Viele Menschen mussten schon die Erfahrung machen, dass sie von einem Ex-Partner nicht in Frieden gelassen wurden. Ob Promi oder Normalsterblicher: Niemand möchte auf Schritt und Tritt verfolgt und belästigt werden. Stalker leben in einer eigenen Welt, hören nur das, was sie hören wollen und interpretieren sogar Zurückweisung als Aufforderung offensiver zu werden. Bei Obsessed wird ein afroamerikanischer Manager mit Familie Opfer einer besessenen jungen Frau, die in ihrer krankhaften Liebe nicht von ihm ablassen kann. Interessanter Ansatz, aber langweilig und ohne Intensität umgesetzt, sowie lustlos geschauspielert.
Obsessed variiert das Stalker-Motiv, um mehr (gesellschaftliche) Brisanz hineinzubringen und aus dem stereotypen Klischee, "Mann-stalkt-Frau", auszubrechen. Üblicherweise finden sich in solchen Filmen weiße, begehrenswerte und erfolgreiche Frauen, die von einem absonderlichen Psycho verfolgt werden. Als Variation trifft man nun auf eine afroamerikanische Vorzeigefamilie der gehobenen Mittelschicht: zwei Erwachsene, ein niedliches Baby. Derek (Idris Elba) ist erfolgreicher Fondmanager. Eines Tages springt für seinen erkrankten Assistenten (der Schwul ist, was seine Frau Sharon (Beyoncé Knowles) sehr begrüßt, da Derek in der Vergangenheit Schwierigkeiten hatte, sich bei hübschen Assistentinnen zurückzuhalten) eine Aushilfe ein: Die attraktive Lisa (Ali Larter).
Auffällig schnell entwickelt die Neue im Team ein ausgesprochenes Interesse an Derek: schnüffelt in seinen Unterlagen und seinem Privatleben herum und kaschiert ihr plötzliches Wissen damit, dass sie einfach ihren Job gut machen will und dazu möglichst viele Informationen über ihren Chef benötigt. Derek ist von der fürsorglichen Aufmerksamkeit seiner Aushilfssekretärin zunächst angetan, flirtet sogar mit ihr - allerdings ohne Hintergedanken. In Wahrheit ist er sogar froh, als sein Assistent genesen und zurück in der Firma ist. Doch Lisa hat ihren Aushilfsvertrag verlängert und denkt gar nicht daran von Derek abzulassen.
Dieser ist natürlich vollendeter Gentleman und macht anfangs nicht viel Wind darum. Als er eines Tages Lisa heulend vorfindet, laut ihrer Aussage ist sie just von ihrem Freund verlassen worden, tröstet er sie sogar; sagt ihr, wie hübsch und begehrenswert sie ist und dass sie viele Männer haben kann. Wenn er nicht verheiratet wäre, könnte er theoretisch auch interessiert sein. Die liebgemeinte Therapiestunde geht aber nach hinten los: Lisa interpretiert das Egotätscheln als Aufforderung sich richtig ins Zeug zu legen, um die Mitbewerberin Sharon auszustechen. Wenn Dereks Ehe in die Brüche ginge, wäre der Weg für ein gemeinsames Glück frei, stellt sie sich vor.
In den USA war Obsessed mehr als erfolgreich: spielte am ersten Wochenende bereits mehr als die Produktionskosten ein. Scheinbar trifft das Thema genau den Nerv der amerikanischen Gesellschaft. Der Bonus, dass eine afroamerikanische Familie Opfer ist, spielte womöglich auch eine Rolle; endlich sind die Weißen die Bösen und es darf offen thematisiert werden. Yes we can (nein, das soll kein Witz sein, aber die plumpe Umkehr alter Motive ist auch nicht besonders originell). Zu Beginn ist das alles sogar halbwegs sehenswert: Das langsame Eindringen der besessenen Frau in die Welt ihres Opfers und das sich, über den zahmen Büroflirt hinaus, weiter Hineinsteigern: E-Mail-Bombardements, Auflauern, eindeutige Angebote; nach und nach entfaltet die Stalkerin das volle Arsenal ihrer Obsession.
Die aus der TV-Serie Heroes bekannte Ali Larter gibt sich redlich Mühe die verschrobene Realität eines Stalkers dem Zuschauer zugänglich zu machen: Wie selbst massive Zurückweisung als Einladung fortzufahren verstanden wird oder, wenn der Stalker nicht ans Ziel gelangen kann, er seinen Hass auf den Partner des Begehrten fokussiert und versucht, diesen aus dem Weg zu räumen, im Glauben dann mit seinem Objekt der Begierde zusammen sein zu können.
Leider aber ist mit der Erwähnung dieser Bemühung auch alles gesagt, was der Idee und ihrer Umsetzung zugute gehalten werden kann. Obsessed entwickelt ansonsten kaum Atmosphäre oder eine packende Stimmung. Der ganze Plot wirkt unplausibel. Die Unfähigkeit, eines angesehen Managers mit reichlich Rückhalt in der Firma, sich der Sex-Attacken der Bürogehilfin erwähren zu können, überzeugen nicht. Als Kniff wurde zwar seine amouröse Vorgeschichte in die Story eingeflochten, aber dennoch ist das alles wenig schlüssig zusammengehäkelt.
Schauspielerisch erhebt sich das Laientheater kaum merklich über das Niveau einer gehobenen Schulaufführung. Und was Beyoncé Knowles in diesem Streifen verloren hat, kann ohnehin keiner Verstehen. Nicht, dass es sich bei ihr um eine dermaßen talentierte Schauspielerin handeln würde, dass sie eine bessere Bühne verdiente; sie steuert nun gar nichts bei - trällert nicht einmal einen Song zum Soundtrack. Einzig erwähnenswert der Showdown, der zu einem unfreiwillig komischen "Catfight" ausartet (nein, auch das soll nicht witzig sein, schließlich behandelt der Film ein ernstes Thema, aber wenn das Finale völlig unpassend an Der Rosenkrieg erinnert, bleibt eben nur, grinsender Weise, ein Kopfschütteln). Was in den USA wunderbar funktionierte, ist hierzulande der großen Leinwand nicht würdig. Wer den Film trotzdem sehen möchte, kann gut und gerne auch auf den DVD-Release warten.