Französisches Bäumchen-Wechsel-Dich: wer mit wem, für wie lange und wieso? Die Frage nach dem Grund, dem Weshalb und Warum Menschen zusammenbleiben und eine Beziehung (weiter)führen, obwohl ihre Wünsche und Sehnsüchte in eine andere Richtung gehen, stellt sich am Ende. Ob das Ganze aber mehr mit dem lachenden oder weinenden Auge betrachtet werden will, muss jeder für sich selber entscheiden. Affären à la Carte gehört zu der Gattung Film, die rundherum bezaubern könnte, wenn diese bunte zuckersüße Mischung zusammengekocht, nicht einen bitteren Brei ergeben würde.
Affären à la Carte bewegt sich in einem merkwürdigen Raum zwischen Sitcom und Woody Allen-Tragikomödie. Ganz sicher kann man sich dabei nicht sein. Einmal im Jahr treffen sich einige Freunde zu einem gemeinsamen Dinner. Es ist ein Durcheinander aus Pärchen und Singels; doch auch bei den Pärchen hat man nicht immer das Gefühl, dass dies (noch) lange gut gehen wird. Manche scheinen so gar nicht zusammen zu passen, andere stehen bereits vor der Trennung; viele haben schon seit einiger Zeit Affären - zum Teil mit anderen Dinner-Teilnehmern. Wirklich durchblicken muss man das aber nicht.
Zu schnell der Takt des Films, der von Anfang bis Ende mit einer enervierend beschwingt-fröhlichen Musik unterlegt ist, und obendrein ansatzlos zwischen zwei Zeitebenen hin- und her springt. Einerseits befindet man sich mit dieser amouresken Tafelrunde am Tisch, kopfschüttelnd über manch Schmierenkomödie, die zwischen den "Freunden" abläuft, andererseits findet man sich unvermittelt ein Jahr später wieder: Das nächste Dinner steht unmittelbar bevor, inzwischen hat sich aber einiges verändert. Schicksalsschläge sind nicht ausgeblieben: Dass eine Ehe die Zeit zum nächsten Dinner nicht überstanden hat, ist noch das kleinste Übel und deutete sich bereits vor einem Jahr an. Die Affäre, welche die Ehe zum endgültigen Scheitern brachte, wird aber ebenfalls nicht glücklich enden. Andere Beziehungen sind hingegen gekittet worden, doch was sie zusammenhält, ist nicht mehr der Grund aus dem sie ursprünglich begonnen wurden: Eine Frau beispielsweise, sitzt inzwischen im Rollstuhl; vor einem Jahr wollte sie noch ihren Mann verlassen, hatte bereits einen Neuen. Nun bleibt sie bei ihrem Mann und ist "glücklicher" denn je - soll man das glauben?
Wenn man sich gut unterhalten lassen will und gar nicht bestrebt ist, hinter verborgene oder gefühlte Botschaften des Films schauen zu wollen, wird dies mit Affären à la Carte gut gelingen. Der Film ist schnell, hat Charme, Esprit und einen fetzigen Rhythmus. Witzige Wendungen, intelligente Dialoge und eine feine satirische Note runden das Ganze zusätzlich ab. Und wenn man will, mag man das Ende sogar positiv sehen und gut gelaunt den Kinosaal verlassen. Aber man muss andererseits kein Misanthrop sein, um das alles in einem anderen Licht zu sehen.
Das Glück dieser Menschen erinnert stets an "geliehene Zeit" oder gar an ausgemachten Selbstbetrug. Schon zu Beginn, kurz vor dem Dinner, scheint es, dass keiner wirklich den Drang verspürt, sich mit den anderen an einen Tisch zu setzen. Gründe für dieses Verhalten hat jeder reichlich. Warum sich dann dennoch alle treffen, enträtselt sich nicht - vermutlich weil's im Drehbuch stand und man unbedingt diesen Film machen wollte. Viel zu hinterfragen findet sich aber generell wenig Zeit; Mitschuld daran, ein überspanntes Frohsinnbombardement.
Wenn es dem Zuschauer zumindest gelingt, im Kopf den Off-Button für die dauerfröhliche Musikuntermalung, die ihre psychedelische Wirkung auf die Zeit nicht verfehlt, zu finden, kann er sich dem Subtext dieses Beziehungsmemorys widmen: Nach außen hin um den heilen Schein bemüht, würfelt sich im Verborgenen alles paarungswillig durcheinander; stets auf der Suche nach dem größeren Glück oder nach dem nächsten Lebensabschnittsgefährten, der wieder verlassen werden kann. Das ist modern - nicht nur in Frankreich.
Und die Botschaft? Mann und Frau passen nicht zueinander und nur Projektionen und Begierden sowie Zwänge und Konventionen sind es, die einerseits das Zusammenkommen forcieren und andererseits ein Zusammenbleiben manchmal regelrecht "erzwingen"? Meint man dem Film auf diesen Grund gekommen zu sein, ist es mit aller Beschwingtheit, dem Charme und dem Amüsement schnell einerlei. Am Ende stehen einige Paare, die noch zusammen sind - aber ob das mal Liebe ist, sei dahingestellt - andere sind nicht mehr zusammen, obwohl sie sich lieben, doch nicht zusammen sein können. Und bei anderen ist der Ausgang ungewiss. Man mag darin das illustre Treiben Amors sehen, man kann aber hinterfragen, was und wie viel der freie Wille eigentlich bei all diesen Beziehungsgeschichten ausmacht? Affären à la Carte vermag zwar zu unterhalten, muss aber nicht zwangsläufig gefallen. Ein Plädoyer für die Liebe ist der Film bestimmt nicht - wagt man etwas hinter den Schein zu schauen.