktion des Gedächtnisses, katapultierte. Für das 21. Jahrhundert ist somit nicht nur das Fundament gelegt, dass sich Biologie, Psychologie und Psychoanalyse in einer einzigen Neuro-Disziplin vereinigen können, sondern auch der Weg bereitet, völlig neue medizinische Ansätze für die Bekämpfung von Demenz- und Alzheimererkrankungen zu finden. Auf einer "Zeitreise" liefert diese biografische Dokumentation besondere Einblicke in Leben und Werk des genialen Forschers.

Als Laie wird man nicht unbedingt viel mit den wissenschaftlichen Erklärungsmodellen, seien sie noch so simpel gehalten, anfangen können: Kandel und seine Kollegen referieren über Axone, Neurotransmitter, Erregungspotenziale, Synapsen und Botenstoffe. Was sich nach böhmischen Dörfern anhört, lässt sich am besten in einem Zitat Kandels zusammenfassen: Gedächtnis ist der Klebstoff, der unser Leben zusammenhält. Erst das Gedächtnis verleiht dem Leben Kontinuität. Wir sind also die Summe unserer Erinnerungen. Diese werden im Hippocampus gebildet. Was Kandels Arbeit aber herausragend macht, ist die Tatsache, dass er herausfand, wie Nervenzellen genetische Muster aktivieren, um neue Synapsen zu bilden. So wird Erlerntes erst lang anhaltend abgespeichert. Dafür gab es im Jahre 2000 den Nobelpreis.

Soweit die komprimierte wissenschaftliche Seite der Doku. Viel interessanter für den Nichtwissenschaftler ist möglicherweise Eric Kandel als Mensch: Ein vitaler "Greis" mit dem Geist eines jungen Menschen, der den Klischees über angestaubte Wissenschaftler so gar nicht entspricht: Eloquent, stets offen für neue Eindrücke, der Verstand rege, beweglich und überaus aktiv und immer ein herzhaftes Lachen in Petto. Eine charismatische Persönlichkeit, die gleich in ihren Bann zieht. Der Mensch Kandel hat aber viel Schicksalhaftes erlebt, das ihn tief prägte und immer wenn er über das Gräuel der NS-Zeit ansetzt zu sprechen, überwältigen ihn seine Emotionen und die Tränen schießen ihm in die Augen. Das jüdischen Volk wird sich vom Holocaust niemals erholen, so viele Menschen sind damals ermordet worden, viele die viel Klüger und talentierter waren, als ich es bin..

Diese feinen Aspekte von Kandels Persönlichkeit fängt die Kamera unaufdringlich während einer Reise zurück in seine Geburtsstadt Wien und zu seiner alten High-School in Brooklyn ein. Der Wissenschaftler versucht an diesen Orten seine Erinnerungen zu einem kompletten Bild der Vergangenheit zusammenzufügen. Das ist Gedächtnisforschung der anderen Art und mindestens ebenso spannend. So ruhig und unbeteiligt die Kamera aber bleibt, wurden andererseits Stilmittel eingesetzt, die dem Zuschauer helfen sollen, sich die Vergangenheit des Forschers zu visualisieren: In Spielszenen werden Erlebnisse stilisiert nachgezeichnet; überflüssig, da Kandel in packender Lebendigkeit von diesen erzählt. Spannend und emotional auch Kandels Verhältnis zum jüdischen Glauben: Er selbst ist zwar kein orthodoxer Jude und als Wissenschaftler weltlich veranlagt. Trotzdem aber spielt das Judentum für ihn eine bedeutende Rolle in seinem Leben. Nicht unbedingt als Religion, sondern vielmehr als kultureller und philosophischer Kontext, der das Miteinander ethisch regelt.

Auf der Suche nach dem Gedächtnis beleuchtet Mensch wie Wissenschaftler und gewährt Einblicke in Kandels bahnbrechende wissenschaftliche Forschung. Ein spannendes Leben eines sehr interessanten Menschen, der mit 80 Jahren immer noch vor Froscherdrang und Vitalität nur so strotzt. In einem Raum mit 100 Personen werden etwa 40 im Alter immer noch den Geist eines Teenagers haben (das nennt man positives Altern), 60 werden früher oder später altersbedingte Demenzerscheinungen zeigen und 30 davon eines Tages an Alzheimer erkranken. Eric Kandel gehört eindeutig zu den ersten 40, mögen seine Forschungen dazu beitragen, dass die Wissenschaft die Folgen für die anderen in Zukunft lindern oder beseitigen kann.

von Dimitrios Athanassiou


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