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Die Klavierspielerin

(La Pianiste, 2001)

Dt.Start: 11. Oktober 2001 Premiere: 14. Mai 2001 (Cannes Film Festival, Frankreich)
FSK: ab 16 Genre: Drama
Länge: 130 min Land: Österreich, Frankreich
Darsteller: Isabelle Huppert (Erika Kohut), Benoit Magimel (Walter Klemmer), Annie Girardot (Mutter), Anna Sigalevitch (Anna Schober), Susanne Lothar (Frau Schober), Udo Samel (Dr. Blonskij), Cornelia Köndgen (Frau Blonskij), Rudolf Melichar (Direktor), Philipp Heiss (Naprwnik), Thomas Weinhappel (Bariton), Gabriele Schuchter (Margot)
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke


Inhalt

Die am Wiener Konservatorium unterrichtende kühle und abweisende Professorin Erika Kohut lebt und leidet unter ihrer Mutter, die ihrer bereits in den Mittvierzigern stehenden Tochter keinerlei Freiheiten zugestattet. Als Walter Klemmer, ein junger, sportlicher Mann, begeistert von ihr und ihrer Spielkunst, in ihr Leben bricht und bei ihr Unterricht nimmt und sich anfänglich beide ineinander verlieben, offeriert sie ihm ihre sadomasochistischen Neigungen und krankhaftes Doppelleben. Voller Abscheu versucht sich Walter von ihr zu distanzieren, aber Erika Kohut ist nun dermaßen besessen von ihm, dass sie alles tut, um ihn zu gewinnen.
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Kritik

Die Klavierspielerin hat eine Wertung von 83%

Basierend auf dem 1983 erschienen, skandalösen gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek inszenierte der in München geborene und in Österreich ansässige Regisseur Michael Haneke, der sich besonders durch Werke wie Funny Games und vor allem Benny's Video einen in meinen Augen sehr zweifelhaften Ruf als Moralapostel des Kinos und engagierter Kämpfer gegen die überall drohende Gewaltverherrlichung "erarbeitete", im Jahre 2001 den Film Die Klavierspielerin, welcher bei den Filmfestspielen von Cannes in diesem Jahr seine Premiere hatte und gleichermaßen umjubelt wie ausgebuht wurde - wie es für Hanekes Arbeiten eigentlich fast immer typisch ist. Die Jury jedenfalls zeigte sich stark beeindruckt und ehrte den Film mit den Auszeichnungen "Großer Preis der Jury", "Beste Darstellerin Isabelle Huppert" und "Bester Darsteller Benoit Magimel" und - um es gleich vorweg zu nehmen - mit Die Klavierspielerin ist Michael Haneke weitestgehend Erstaunliches gelungen! Dies kann ich allerdings nur in Bezug auf den Film als eigenständiges und unabhängiges Werk sagen, da ich das Buch nicht gelesen habe.

Wie bereits in der Inhaltsangabe beschrieben kreist das Werk um die Figur der Erika Kohut, die ein Leben führt, dessen sie niemand beneiden würde: Obwohl sie eine längst erwachsene Frau ist, eine hochangesehene Künstlerin und erfolgreiche Professorin am Wiener Konservatorium, wird sie von ihrer Mutter tyrannisiert. Bereits in der ersten Szene und mit den ersten Kameraeinstellungen wird dieser Ausgangskonflikt deutlich: Erika betritt die gemeinsame Wohnung und sieht sich ihrer Mutter gegenüber, die sich - voll der Entrüstung über ihren Verbleib - danach erkundigt, wo sie denn die letzten drei Stunden gewesen sei. Bei diesem peinlichen Verhör schreckt die ältere Dame auch nicht vor der rücksichtslosen Visite Erikas Handtasche zurück und bereits dieses für den Zuschauer erste Aufeinandertreffen gipfelt in einer kleineren Handgreiflichkeit. Erikas Mutter rechtfertigt die andauernde Beschattung und die häufigen Anrufe bei den entsprechenden Aufenthaltsorten ihrer Tochter damit, dass Erika Kohut doch in ihrem Alter eigentlich wissen müsse, was das Beste für sie ist und verstrickt sich schon hier in Widersprüchen.

Die Tochter sucht ihr Heil in der Flucht aus der Unterdrückung ihrer Emotionswelt in die absolute Radikalität: Sie besucht Pornokinos, fügt sich absichtlich Schmerzen zu und scheint im Selbsthass gar eine vordergründige Erfüllung zu entdecken, welche aber selbigen nur noch steigert, wobei selbst mit der Beziehung mit ihrer Mutter ein zwanghaftes, selbst aufgebürdetes(!) Leiden einhergeht, da Erika ohne sie nicht existenzfähig zu sein scheint und die Mutter wiederum nicht ohne Erika. Nur mit dem vielleicht etwas aufdringlichen Begriff "sadomasochistischer Einklang" lässt sich verdeutlichen, warum beide nicht längst voreinander das Weite gesucht haben. Erst als der junge und recht respektlose Walter Klemmer in ihr Leben platzt und ihr deutlich macht, wie sehr er sie - unwissend von ihren sexuellen Neigungen - bewundert, scheint sich aus Erikas ganz persönlichem Höllenkreis ein Weg zu bahnen, den zu beschreiten es allerdings schon zu spät zu sein scheint.

Es ist die große französische Charakterdarstellerin Isabelle Huppert, die dem personifizierten und dennoch unterdrückten Leiden namens Professor Erika Kohut ein Gesicht gibt. Auch wenn es einmal mehr albern klingen mag: Isabelle Huppert spielt nicht Erika Kohut, Isabelle Huppert lebt diese Rolle! Das Besondere an ihrer Darstellung ist der - übrigens auch von Haneke großartig inszenierte - Kontrast zwischen Professor Kohut und der Frau Erika. Während Huppert als Professor Kohut eine resolute, kalte, unnahbare, vollkommen abweisende und überaus virtuose Pianolehrerin abgibt, die ihre Schüler mehr foltert, denn unterrichtet, so ist sie selber als Erika wiederum die Gefolterte, die Unsichere, die Zerbrechliche, die verkörperte Abscheu vor sich selber: Die Französin meistert beide Charakterzüge mit einer Bravour, dass es mir tatsächlich die Sprache raubte. Die ganze Kunst in der Darstellung des zweiten Charakterzuges zeigt sich für mich in einer Szene, in der Erika neben ihrer Mutter auf ihrem Bett liegt und Walter gerade schriftlich im Nebenraum ihre perversen Fantasien von Folterungen und Masochismus unterbreitet hat. In dieser Szene bricht auf einmal ihre Fassade gegenüber ihrer Mutter auseinander und die Emotion bricht aus Professor Kohut und aus Erika heraus. Schlichtweg meisterhaft, wie Huppert dies darstellt.

Aber auch in den restlichen Szenen des zweiten Charakterzuges, die Erikas gesamten Wahnsinn und ihre immer wieder zurückgehaltene Flucht aus sich selber heraus, überaus schmerzhaft und eindringlich, fast schon strapaziös für den Zuschauer verdeutlichen, glänzt die Hanekes Hauptdarstellerin. An dieser Stelle sollte eventuell auch einmal Erwähnung finden, dass Die Klavierspielerin weiß Gott nichts für sanfte Gemüter ist und dass er spätestens in der Szene, in der sich Erika im Bad mit einer Rasierklinge ihr Geschlechtsteil verstümmelt, für viele kaum mehr erträglich sein dürfte. Aber - und das unterscheidet für mich Die Klavierspielerin von den anderen Werken Hanekes - ist hier die teils doch extreme Gewaltdarstellung nötig und angebracht, um das endlose Seelenleiden Kohuts adäquat für den Zuschauer zugänglich zu machen. Noch klarer und unverzerrter wird des Zuschauers Bild von Erika, wenn Walter auftritt, welcher von Benoit Magimel ebenso erfrischend, wie überzeugend verzweifelnd interpretiert wird. Die anfänglich aufdringliche Liebe Walters zu seiner Lehrerin ändert sich ab dem Moment, in dem Erika ihm einen Brief vorlegt, in dem sie ihn dazu auffordert, an ihr sadistische Akte zu vollziehen. Hier bekommt die ansonsten starke und erfreulicher- und für mich gar ein weniger überraschenderweise antiplakative Inszenierung Michael Hanekes ihren einzigen leichten Knick und droht ins leicht Lächerliche und Übertriebene abzudriften.

Glücklicherweise fängt sich Haneke aber sehr schnell wieder und setzt dann geschickt auf die Abscheu Walters gegenüber Erikas masochistischen Neigungen, womit er dann auch unweigerlich und in angreifenden, schonungslos expliziten Bildern das subversive Finale einläutet. Ein Finale, das für mich am ehesten mit den Leidenswegen der weiblichen Charaktere in den Filmen Lars von Triers zu vergleichen ist, jedoch ohne das für von Trier charakteristische, erlösende Moment am Ende allen Leidens. Viel mehr zeichnet Michael Haneke das Portrait einer augenscheinlich starken aber letztlich schwachen Frau, die für den Versuch des Aufbauens einer Stärke - nämlich dem des nicht respektierten Ausbruchversuches aus ihrem Zyklus, dargestellt durch die Beanspruchung sexueller Abartigkeiten in den Augen ihres Umfeldes - schließlich mit ihrem Leben bezahlen muss. Und auf diesem Wege interpretiert hat von Triers Bess mit Hanekes Erika eines gemein: Beide sind Symbole der Hochachtung ihrer Regisseure gegenüber Frauen wie ihnen. Ich bin kein Freund der bisherigen Filme Michael Hanekes - im Gegenteil. Aber Die Klavierspielerin hat mich stark beeindruckt und er ist es wert, gesehen zu werden und darüber nachzudenken!

von Janis El-Bira


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