Selten zuvor lieferte ein Film so gezielt und provokant, ein aberwitziges Potpourri an Trash und abseitiger Komik ab. Love Exposure kennt keine Genrekonventionen, schert sich nicht um Stil und pfeift gellend auf guten Geschmack. Stattdessen bekommt der verdutzte Zuschauer vier Stunden irrwitzig-makabere und exzessiv-bestialische Kulto-Persiflage geliefert. Die Antwort Japans auf 1500 Jahre eigener Kulturgeschichte und die ultimative Abrechung mit einigen Auswüchsen der Moderne. Aber eine Warnung scheint angebracht: Wer hier eintritt, sollte alle Hoffnung auf Rationalität fahren lassen.
Können 237 Minuten kurzweilige Unterhaltung sein? Die Antwort fällt nach der Achterbahnfahrt quer durch sexuelle Perversionen, sakraler Verballhornung, Sektenwahn, Liebe, Kitsch, Martial-Arts-Theater, Tragödie, Oper, Soap und Musikvideo leicht: Regisseur Sion Sono nimmt sich im Grunde die "Wahrheit" vor und dreht den Equilizer der Theatralik und Überzeichnung weit über das Maximum hinaus: Resultat ist eine übersteuerte Orgie des schlechten Geschmacks, die kein Auge trocken lässt. Man sollte also etwas härter im Nehmen sein und abseitige Komik zu schätzen wissen. Doch nebst diesem synaptischen Dauererregungszustand hat der Streifen noch mehr zu bieten: Love Exposure ist ein meisterliches Lehrstück quer durch alle Motive und Darstellungsformen des asiatischen Kinos. Nach dieser besonderen Gehirnwäsche wird man vielleicht endlich wissen, warum Tarantino eigentlich so drauf ist.
Im Mittelpunkt steht die Beziehung von Yu (Takashiro Nishijima), der glaubt die Aufmerksamkeit seines Vaters (Atsuro Watabe), eines christlichen Priesters, nur durch Begehen von Sünden, die er ihm anschließend beichtet, erringen zu können. Aber der stille Ringkampf um Annerkennung und Liebe der beiden bekommt plötzlich neue Facetten: Der Fromme und gestrenge Vater, der nach dem Tod seiner Frau lange Zeit keine andere mehr ansah, verliebt sich ausgerechnet in eine "Schlampe". Und Yu obendrein in deren Tochter Yoko (Hikari Mitsushima), die alle Männer für Schweine hält und ihren neuen Stiefbruder für ein ganz besonders großes und perverses.
Tatsächlich flüchtet sich Yu in eine Welt des Fetisch's: Er lernt bei einem großen Meister die Kunst des Up-Skirt-Fotos: im Vorbeigehen blitzschnell Schulmädchen mit der Kamera unter den Rock zu spinksen und ein Foto vom Höschen zu ergattern. Schnell erringt er darin eine solche Virtuosität, dass er selbst bald als Meister verehrt wird und andere unterrichtet. Währenddessen beginnt seine Stiefschwester eine "platonisch-intime" Beziehung mit einer mysteriösen Dame, die Yuko vor einer Gang gerettet hat. Sie ahnt nicht, dass hinter der Maskerade ihr Stiefbruder Yu steckt. Der findet keine Gelegenheit ihr die Wahrheit zu beichten und seine Liebe zu gestehen. Zu allem Übel streckt eine Sekte ihre Hand nach der Patchworkfamilie aus. Doch Yu wird seine Angebetete nicht kampflos aufgeben.
Der Show-Down wird blutig; soviel sei verraten. Und geschmacklos wird in den Untiefen des Samurai-Trashs gefischt und das irrwitzig mit Elementen der Oper und antiker Tragödien verquirlt - stets begleitet von orchestral-pompöser Musik. Doch bei aller Lobhudelei und Vorschusslorbeeren, ganz ohne ein paar Längen, kommt der Film nicht aus: Insbesondere im zweiten Akt, als sich die aberwitzig-schnelle Persiflage, auf Absonderlichkeiten der japanischen Kultur, zu einem soapigen Familiendrama wandelt, das zwar wunderbare Satire auf diese seichte Unterhaltungsform ist, aber im Vergleich zum ersten Akt wie mit angezogener Handbremse erzählt scheint. Glücklicherweise dauert diese Phase verzeihlich lang, und danach nimmt die Story wieder ihre gewohnte Frequenz und Unabsehbarkeit an.
Besonders der christliche Glaube und die Funktionsweise von Sekten stehen im Mittelpunkt. Überhaupt scheinen jüngst asiatische Independent-Filmemacher von unserer abendländischen Religion fasziniert zu werden. Vor nicht allzu langer Zeit widmete sich der koreanische Film Secret Sunshine bereits ausgiebig diesem Thema. Wenn aber Love Exposure dieses noch einmal mit bizarr-surrealen Attitüden vollauf aufs Korn nimmt und wie eine vierstündige Dauer-Freakshow anmutet, dreht sich für den Regisseur im Wesen der ganze Film um die Liebe und soll nicht als Freakshow verstanden werden:
Der Film wird oft missverstanden. Im Mittelpunkt stehen ein Junge, der fälschlicherweise für einen Freak gehalten wird, und ein Mädchen, das fälschlicherweise annimmt, dass alle Männer Freaks sind. Dabei ist es eine reine Liebesgeschichte. Liebe wird hier nicht zur Schau gestellt ("exposed love"), sondern nur gezeigt ("love exposure"). Hätte der Titel Exposed Love gelautet, stünden die Gefühle, um die es bei der Liebe geht, im Mittelpunkt. Love Exposure dagegen bezeichnet ein Objekt, das Objekt der Liebe. Liebe ist eine Erektion, ein Blick unter den Rock, ein heimlich aufgenommenes Foto, eine Verfolgungsjagd, ein Kampf - die Liebe verändert in diesem Film unentwegt ihre Form. So betrachtet, geht es in dem Film auch um das Thema Unterhaltung, deren äußere Schale er zu durchbrechen und deren Kern er freizulegen versucht. Diesen Worten des Regisseurs bleibt nicht viel hinzuzufügen. Also anschnallen, und auf zu vier Stunden liebestoller, aberwitziger Unterhaltung.