Trotz einer namhaften Besetzung um Peter Sarsgaard und Vera Varmiga heißt der Star des Filmes Isabelle Fuhrman. Mit einer beeindruckenden Intensität spielt sie die Rolle der durchtriebenen Esther und darf vor allem gegen Ende zu Höchstform auflaufen. Der Film weiß ebenfalls durch sein gutes Drehbuch, wie auch durch seine beklemmende Inszenierung zu überzeugen und ist einer der besten Genrehorrorfilme der letzten Jahre.
Kinder, wer mag sie nicht? Diese liebevollen kleinen Wesen, die noch keiner Fliege was zu Leide tun können. Doch Jahr für Jahr kommen böse Filmemacher auf die Idee, sie als Killer zu deklarieren. Sie sind aus dem Horrorfilmgenre kaum noch wegzudenken und gerade das diesjährige Fantasy Filmfest war voll von Filmen dieser Nische. Ob nun der Fötus in Grace, eine Art Virus in Tom Shanklands Genrehighlight The Children, der im Cloverfield-Stil gedrehte Home Movie oder der auf wahren Begebenheiten beruhende Film Blood Brothers: Sie alle könnten die gleiche Tagline wie Orphan - Das Waisenkind besitzen: There is something wrong with Esther.
Kate Coleman hat den Verlust ihres ungeborenen Kindes noch nicht weggesteckt und ist seit ihrer Fehlgeburt von Albträumen geplagt. Um die Tragödie besser verarbeiten zu können, beschließt sie gemeinsam mit ihrem Mann John und ihren beiden Kindern ein Waisenkind zu adoptieren. Schnell fällt dabei die Wahl auf die elfjährige Esther, die zwar etwas verschroben erscheint, sich aber als extrem kunstfertig und lernwillig herausstellt. Es scheint die perfekte Familienidylle zu werden, doch so nach und nach geschehen in Esthers Umfeld merkwürdige Unfälle.
Mit Orphan - Das Waisenkind liefern Alex Mace und David Johnson ihr Drehbuchdebüt ab. Wie man schon an der Storyline erkennen kann, bleiben sie dabei den Genrekonventionen treu und erfinden das Rad sicherlich nicht neu. Dennoch gelang ihnen ein gut aufgebautes, in sich stimmiges Szenario, bei dem die Charaktere überraschend nachvollziehbar handeln. Damit hebt sich das Script deutlich von den Genrekollegen ab und bietet trotz des Bekannten Musters in der Auflösung etwas Neues, mit dem sich sicherlich nicht jeder Zuschauer anfreunden wird.
Inszenatorisch konnte Regisseur Jaume Collet-Serra bislang nicht wirklich überzeugen, hat er bisher nur Erfahrung durch das lahme Horrorremake House of Wax und den allseits verrissenen Goal II: Living the Dream sammeln können. Doch hier macht der Spanier alles richtig! Er schuf eine beklemmende Atmosphäre, die neben der guten Drehbuchvorlage auch der Ausstattung und der Musikuntermalung zu verdanken ist. So ist der Grundton zu jedem Zeitpunkt pessimistisch und düster gewählt und lässt dabei zur Intensität jegliche Humoreinschübe vermissen.
Orphan - Das Waisenkind würde jedoch nur halb so gut funktionieren, wäre die elfjährige Isabelle Fuhrman nicht in der titelgebenden Rolle der Esther zu sehen gewesen. Fuhrmans Leistung ist, bedenkt man ihr Alter, nahezu phänomenal, trifft sie doch zu jeder Sekunde den richtigen Ton. Ob zu Beginn als lieber Engel, der nach und nach immer unsicherer wird oder nach der tollen Auflösung, in der sie ganz groß aufspielen darf: Ihre Darbietung ist schlichtweg beeindruckend. Somit stellt sie ohne Probleme ihre erwachsenen Kollegen in den Schatten, bei denen vor allem Vera Farmiga als depressive und möglicherweise paranoide Mutter einige wirklich gute Szenen auf ihrer Seite hat.
Auch wenn der Aufbau sich entlang der Genrekonventionen bewegt und man im Voraus denkt, einen üblichen Kinderhorrorfilm von der Stange vorgesetzt zu bekommen: Man irrt! Dank der überzeugenden und logiklückenstopfenden Auflösung, sowie der spannenden und beklemmenden Inszenierung und dem hervorragenden Spiel der Hauptdarstellerin hebt sich Orphan - Das Waisenkind ohne Probleme von seinen Genrekollegen ab und zählt neben The Children wohl zu den besten Vertretern des Kinderhorrors in den letzten Jahren.