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Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3

(The Taking of Pelham 1 2 3, 2009)

Dt.Start: 24. September 2009
DVD: 20. Oktober 2003
Premiere: Juni 2009 (USA)
FSK: ab 16 Genre: Thriller
Länge: 106 min Land: USA, UK
Darsteller: John Travolta (Ryder), Denzel Washington (Lieutenant Zachary Garber), John Turturro, James Gandolfini (Mayor), Luis Guzmán (Ramos), Jason Butler Harner (Mr. Thomas), Brian Haley (Police Captain Hill), Gbenga Akinnagbe (Wallace), Michael Rispoli (Michaels), Ramon Rodriguez (Delgado), Chance Kelly (ESU Captain Kelley), John Benjamin Hickey (Lasalle), Tonye Patano (Regina), Jason Cerbone (ESU Officer Davis), Adrian Martinez (Cabbie), Ty Jones (ESU Sniper Ross), Alex Kaluzhsky (George)
Regie: Tony Scott
Drehbuch: Brian Helgeland, John Godey


Inhalt

Vier bewaffnete Männer stürmen die U-Bahn Linie 123 in New York City. Schnell wird klar, dass sie es ernst meinen. Sie fordern Lösegeld für die Geiseln und drohen, pro Minute eine Person zu erschießen, sollte das Geld nicht innerhalb einer Stunde zur Verfügung stehen. Dem Bahnaufseher Garber ist klar, dass er handeln muss, wenn er das Leben der U-Bahnfahrgäste retten möchte. Er kennt sich bestens im U-Bahnsystem aus und hofft dies zu seinem Vorteil nutzen zu können.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3 hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 85%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Harald Witz
Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3 hat eine Wertung von 85%
Wie aus heiterem Himmel hijacken Terroristen eine New Yorker Untergrundbahn und verlangen $10 Mio, sonst töten sie jede Minute eine Geisel. Der wegen eines Korruptionsverdachts degradierte Abteilungsleiter Zachary Garber muss mit dem Anführer Ryder verhandeln, während der FBI-Experte kaltgestellt ist und der Bürgermeister sich um seinen gut inszenierten Abgang sorgt. Tony Scott verfilmt Joseph Sargents Thriller Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 von 1974 als Die Entführung der Pelham 1 2 3 neu. Doch trotz aufwändiger Effekte, visueller Spielereien und einem guten Drehbuch sind es die Topstars John Travolta, Denzel Washington und John Turturro, die den Actionthriller sehenswert machen!

Bild aus Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3 Kurz vor seinem 30-jährigen Jubiläum als Darsteller schlüpfte Matthau für Joseph Sargents Thriller Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 in die Rolle eines Jedermanns, der zum Helden des Tages wird, weil er angesichts einer kriminellen Konfrontation nicht die Nerven verliert. Der gelungene Thriller über die Entführung einer New Yorker U-Bahn, der Erpressung der Stadt um $1 Mio. und die Nerven zerreißende Fahrt der führerlosen U-Bahn blieb lieber dem Genre des konventionellen Thrillers treu, weil er sich Budget-bedingt nicht mit allzu spektakulären Elementen schmücken konnte. So blieb dem Werk das Label des gerade populären Katastrophenfilms (siehe Erdbeben) und der Staub der Filmgeschichte erspart. Noch heute läuft der beliebte Thriller regelmäßig im Fernsehen, vielleicht weil er so angenehm prätentiös geraten ist.

So war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Hollywood auf seiner Händeringenden Suche nach Erfolg versprechenden Filmstoffen wieder der Todesfahrt erinnerte. Glamour-Filmemacher Tony Scott, der zuletzt mit Mann unter Feuer (2005) und der New Orleans-Actionfantasy Deja Vu - Wettlauf gegen die Zeit (2006) sein Faible für visuelle Eskapaden einmal mehr unter Beweis stellte, machte sich daran, den Stoff in die Moderne zu verfrachten und gab die Neuadaption in die Hände der versierten Drehbuch-Ikone Brian Helgeland (u. a. auch Mystic River).

Herausgekommen ist ein ungewöhnlicher, urbaner Actionthriller, der eine Vielzahl aktueller Themen und Motive in sich aufsaugt, ohne sie in Konventionen umzusetzen. Der sich für seine Grundhandlung ausgerechnet nicht bei den Pyrotechniker und Computereffekte-Typen bedient und sich nur wenigen visuellen Eskapaden hingibt, dem Markenzeichen von Tony Scotts Filmen. So darf Kameramann Tobias Schliessler zwar einige wahnwitzige Fahrten vom Himmel auf die Erde, durch die Straßen, durch die U-Bahnschächte und die Verkehrsleitzentrale machen. All jene Mätzchen eben, die man schon in Staatsfeind Nr. 1 zwar als atemberaubend aber auch als sinnfrei und verspielt bezeichnen konnte.

So erinnert auch das Set der Zentrale weniger an ein Kontrollzentrum denn an die Hightech-Brücke eines Raumschiffes mit all ihren gigantischen Bildschirmen, allwissenden Kamera-Augen und den holografischen Tafeln. Letztere dienen natürlich dazu, den Zuschauern grafisch alles und nichts zu erklären. Sie sind typische Tony Scott-Versionen der legendären Monty Python-Maschine mit dem Ping - teuer, sieht gut aus, tut was, erfüllt aber keinen Zweck. Scotts Vorliebe für moderne Kommunikationsformen und Informationsvisualisierungen ist bekannt. Zu seiner Verteidigung könnte man anführen, dass er sie dafür benutzt, die für Hollywood so typischen Erklärungen der Handlung so effektiv wie möglich zu raffen. Dramaturgisch wirken sie dennoch mitunter lächerlich.

Tony Scotts Version von Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3 hat ihre Stärken dort, wo man sie angesichts des üblichen visuellen Overkills kaum mehr vermutet - in der Handlung selbst und vor allem in seinen Darstellern:

Aus dem scheinbar normalen Alltag im Kontrollzentrum des New Yorker Bahnsystems wird schnell ein Albtraum, wenn mehrere düstere Gestalten (u. a. Luis Guzmán) in die Wagen eines Zuges der Pelham-Linie steigen. Am höchsten Punkt zwischen zwei Stationen, so dass sie tief in die Tunnel hinunter blicken können, zwingen sie den Fahrer zum Halt, koppeln einen Wagen ab und zwingen die Fahrgäste sich vor die Fenster zu stellen. Im Kontrollzentrum begibt sich der umsichtige Zachary Garber (Denzel Washington) gerade mal wieder in den Clinch mit seinem Vorgesetzten, als er sich plötzlich einer Krisensituation gegenüber sieht. Er ruft bei der Pelham 1 2 3 an, um sie zur Weiterfahrt aufzufordern. Doch statt des Fahrers meldet sich der Kopf der skrupellosen Entführer, Ryder (John Travolta). Er stellt Forderungen, nämlich $10 Mio. innerhalb einer Stunde. Für jede Minute Überschreitung des Ultimatums stirbt eine Geisel, zum Zeichen seiner Ernsthaftigkeit gleich der Erste.

Später, als der Verhandlungsspezialist der Polizei Camonetti (John Turturro) übernehmen will, wird auch der Fahrer erschossen. Nur mit dem zunächst verdatterten Garber spricht Ryder, denn er sieht in ihm einen Geistesverwandten, was sich zunächst niemand erklären kann. Aus dem lähmenden Schock wird erst hektische Betriebsamkeit und Nerven aufreibende Spannung. Auch der gewichtige Bürgermeister (James Gandolfini) und sein Assistent wohnen den Verhandlungen bei. Während man sich nach längerer Diskussion auf die Beschaffung des Geldes geeinigt hat, haben in den Tunnels Scharfschützen und vor dem Gebäude die Presse Stellung bezogen.

Für Ryder und seine Männer scheint es keinen Ausweg zu geben. Garber hat sich bei den Verhandlungen um das Geheimnis seiner Degradierung geredet. Und der Bürgermeister hat die Auswirkungen dieser "Affäre" auf den Glanz seines bevorstehenden Abgangs als Herr über diese Stadt ausgelotet. Dennoch ist jedem der städtischen Beteiligten unwohl. Irgendetwas an dieser Entführung stimmt nicht...

Eigentlich gibt es nur eine große Actionsequenz, mit der Tony Scott die sommerliche Lust am Event bedient. Der unter Zeitdruck stehende Geldtransport samt Eskorte wird mangels besserer Abschirmung in mehrere Unfälle verwickelt und offen dem Spektakel einer überdimensionierten Destruktion geopfert. Ansonsten verweigert sich der Regisseur der üblichen totalen Ausnutzung der pyrotechnischen Möglichkeiten. Selbst die Irrfahrt der führerlosen Pelham 1 2 3 bis zu ihrer Endhaltestelle in Coney Island verläuft und endet für Event-Verhältnisse unspektakulär. Im Original bildete diese Fahrt noch einen lang gezogenen dramatischen Höhepunkt.

Als wäre er in Eile, klappert Scott Stationen der Handlung und die damit verbundenen Genrekonventionen ab. Ganz offensichtlich liegt ihm nicht viel an ihnen, auch wenn er dadurch den knapp 106 Minuten eine erstaunliche Dichte und ein gehöriges Tempo verleiht. Scott handelt die Elemente des Psychothrillers eher beiläufig ab, ohne freilich schlampig zu arbeiten. Sein wahres Interesse gilt den Figuren, denen er schon bei ihren dramaturgischen Einführungen breiten Raum gönnt. Dabei kommt ihm zupass, dass sich sein erklärter Lieblingsschauspieler Denzel Washington bestens mit Hollywood-Ikone John Travolta versteht, sich Turturro ohnehin als Teamspieler sieht und "Sopranos"-Star Gandolfini als bulliger Machtmensch quasi ein Solo hinlegt. Auch wenn sie nur wenige echte gemeinsame Szenen haben ist das Duell der beiden Stars um einiges faszinierender als das legendäre Duell zwischen Al Pacino und Robert De Niro in Heat. Das liegt natürlich auch an den Dialogen, in die Helgeland alles wirft, was ihm an Kompetenz zur Verfügung steht. In den Händen zweier so großartiger Darsteller wird daraus etwas Geniales! Man spürt förmlich ihre Lust am Spiel. Travolta, der mit Tattoo und messerscharfem Schnauzer ein wenig an sein skrupelloses Mastermind aus Passwort: Swordfish (2001) erinnert, sprüht förmlich vor Eifer, weil er nicht aufhören kann, die Tiefen seiner Ryder-Figur zu erkunden. Sein Charakter hat nichts mit der Eindimensionalität seines gierigen Gabriel oder des fiesen Airforce-Offiziers Deakins in Operation: Broken Arrow (1995) zu tun.

Helgeland und Scott erzählen in den Charakteren eigene Geschichten. Darin beschreiben sie das Leben und Streben in New York - nach Macht, Geld, Glück und Sicherheit. Vor allem aber Kontrolle. Der Bürgermeister erweist sich als Meister der Macht und der Kontrolle derselben. Sein indirekter Gegenspieler Ryder hat aus einem Fehler in der Vergangenheit gelernt und kostet nun seine Macht in dem undurchsichtigen Spiel aus. Verhandlungsexperte Camonetti muss zunächst ohnmächtig zusehen, um die Geiseln nicht zu gefährden. Im Hintergrund arbeitet er aber fieberhaft daran, die Kontrolle zu erlangen.

Und Garber? Denzel Washington spielt den Bürokraten Garber vordergründig als gemütlichen Beamten mit leichtem Bauchansatz und wärmender Wollweste. Doch der leicht zu unterschätzende Garber erweist sich allein durch sein Verhandlungsgeschick als weitaus smarter. Immerhin stand er zuvor in leitender Position und wurde wegen eines Korruptionsverdachtes zum Dienst in der Leitzentrale verdonnert. Garber kämpft also darum, nicht nur die Kontrolle über sein Leben wieder zu erlangen, er kämpft auch gegen seine arroganten und intriganten Vorgesetzten, für seine Rehabilitierung und das Leben der Geiseln.

Autor Brian Helgeland benutzt, wie Russell Gewirtz und Menno Meyjes für Spike Lees Inside Man (2006, auch mit Denzel Washington), das Thrillergenre als Vehikel für eine faszinierende Erörterung gesellschaftspolitischer Zustände. All die amerikanischen Krisenherde der letzten Jahre klingen an, wenn klar wird, was der eigentliche Plan der U-Bahnentführer ist. Hier zeigen sich die Brillanz des Skriptes und die Virtuosität seiner Umsetzung.

Allerdings macht das alles Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3 noch nicht zu einem politischen Film. Tony Scott hat es wie sein Bruder bisher noch immer verstanden, den Nerv des Publikums und des Zeitgeschmacks zu treffen. Immerhin machte er aus Staatsfeind Nr.1 ein mitreißendes Plädoyer für Huxleys "Schöne Neue Welt", wenn er begeistert von der Notwendigkeit der totalen Überwachung schwärmt. Die Zwischentöne von Pelham 1 2 3 sind von ihm und seinem Team ebenso wohl wie berechnend gesetzt, um den Zuschauern, die etwas mehr erleben wollen als nur den üblichen Actionthrill, die Gelegenheit zu geben, smarte Metaebenen zu erkunden, ohne von einer klaren politischen Aussage vergrault zu werden. Ansonsten dürfen sich alle am grandiosen Spiel der Topstars ergötzen.

Der 2000 verstorbene Walter Matthau hätte sich diebisch gefreut über dieses Remake, das man ausnahmsweise als gelungen bezeichnen kann. Insgeheim schafft es Scott nämlich, eine ganz andere Geschichte zu erzählen. Vor allem über seinen Nachfolger Denzel Washington in der Rolle des Zachary Garber hätte er sich gefreut. Ein wenig neidisch wäre er wohl auch gewesen, denn so viel Ambivalenz hatte seine zerknitterte Figur (Gesicht und Hemd) nicht. Er durfte damals nur ein Gutmensch sein, der sich zum Helden aufschwingt. Washington darf die ganze Skala menschlicher Schwächen und Stärken rauf- und runterspielen. Manchmal werden Dinge doch besser als sie früher waren.



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