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Eine junge schwangere Frau sitzt, des Mordes beschuldigt, im Gefängnis, darf dort ihr Kind zu Welt bringen und es vier Jahre lang großziehen. Solche Gefängnisse gibt es in vielen Ländern. Sie sollen den Müttern die Chance geben, ihre Kinder zu stillen und eine Bindung zu ihnen aufzubauen. Ein Staat aber, der es Frauen ermöglicht Kinder über Jahre im Gefängnis bei sich zu behalten, muss auch für menschenwürdige Zustände sorgen. Dieser Problematik widmet sich Löwenkäfig im Kern, baut aber die Erzählstruktur so auf, dass die Aufmerksamkeit des Zuschauers fehlgeleitet wird.
Eine junge Frau erwacht in einer Wohnung, sieht sich verstört um, überall Blut, ein schwerverletzter Mann und ein Toter liegen am Boden. Auch die Frau ist verletzt, hat Wunden und Verletzungen, die wie von einem wilden Tier geschlagen aussehen. Ein szenischer Einstieg der gleich packt, atmosphärisch wirkt und Neugier erzeugt. Was ist hier bloß passiert? Ein wenig weckt das Gemetzel Assoziationen mit Paul Schraders Katzenmenschen. Doch weit gefehlt: Löwenkäfig hat nun gar nichts mit einem Horrorfilm zu tun; wenn das schauspielerische Niveau auch mitunter etwas Grauen wecken kann.
Das liegt möglicherweise daran, dass ein Gutteil des Films mit Laienschauspielern realisiert wurde. In diesem speziellen Falle: mit den Insassen und Wärtern eines argentinischen Hochsicherheitsgefängnisses. Das gesamte Set, der Cast und die Crew wurden allesamt hinter Gitter verfrachtet und lebten dort für den Großteil der Produktionszeit. Löwenkäfig ist zum Teil Gefängnisfilm, zum Teil Beziehungsdrama und zum Teil kritische Auseinandersetzung mit dem Rechtssystem und den Zuständen in argentinischen Gefängnissen.
Julia (Martina Gusman), die junge Frau aus dem Gemetzel in Szene eins, ist schwanger und sitzt nun in einem Frauengefängnis. Sie soll die beiden Männer so zugerichtet haben. Sie behauptet, nicht die Täterin, sondern ebenfalls Opfer zu sein. Die anderen Frauen in diesem besonderen Gefängnis sind ebenfalls Mütter und ziehen ihre Kinder bis zum vierten Lebensjahr dort groß. Danach muss das Kind den Verwandten oder der Obhut des Jugendamtes übergeben werden. Wie selbstverständlich solidarisieren sich all diese Frauen in diesem absonderlichen Knast und gehen untereinander mitunter auch Liebesbeziehungen ein. Julia ist nach der Geburt ihres Kindes mit der Situation völlig überfordert. Erst als ihr Sofia (Elli Medeiros), ihre Zellennachbarin, beisteht, beginnt sie allmählich klarzukommen. Die beiden Frauen kommen sich schnell näher, und bald wird daraus viel mehr als Freundschaft.
Während die Handlung höhepunktarm dahinplätschert und das Vergehen der Zeit durch das Sprunghafte voranschreiten von Julias Schwangerschaft sowie das rasche Älterwerden ihres Kindes im Anschluss sichtbar wird, wartet die Inhaftierte tagein-tagaus auf den Termin ihrer Hauptverhandlung. Als Zuschauer beginnt man sich hingegen zu fragen, wo es mit dem bruchstückhaft wirkenden Plot überhaupt hingehen soll? Etwas Abwechslung verschafft zwar zwischendurch die Wendung zum "Beziehungsdrama"; mit dem Aufeinandertreffen von Julia und ihrem Ex-Freund, der das Massaker zu Anfang überlebte und möglicherweise sogar der Vater des Kindes ist. Doch wer sich hier schlüssige Antworten erhoffte und wissen möchte, wer nun verantwortlich für die Blut-Tat war, wird leer ausgehen. Über die Vergangenheit, das Leben und die Motive der Figuren, die abrupt in die Handlung geworfen wurden, erfährt man grundsätzlich leidlich wenig.
Neben der sehr einfach gehaltenen Inszenierung, die vielleicht genauso gewollt, die mehr als bescheidenen Lebensverhältnisse in den Gefängnissen zu skizzieren suchte, ist es eine Schwäche des Films, über den völlig verqueren Einstieg, eine Erwartungshaltung aufzubauen, die nicht befriedigt werden kann. Mag sein, dass es nicht Ziel des Films ist, die Auflösung in diese Richtung voranzutreiben; dann aber motivisch derart einzusteigen, dass Thrillerambitionen suggeriert werden, wirkt handwerklich leicht stümperhaft. Und der letzte Abschnitt, der abermals einen anderen Weg einschlägt, der im Vorhinein nicht mal unplausibel aufgebaut wurde, verhilft schlussendlich dem Werk auch nicht mehr dazu richtig "rund" zu wirken.
Das Hauptanliegen zu Hinterfragen, warum ein Rechtssystem schwangeren Straftäterinnen erlaubt, ihre Kinder vier Jahre im Gefängnis bei sich zu behalten, aber für keine lebenswürdigen Verhältnisse sorgt, wird zumindest ansatzweise behandelt, dennoch aber zu keiner Zeit ernsthaft tief beleuchtet. Dieser mangelnden Tiefe, allen Fragestellungen gegenüber, verdankt es Löwenkäfig am Ende, nicht wirklich berührt zu haben; nicht Fisch, nicht Fleisch, wird man recht unbefriedigt den Kinosaal verlassen. |