Im Mai 2009 jährt sich zum zwanzigsten Mal der Todestag des Enfant terribles der deutschen Nachkriegs-Kabarettszene, Wolfgang Neuss. Drei Tage vor seinem Tod zitiert Neuss Rüdiger Daniel in seine Wohnung und hinterlässt ihm seine letzten Gedanken. Zusammen mit Ausschnitten aus Bühnenauftritten, Kinofilmen und TV-Shows skizziert diese Dokumentation ein unvollkommenes, aber allemal sehenswertes, buntes Potpourri, das nicht nur unvergleichliche Momente aus Neuss' Leben aufzeigt, sondern auch eine prächtige kleine Geschichtsstunde darstellt.
Rebell, Clown, Kabarettist, Anarcho und Spielverderber: Wolfgang Neuss (1923 - 1989) war ebenso Filmstar, Querulant oder einfach nur Spaßvogel. Oft aber, trotz Stachel im Fleisch der bürgerlichen Gesellschaft und der Mächtigen, fand er wegen seiner Authentizität sogar Anerkennung bei manch einem, den er harsch anging. Unvergessen und bis heute absoluter Kult sein TV-Rededuell 1983 mit dem späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker in der Talkshow Leute.
Dass aus Neuss der spätere Nonkonformist werden würde, als den ihn alle in Erinnerung behalten haben, fiel schon früh auf: Nach einer Lehre als Schlachter in Breslau zieht es ihn im Alter von 15 Jahren nach Berlin - dort hat er sich vorgenommen, eine Laufbahn als Clown zu starten. Aber noch ist es nicht seine Zeit und der jugendliche Neuss landet in einer Verwahranstalt für Minderjährige, um wenig später als Soldat an die Ostfront geschickt zu werden. In seinem Vermächtnis, das sich hier offenbart, behauptet er, "es wäre ihm zu langweilig gewesen", woraufhin er sich freiwillig an die Ostfront meldete.
Nachdem er mehrfach verwundet wird, schießt sich Neuss selbst den Zeigefinger der linken Hand ab, um einem Einsatz als MG-Schütze zu entgehen. Nach dem Krieg folgen seine ersten ernstzunehmenden Versuche als Komödiant: Mit Wolfgang Müller tritt er ab 1949 zuerst in Berlin als Die zwei Wolfgangs auf. Und ab 1952 stehen beide gemeinsam mit Den Stachelschweinen auf der Bühne. Aber schon damals ist Neuss gleichermaßen als Solokünstler erfolgreich: Legendär sein Auftritt als Der Mann mit der Pauke im Kabarett Die Bonbonniere.
Es gibt kaum etwas, was Neuss danach nicht macht. Sogar zum Kinohelden avanciert er; dreht insgesamt 54 Filme. Und spielt gemeinsam mit dem großen Curd Jürgens in Des Teufels General. Sein bekanntester Film aber ist Wir Kellerkinder aus dem Jahre 1960: Die Geschichte eines HJ-Trommlers, der in seinem Keller zuerst einen Kommunisten vor den Nazis und später seinen Vater vor der Entnazifizierung versteckt. 1974 dreht er seinen letzten Film. Allmählich still wird es dann in der Folge um Wolfgang Neuss. Den Mann, den die Bild-Zeitung einstmals als Vaterlandsverräter bezeichnete, nachdem er 1962 mittels einer Werbeannonce in der Zeitung dem Publikum den Mörder im Durbridge-Krimi Das Halstuch verriet; kurz bevor der Film im Fernsehen gesendet wurde. Und das - so heißt es - nur um mehr Menschen in seinen eigenen Kinofilm Genosse Münchhausen zu locken.
All das und noch viel mehr, sowie die Facetten dieser mannigfaltigen Persönlichkeit, inklusive seines exzessiven Cannabiskonsums, versucht der Film Das Neuss Testament wiederzugeben. Und scheitert bereits an dem Grundlegenden: Wolfgang Neuss in irgendeiner Form vollkommen erfassen zu können. Es ist aber ein ehrenvolles Scheitern auf hohem Niveau. Letzten Endes kann ein Film über Neuss nicht mehr sein, als liebevoll zusammengesetzte Splitter seines bunten kaleidoskopartigen Lebens. Wolfgang Neuss, der Paradiesvogel, der sich Zeitlebens neu erfand; vom Bühnenkomödianten zum Filmstar, zum linken Aktivisten in der Zeit der 68er Revolten, bis hin zum Haschpropheten: Auf deutschem Boden darf nie wieder der Joint ausgehen, Richie!, begrüßte er, fast zahnlos und mit langen Haaren, Weizsäcker vor laufender Kamera.
Das Neuss Testament ist Wolfgang Neuss' Vermächtnis, für das er kurz vor seinem Tod am 2. Mai 1989 Filmemacher Rüdiger Daniel zu sich zitierte. Er wollte sprechen, und so entstand dieses Selbstportrait. Zu seinem 20. Todestag findet es nun den Weg in die Kinos. Neuss erzählt darin nicht nur aus seinem aberwitzigen und eigentümlich schillernden Leben (mehr berüchtigt als berühmt), er ist gewissermaßen selbst ein fleischgewordenes Zeitmonument. Ein Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte mit vielen Höhen und Tiefen; und all jenes, das die junge Republik erduldete, schien sich gleichermaßen über die Jahrzehnte hinweg in Neuss' Gesicht einzufurchen. Meine Zeit ist gekommen, wenn die Welt wieder so zum Lachen ist, dass es sich lohnt, dritte Zähne anzuschaffen.
In seinen letzten Momenten spricht Neuss als vom Leben und schwerer Krankheit gezeichneter Mensch, wie durch die Zeitlinse der Vergangenheit zum Kinogast. Den Jüngeren vermag er kaum Assoziationen zu wecken; doch diesen, insofern politisch und zeitgeschichtlich interessiert, kann der Film anderes bieten. Vor allen Dingen bewusst machen, welche aktive politische Stimmung und kritischer Zeitgeist im Nachkriegsdeutschland der 1960er Jahre herrschte. Und auf welch hohem Niveau politisches Kabarett als alltägliche Bühnenkultur zelebriert wurde.
Heutzutage dominieren hingegen flache Comedians die "Kulturszene", deren Einfallsreichtum und Wortwitz kaum mehr als müder Abgesang sind. Neuss und Konsorten gehörten da einem anderen Kaliber an. Ein wenig von diesem Spirit könnte der heutigen Landschaft gut zu Gesichte stehen und sie vielleicht etwas (wieder)beleben. Wie lautete doch Neuss' Zitat zu seiner eigenen Beerdigung: Wir haben gar keine Chance nicht zu leben. Wir leben immer, immer, immer...